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Aus der Stadt Südlink-Protest in Hannover wächst
Hannover Aus der Stadt Südlink-Protest in Hannover wächst
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00:19 25.02.2019
Der Protest gegen den Südlink formiert sich neu: Wilfried Aick von der Garbsener Bürgerinitiative mit einem alten Transparent. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Der Vorsitzende der Anti-Südlink-Initiative aus Garbsen kann wütend gucken. Sehr wütend. „Die Leute von Tennet haben sich geirrt, wenn sie gedacht haben, dass der Protest sich beruhigen wird, weil die Stromtrasse jetzt unterirdisch geführt wird“, sagt der 69-Jährige, als er neben einem Transparent an der Bundesstraße 6 steht. „Bei Erdkabeln gelten nicht die Abstandsregeln wie bei Überlandleitungen – das bedeutet, dass die Bedrohung jetzt noch näher an die Wohnbebauung rückt.“

Südlink bringt Gleichstrom mit 320 000 Volt

Das Transparent hängt seit einigen Jahren am Zaun eines Geflügelhofs neben der Bundesstraße, es zeigt noch die Strommasten als Symbol des Widerstands gegen Südlink, die neue Gleichstromautobahn. Mit 320 000 Volt soll sie den Windstrom von den Offshoreanlagen der Küste nun überwiegend unterirdisch zu den Industriezentren in Deutschlands Süden bringen. Dass das wegen der Energiewende nötig ist, zweifelt kaum jemand an – aber in seiner Nachbarschaft will den Südlink auch niemand haben. Im Osten Hannovers, wo zuletzt alle mit der Leitung gerechnet hatten, frohlocken jetzt die Bürgerinitiativen und -meister. Im Westen dagegen formiert sich neuer Widerstand. Er wolle keinen Verschwörungstheorien Vorschub leisten, sagt Aick: „Aber man kann schon auf die Idee kommen, dass da auf höchster Ebene politisch Einfluss genommen wurde, um die Trasse nicht im eigenen Wahlkreis zu haben.“

Das bestreitet man im Unternehmen Tennet, das als Übertragungsnetzbetreiber federführend für die Planung der Trasse in Norddeutschland ist. „Durch die detaillierten Untersuchungen der möglichen Korridorvarianten haben wir nun einen konkreten Erdkabelkorridor ermittelt, der Mensch und Natur so gering wie möglich belastet“, sagte Tennet-Vorstandschefin Manon van Beek am Donnerstagmittag. Landwirt Eckhard Seemann aus Wennigsen-Bredenbeck zweifelt daran. Die dicken Erdkabel könnten in einer 34 Meter breiten Schneise quer durch seine Äcker laufen. „Wir haben hier den fruchtbarsten Boden der Welt, und der wird sorglos für den Energietransport zerstört.“ Seit Jahrhunderten seien die Böden des Calenberger Landes bis auf die obersten 30 Zentimeter unberührt. Niemand könne derzeit vorhersagen, welche Auswirkungen Hochspannungskabel, die bis zu 55 Grad heiß werden können, auf die Erdschichten haben werden.

Interaktive Karte: Das ist der geplante Verlauf der Trasse

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Konflikt um Stromtrasse läuft seit 2012

Seit gut sechs Jahren läuft der Streit um den Südlink. Zunächst war es wegen schlechter Kommunikation und intransparenter Verfahren zu heftigen Konflikten gekommen, inzwischen hat Tennet dazugelernt und bemüht sich spürbar um frühzeitige Informationen der Öffentlichkeit. Noch ist der exakte Verlauf der Kabeltrasse nicht bekannt. 1000 Meter breit ist der sogenannte Vorschlagskorridor, den Tennet am Donnerstag vorgestellt hat – die spätere Erdkabeltrasse wird während der Bauzeit bis zu 55 Meter, nach Abschluss der Arbeiten etwa 30 Meter breit sein. Die Bundesnetzagentur muss die Planung für den Vorschlagskorridor genehmigen, dann wird in einem zweiten Schritt die genaue Trasse frühestens zum Jahresende festgelegt, bevor ab 2021 und bis 2025 gebaut werden kann.

