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Aus der Stadt TiHo-Forscher zu Corona: „Wir erleben die Ausbreitung eines ganz neuen Virus“
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TiHo-Forscher Osterhaus zu Coronavirus: „Wir erleben die Ausbreitung eines ganz neuen Virus“

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07:11 28.01.2020
„Es ist eine neue Krankheit, die sich hier ausbreitet, und wenn sie sich weltweit ausbreitet, könnte das der Menschheit große Probleme bereiten“: Albert Osterhaus von der Tierärztlichen Hochschule Hannover beobachtet die Ausbreitung des Corona-Virus. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Das Coronavirus hat sich bislang vor allem in China ausgebreitet. Dort gibt es schon jetzt Dutzende Todesopfer. Nun gibt es einen ersten nachgewiesenen Fall in Deutschland. Im Interview erklärt der bekannte Virologe Albert Osterhaus von der Tierärztlichen Hochschule, wie sich das Virus in Deutschland eindämmen lässt – und wie Forschung aus Hannover die Entwicklung eines Impfstoffs beschleunigen könnte.

Herr Osterhaus, woran erkenne ich, ob ich an einer gewöhnlichen Atemwegsinfektion leide – oder unter dem neuen Coronavirus?

Wenn Sie aus China und insbesondere aus der Region um Wuhan zurückkommen und unter einer Atemwegserkrankung leiden, heißt das nicht, dass sie unbedingt das Virus haben. Relativ wenige Menschen haben sich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung bisher angesteckt. Eine Ansteckung mit dem Coronavirus ist möglich, es sind aber auch andere Atemwegsinfektionen im Umlauf, die Grippe etwa oder andere Viren, die die Atemwege beeinträchtigen. Die Symptome kann man eigentlich nicht unterscheiden. Darum ist es besonders wichtig, sofort zum Arzt zu gehen.

Preisgekrönter Virologe: Albert Osterhaus

Der Virologe und Tiermediziner Albert Osterhaus ist seit 2014 Direktor des Research Center for Emerging Infections and Zoonoses an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Dort beschäftigen sich rund 100 Mitarbeiter mit Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragbar sind. Dazu gehören Influenzaviren, Viren der klassischen Schweinepest, der Frühsommer-Meningoenzephalitis – und das sich aktuell von China aus ausbreitende Coronavirus.

Im April 2003, auf dem Höhepunkt der SARS-Epidemie, wies eine Arbeitsgruppe um Osterhaus neben anderen nach, dass die Krankheit durch ein bis dahin unbekanntes Coronavirus verursacht wird, das unter anderem in Zibetkatzen und Fledermäusen vorkommt. 2016 wurde Osterhaus dafür vom Global Virus Network, einer Vereinigung führender Virologen, im japanischen Sapporo mit dem „Robert Gallo Award for Scientific Excellence and Leadership“ ausgezeichnet. In der Arbeit des Niederländers geht es darum, wichtige Zusammenhänge zwischen Erkrankungen von Mensch und Tier unter der Berücksichtigung von Umweltfaktoren zu erkennen. Gemeinsam mit seinen Arbeitsgruppen war er so beispielsweise an der Entdeckung von über 50 Viren bei Mensch und Tier beteiligt und unterstützt die World Health Organization (WHO) bei der Bekämpfung weltweit relevanter Krankheiten wie SARS, MERS und der Vogelgrippe.

Wie gefährlich ist dieses Virus denn für den einzelnen Menschen – im Vergleich zur Grippe etwa?

Ungefähr 80 Menschen sind nach jetzigem Stand gestorben – die meisten hatten Vorerkrankungen. Es ist ähnlich wie bei der Grippe. Die meisten Menschen die sterben, waren schon geschwächt – manche ältere Menschen und Menschen, deren Immunsystem durch eine Krankheit bereits beeinträchtigt ist.

