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Aus der Stadt Streit um Pflegekammer: Das sagen die HAZ-Leser
Hannover Aus der Stadt Streit um Pflegekammer: Das sagen die HAZ-Leser
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12:09 06.03.2019
Rund 3000 Pfleger demonstrierten auf dem Opernplatz in Hannover. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Etwa 3000 Pflegekräfte hatten sich Anfang des Monats auf dem Opernplatz versammelt. Sie demonstrierten mit Slogans wie „Wir Pflegende werden gebeutelt bis auf die Knochen“ gegen die Pflegekammer. Der Ärger richtet sich gegen diese noch recht junge Institution: Mitgliedschaft und die Beiträge sind für alle Beschäftigen in der Pflege verpflichtend. Auch etliche Leser der HAZ haben eine klare Meinung zum Thema:

Diktatorisch arrogant

Als Besucher des HAZ-Forums konnte ich hautnah miterleben, wie frustriert, enttäuscht und erbost die Pflegekräfte sind über den Zwang, einer Berufskammer „zugeordnet“ worden zu sein, ohne dass die Mehrheit dazu befragt wurde. Genauso ging es bei den Wahlen des Kammervorstandes zu, den gerade mal die Hälfte aller Mitglieder wählen durfte, da die andere Hälfte wegen der noch nicht abgeschlossenen Registrierung der Kammer keine Wahlunterlagen erhielt. Die Kammer-Befürworter um Frau Mehmecke beschrieben einen jahrelangen Aufbau der Kammer, zu dem die Kollegen weder kräftemäßig noch geistig in der Lage seien – eine schallende Ohrfeige für die seit Jahren vom Pflegenotstand gebeutelten Kollegen! Die seit sieben Monaten tätige Pflegekammer beschrieb ihre Tätigkeit mit Beratung und Eingaben in Ausschüssen und Kommissionen. Für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld müssten die Pflegekräfte sich selbst in den Gewerkschaften organisieren – dafür sei sie nicht zuständig. Als dann noch die Unabhängigkeit der Kammer infrage gestellt wurde, kippte die Stimmung endgültig. Dass die Pflegekräfte in Niedersachsen so heftig gegen eine Zwangskammer ohne Funktion protestieren, darf keinen Bürger mehr ernsthaft wundern. Sie belastet die Pflegenden nicht nur finanziell und mental, sondern ist auch noch diktatorisch arrogant. (Andy Kluger, Pattensen)

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Keine Hilfe zu erwarten

Wir gingen auf die Straße gegen Zwangsmitgliedschaft und Zwangsabgaben. Auf uns Pflegekräfte darf kein Zwang ausgeübt werden, das löst nicht das Problem Pflegenotstand, sondern vermehrt den Frust der Pflegenden. Hatte die SPD-geführte Landesregierung mit der Schaffung der Pflegekammer nichts Besseres zu tun, als der Berufsgruppe der Pflegenden diese Zwangsmitgliedschaft ohne eine Befragung aller Betroffenen aufzudrücken? Ich habe mich weder mündlich noch schriftlich für die Pflegekammer entschieden. Jetzt bin ich durch deren Entscheidung gezwungen und klage vor dem Verwaltungsgericht gegen die Pflegekammer Niedersachsen, auch durch die daraus resultierenden Gehaltskürzungen. Von wem kann ich Hilfe und Unterstützung erwarten? Von der Politik mit ihrer Bedenkzeit bis 2020/2021? Von den Gewerkschaften, die sagen: „Einen Rechtsstreit gegen die Zwangsmitgliedschaft unterstützen wir nicht“? Wird so der zunehmende Pflegenotstand bekämpft? (Heike Bruhn, Wunstorf Fachkrankenschwester)

HAZ-Forum zur Pflegekammer: Nur in einem Punkt herrscht Einigkeit

Ist der Protest berechtigt? Und was macht die Kammer überhaupt? Darüber wurde Ende Februar beim HAZ-Forum diskutiert.

Das HAZ-Forum im Video:

Pflegekräfte protestieren für die Abschaffung der Pflegekammer - auch in Hannover. Es geht vor allem um den Zwang zur Mitgliedschaft und die Pflichtbeiträge. Ist dieser Protest berechtigt? Was macht die Kammer überhaupt? Und wie soll Ruhe in dem Streit einkehren? Darüber wird jetzt beim HAZ-Forum diskutiert. Hier können Sie die Debatte am Abend live verfolgen.