Doch es gibt viele Konfliktfelder. Bei Neustadt ist zwar das Evenser Moor ausgenommen, doch würde die Trasse Flussauen durchqueren und ein Gebiet, in dem der geschützte Kiemenfußkrebs beheimatet ist. Bei Wulfelade befindet sich eine alte Müllkippe im Untergrund. In Garbsen könnten der Golfplatz und das Erholungsgebiet Blauer See betroffen sein. Überall formieren sich jetzt die Initiativen neu. In Garbsen hat Bürgermeister Christian Grahl für Freitagvormittag alle Beteiligten aus dem Stadtgebiet zum Runden Tisch gebeten. Später am Abend sitzt dann der örtliche Initiativ-Sprecher Aick in privatem Rahmen mit seinen Mitstreitern zusammen. Kurios: Das Treffen war sowieso geplant. „Eigentlich sollte es ein zwangloses Beisammensein werden, wir haben ja überhaupt nicht mit solchen Nachrichten gerechnet“, sagt Aick. Etwa 30 Teilnehmer hatte die Garbsener Initiative zu Hochzeiten – jetzt dürfte der Zulauf wohl größer werden.

Bürgerinitiativen formieren sich neu

Auch im Calenberger Land kündigt Jan-Eric Bothe an, die Bürgerinitiative gegen den Südlink wieder zu beleben. „Eingeschlafen“ sei der Widerstand, als alle davon ausgingen, dass die Trasse östlich von Hannover verlaufe, sagt Bothe – nun wollte man sich schon am Donnerstagabend spontan wieder treffen. Die Sympathie des Wennigser Bürgermeisters Christoph Meineke haben sie. „Als Kommune, die von Naherholung lebt, verlieren wir einen Teil unserer wichtigsten Ressource”, sagt er über die geplante Trasse.

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Die Reaktionen aber sind vielfältig. In der Nachbarstadt Gehrden sagt Bürgermeister Cord Mittendorf: „Die Stromtrasse muss gebaut werden.“ Er rechne auch damit, dass die Akzeptanz nach der Grundsatzentscheidung für Erdkabel höher ausfallen werde als zu Anfang der Planung. Landwirt Hanns Christian Seeßelberg-Buresch aus Everloh am Benther Berg dagegen fordert Oberleitungen statt Erdverkabelung, weil das die Böden besser schone. Und in Ronnenberg wiederum begrüßen Heimatforscher die bevorstehenden Erdarbeiten: Sie erhoffen sich von den Grabungen Rückschlüsse über den genauen Verlauf einer historischen Route, des Hellweges, und Belege dafür, dass die Schlacht von Runibergun im Jahr 530 auf Ronnenberger Gebiet stattgefunden hat.

In Hannovers Osten, in Uetze-Schwüblingsen, traut allerdings Landwirt Hartmut Hasberg dem Frieden noch nicht. „Wir sind froh, dass der Südlink offenbar nicht kommt“, sagt er: „Abgehakt ist die Sache für mich aber noch nicht.“

mit: Gerko Naumann, Lisa Malecha, Lisa Neugebauer, Mathias Klein, Dirk Wirausky, Anette Wulf-Dettmer

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So ist der Zeitplan

Bis Ende März will Betreiber Tennet die Unterlagen mit der sogenannten Vorschlagstrasse bei der Bundesnetzagentur zur Genehmigung eingereicht haben und bis Jahresende die Planung für den Detailkorridor fertigstellen. Der soll bis zu 55 Meter breit werden, während die bisherige Vorschlagstrasse mit 1000 Metern noch relativ ungenau ist.

Ab 25. März will Tennet Infoveranstaltungen in den betroffenen Kommunen starten. Derzeit stehen noch keine Termine fest. Sie werden unter www.suedlink.tennet.eu und in der Tageszeitung veröffentlicht.

Zum Jahresende soll das Planfeststellungsverfahren starten. 2022 könnte der Bau der 700 Kilometer langen Stromleitung beginnen und soll bis 2025 abgeschlossen sein – wenn es keine Klagen dagegen gibt.

Auch Abgeordnete zeigen sich überrascht

Nicht nur die Bürgermeister, auch die Bundestagsabgeordneten gaben sich am Donnerstag offenbar von der neuen Trassenführung überrascht. CDU-Politiker Hendrik Hoppenstedt teilte mit, dass er die bisher von Tennet favorisierte östliche Variante „begrüßt“ habe. Wichtig sei, dass die neue Erdkabeltrasse vor allem an Straßen und Schienen entlangführe, um wenig Landwirtschaftsfläche zu beeinträchtigen. Der SPD-Abgeordnete Matthias Miersch fordert, dass Bürger schnell über Details informiert werden und ihre Interessen einbringen können. Die CDU-Abgeordnete Maria Flachsbarth verlangt nach guten Entschädigungen für Landwirte und kündigt an, Kommunen bei der Beratung zu unterstützen. Die SPD-Abgeordnete Caren Marks fordert von Tennet, die Gründe für die Verlegung der Vorzugsvariante vom Osten in den Westen der Region öffentlich darzulegen.

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