„Eine neue Krankheit, die sich ausbreitet“

Was Sie schildern, hört sich zunächst nicht besonders dramatisch an. Die Chinesen betreiben aber einen immensen Aufwand, das Virus einzudämmen – ganze Städte und Regionen werden abgeriegelt. Ist das übertrieben?

Das ist überhaupt nicht übertrieben. Wir erleben die Ausbreitung eines ganz neuen Virus. Man könnte sagen: Bisher sind „nur“ 80 Menschen gestorben – aber es sind immerhin 80 Menschen. Es ist eine neue Krankheit, die sich ausbreitet, und wenn sie sich weltweit ausbreitet, könnte das der Menschheit große Probleme bereiten. Es ist vergleichbar mit der Ausbreitung des SARS-Virus vor einigen Jahren, als am Ende etwa 800 Menschen gestorben sind und etwa 8000 infiziert wurden. Bereits jetzt beobachten wird bei diesem Virus eine massive Infektionsrate von fast 3000 Menschen mit 80 Toten. Wenn dieses Virus sich um den Globus ausbreiten würde, wobei wir derzeit nicht wissen, ob wir das Virus eindämmen können, hätten wir eine neue Krankheit. Jetzt ist der Moment, das zu verhindern, und wir hoffen, dass wir tatsächlich die Mittel dazu haben werden.

„Cancelled“: Eine Anzeigetafel im Flughafen Heathrow zeigt einen gestrichenen Flug aus Wuhan. Quelle: Steve Parsons/PA Wire/dpa

Im Moment scheint die Situation unter Kontrolle. Könnte sich das ändern?

Wir haben in den vergangen Tagen eine Schwierigkeit beobachtet: Es gibt Menschen, die sich noch in der Inkubationsphase befinden und keine Symptome zeigen, aber dennoch andere anstecken können. Über die Flughäfen könnten Menschen das Virus einschleppen, die nicht auffallen, weil sie keine Anzeichen einer Erkrankung haben. Das macht es so wichtig, dass die Menschen, die jetzt aus China kommen, gut informiert sind und sofort einen Arzt aufsuchen, wenn sie Symptome einer Atemwegserkrankung zeigen, damit sie auf das Virus getestet werden können.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Es sind eigentlich vier Dinge, die derzeit wichtig sind: Das erste ist, die breite Bevölkerung aufzuklären. Was sind die Maßnahmen, das Virus einzudämmen, wie groß ist die Gefahr, wie hoch ist das Risiko? Die Weltgesundheitsorganisation hat klare Handlungsanweisungen für Menschen entwickelt, die sich in einer Region befinden, wo das Virus aktiv ist. Das Zweite ist – und das haben wir schon – eine Diagnose zu entwickeln, um Ansteckungen so schnell wie möglich zu entdecken und diese Menschen zu isolieren. Derzeit wissen wir noch nicht, wie schnell sich das Virus von Menschen zu ausbreitet. Das Dritte ist: antivirale Medikamente geben. Bei unseren Forschungen zu SARS haben wir herausgefunden, dass es ein Medikament gibt, das gut gegen das SARS-Corona-Virus wirkt. Für das neue Virus gibt es das leider noch nicht. Das vierte Instrument sind Impfungen.

Gibt es bereits einen Impfstoff?

„Unsere Arbeit könnte die Entwicklungszeit für einen Impfstoff gegen das aktuelle Virus auf zwei bis drei Jahre verkürzen“: Ein Computermonitor zeigt die Elektronenmikroskopaufnahme eines MERS-Coronavirus, einem engen Verwandten des neuartigen Coronavirus. Quelle: Arne Dedert/dpa