Gepostet von Hannoversche Allgemeine Zeitung / HAZ am Montag, 25. Februar 2019

Zwang vertreibt viele Pflegende

Wenn die Pflegekammer so gut und wichtig ist, wie sie behauptet, so soll sie durch ihre Arbeit die Pflegenden davon überzeugen, freiwillig Mitglied zu werden! Bislang ist man jeden Beweis schuldig geblieben – auch während der Podiumsdiskussion im HAZ-Forum. Wenn der Kammer die Beiträge der Pflegenden per Zwang überlassen werden und man sich deshalb um gute und die „Mitglieder“ zufriedenstellende Arbeit keine Gedanken machen muss, so ist von vornherein nichts Gutes zu erwarten. Effektive Arbeit entsteht nur im Wettbewerb. Wenn die Pflegenden sehen, dass die Kammer gute Arbeit für diesen Berufsstand abliefert, werden freiwillige Mitglieder generiert. Es werden händeringend Pflegekräfte gesucht; stattdessen riskiert man durch den Zwang, dass viele Pflegende den Beruf verlassen. Ergebnis: weniger statt mehr Pflegekräfte! Dass es freiwillig geht, beweisen andere Bundesländer. (Gert-Dieter Gerlach, Gehrden)

Unmut an die richtigen Adressaten

Es ist erstaunlich, welche unsachliche Wucht entfaltet wird, wenn es gegen die Interessen der Pflege geht. Vorneweg CDU, AfD und FDP: Die CDU und FDP haben lange Jahre eine Verbesserung der Arbeitssituation der Pflegekräfte und deren Emanzipation politisch verhindert. Verantwortlich für die Situation der Pflege sind neben den erwähnten Parteien auch die jeweiligen Arbeitgeber und die Arbeitgeberverbände. Dies wären die richtigen Adressaten für berechtigte Wut und Ärger. Die erwähnte Petition kann jeder unterschreiben. Es ist nicht möglich, den Beruf auf der Petitionsseite zu erkennen. Ergo ist die Aussage über 40000 Pflegende falsch! Alle Pflegekräfte, die vom Arbeitgeber gemeldet wurden, sind zu allen relevanten Themen angeschrieben worden. Hat jemand keinen Brief erhalten, liegt die Vermutung nahe, dass ein Arbeitgeber seine Pflegekräfte nicht gemeldet hat. Die Informationen zum eigenen Jahresbeitrag waren im Anschreiben alle aufgeführt. Gleichzeitig waren alle Informationen jederzeit auf der Homepage zugänglich und wurden auch per Mail als Newsletter versendet. Liebe Kolleginnen,richtet euren berechtigten Unmut nicht gegen die Falschen. (Florian Hinz, Burgdorf)

Kein Interesse an langfristiger Sicherung

Der Pfleger Alexander Jorde erwähnt, dass die durchschnittliche Verweildauer von Pflegekräften in ihrem Beruf nur 8,4 Jahre beträgt. In einem früheren Bericht war sogar nur von fünf bis sechs Jahren die Rede! Ich frage mich, ob diese Tatsache der Politik in den vergangenen Jahren verborgen geblieben ist? Wäre es nicht, wie Jorde es sehr richtig fordert, das Naheliegendste, darauf hinzuwirken, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege grundsätzlich verbessert werden, damit die Verweildauer der bereits ausgebildeten Pflegekräfte sich drastisch erhöht? Dieser Weg zur langfristigen Absicherung der Pflege wurde in allen politischen Diskussionsrunden und anderen Veröffentlichungen zum Thema, die ich gehört, gesehen oder gelesen habe, sehr vernachlässigt! Es drängt sich die Frage auf, ob die Politik wirklich ein ernsthaftes Interesse an der Verbesserung und langfristigen Absicherung der Pflege hat oder ob es wieder einmal „nur ums Geld geht“, das heißt um die – natürlich nicht offen ausgesprochene – Zielsetzung, das gesellschaftlich Notwendige mit den (zumindest kurzfristig) niedrigsten Kosten zu erreichen! Die oft gerügte Orientierung vieler Politiker an sehr kurzfristigen Wahlzyklen anstatt an gesellschaftlich notwendigen Gestaltungsmöglichkeiten scheint hier eine große Rolle zu spielen ... (Evelyn Rommel, Hannover)

Keine positive Perspektive

Die Situation in der Pflege ist tatsächlich dramatisch, weil der Nachwuchs an Pflegekräften nicht ausreicht. Der Kampf um die Arbeitswilligen ist in dieser Gesellschaft voll entbrannt. Keine Branche, die nicht über Nachwuchssorgen klagt. Geld ist genug da, aber unser vermeintlicher Reichtum nützt nur begrenzt, wenn keiner da ist, der für dieses Geld arbeiten könnte. Die Gesellschaft, also wir, sind gefragt, wofür wir Geld ausgeben möchten; aber noch viel mehr sind wir gefragt, wo wir die verbliebenen Arbeitskräfte einsetzen wollen. Ein Soziales Jahr klingt toll, aber diese jungen Leute fehlen dann an anderer Stelle. Was die Pflege betrifft, sehe ich keine realistische positive Perspektive. Alexander Jorde nennt Kniegelenksoperationen, die verschoben werden müssten und auch mal warten können, aber eine Schenkelhalsbruch-OP bei einer 85-Jährigen kann nicht geplant und auf nächsten Monat verschoben werden. Aber vielleicht nach Budapest, wo es zudem einschließlich Transport und Reha billiger als hier wäre. Dahin wird ja auch die Ausbildung unserer Ärzte verlagert. (Dr. Ralf M. Parlar, Garbsen)

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Von red