Nein. Das Problem ist: Bei einem neuen Virus dauert es normalerweise – wenn es überhaupt gelingt – sechs bis zehn Jahre, einen neuen Impfstoff zu entwickeln. Wir sind an der TiHo derzeit daran beteiligt, einen Impfstoff für ein ähnliches Coronavirus zu entwickeln, das MERS-Corona-Virus, das wir vor einigen Jahren in Saudi-Arabien entdeckt haben. Es hat ähnliche Eigenschaften, obwohl es sich nicht so schnell verbreitet. Wobei es einen Ausbruch in Südkorea gab, wo ein einzelner Mensch viele andere angesteckt hat, und über 30 gestorben sind.Wir arbeiten derzeit mit mehreren anderen Gruppen in Deutschland an einem Impfstoff gegen dieses MERS-Corona-Virus und stehen kurz vor klinischen Tests. Dieses Virus zeigt Ähnlichkeiten, ist aber anders. Der Impfstoff hätte also keinen Schutz gegen das neue Virus. Aber unsere Arbeit könnte die Entwicklungszeit für einen Impfstoff gegen das aktuelle Virus auf zwei bis drei Jahre verkürzen. Derzeit haben wir also keine andere Möglichkeit, als das Virus zu kontrollieren, indem wir infizierte Menschen möglichst schnell identifizieren und isolieren.

Gibt es generell ein erhöhtes Risiko, dass Viren von Tieren auf Menschen überspringen?

Die meisten größeren Ausbrüche der vergangenen Jahre wie MERS, SARS oder die letzte Influenzapandemie wurden von Tieren auf den Menschen übertragen. Was wir derzeit erleben, ist sehr vergleichbar mit SARS. Die Erstübertragung ist wahrscheinlich auf Marktplätzen in China, wo Tiere auch für den menschlichen Verzehr gehandelt werden. Bei SARS wissen wir inzwischen, dass es meistens Zibetkatzen waren, von wo aus das Virus die Barriere zum Menschen übersprungen hat. Wie bei der Asiatischen Grippe oder der Vogelgrippe kann das Virus Menschen infizieren und ernsthaft krank machen oder töten. Das aktuelle Coronavirus hat auch von Tieren auf den Menschen übergesiedelt, wahrscheinlich auf einem Marktplatz in China. Jetzt ist es vor allem wichtig, herauszufinden, mit welchem Faktor sich das Virus ausbreiten kann: Wie viele weitere Menschen kann ein infizierter Patient anstecken? Ist es mehr als einer – das ist aktuell der Fall – kann sich das Virus weiter verbreiten.

Maßnahmen wie in China in Europa kaum möglich

Ist das, was derzeit außerhalb von China unternommen wird, ausreichend?

Das wissen wir noch nicht. Verschiedenen Länder tun, was sie können. Drakonische Maßnahmen wie in China werden in Europa kaum möglich sein. Es wäre enorm schwierig, Hannover oder Berlin hermetisch abzuriegeln. Hier werden wir auf Verhaltenshinweise angewiesen sein: Hände waschen, Menschenansammlungen vermeiden, dazu Patienten schnell erkennen und isolieren etc. So haben wir SARS in den Griff bekommen. Dieses Virus verbreitet sich etwas anders als SARS, darum können wir noch nicht sicher sein, dass es am Ende funktioniert. In Deutschland sollten wir wahrscheinlich in der Lage sein, das Virus von Anfang an einzudämmen.

Sollte man Reisen nach China derzeit vermeiden?

Es kommt darauf an, wohin Sie fahren wollen. Nach Wuhan sollte man derzeit nicht reisen. Allgemein ist das Infektionsrisiko aber nicht zu hoch. Solange die Weltgesundheitsorganisation WHO von Reisen in bestimmte Gebiete nicht abrät, ist es im Prinzip nicht unmöglich. Vor einer Reise sollte man sich also auf der Internetseite der WHO und anderer Gesundheitsbehörden informieren. In China sollte man Krankenhäuser, Märkte und generell Menschenansammlungen vermeiden und regelmäßig die Hände waschen – und niemals Tiere anfassen.

Und hier in Hannover?

In Hannover gibt es derzeit überhaupt kein Risiko einer Ansteckung mit diesem Virus. Im Moment jedenfalls nicht.

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