Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Das älteste Reformhaus Hannovers ist geschlossen
Hannover Aus der Stadt

Traditionsladen schließt: Das älteste Reformhaus Hannovers ist geschlossen

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:51 08.11.2019
Im Reformhaus Schmelz (später Bacher) in Kleefeld gab es schon Naturkosmetik, als daran in den „normalen“ Läden noch nicht zu denken war. Hier ein altes Foto, vermutlich aus den Sechzigerjahren. Quelle: Repro: Mario Moers
Kleefeld

Mehr als 80 Jahre gehörte es zu Kleefeld wie der Pferdeturm, Hannovers ältestes bestehendes Reformhaus. Von 1937 datiert der Mietvertrag für das kleine Reformhaus Bacher an der Scheidestraße 35, das nun die Ladentür für immer geschlossen hat. Weil zuletzt allerdings immer weniger Kunden kamen und die Sanierung des Ladens teuer geworden wäre, beschloss die in Düsseldorf ansässige Kette, die Filiale zum Ende des vergangenen Monats aufzugeben – ein Umstand, den viele Stammkunden bedauern werden. Das ehemalige Reformhaus Schmelz verkörperte in seiner altertümlichen Gemütlichkeit und dem puristischen Angebot auch die Gründerzeit einer Bewegung, die sich in einem großen Wandlungsprozess befindet.

„Es war immer da“

Das älteste Foto aus dem eigenen Archiv zeigt das Reformhaus Schmelz in den Dreißigerjahren. Der Mietvertrag wurde 1937 unterzeichnet. Quelle: Repro: Mario Moers

„Wir hatten 90-jährige Stammkunden, die hier schon als kleines Kind mit ihren Eltern zum Einkaufen kamen“, berichtet die langjährige Marktleiterin Angelika Sprengel. Auch der Juwelier von nebenan, Jürgen Witte, kann das bestätigen. „So lange ich mich erinnern kann, gab es das Reformhaus“, sagt er. Auch sein Laden hat eine fast 100-jährige Geschichte am Kantplatz. „Es ist bedauerlich, dass so ein Traditionsgeschäft aufgeben muss“, kommentiert Bezirksbürgermeister Henning Hofmann das Aus.

Frauentrank und Heilerde

Frisches Bio-Obst zählte lange zu den wichtigen Kundenmagneten des Kleefelder Reformhauses – bis jeder Supermarkt es nach der Jahrtausendwende in sein Sortiment aufnahm. Quelle: Angelika Sprengel

Frisches Bio-Obst war Kundenmagnet

Die hannoversche Reformhauskette Schmelz, zu der die Kleefelder Filiale bis 2002 gehörte, entstand kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert. 1907 gründete der Kaufmann Gehrhard Schmelz in der Südstadt (Dieterichsstraße) ein kleines Versandhaus für Rohköstler und Vegetarier. Seine Frau Emma eröffnete 1915 das erste Schmelz Reformhaus an der Osterstraße. „Später gab es Schmelz-Reformhäuser an jeder Ecke in Hannover, überspitzt gesagt“, erzählt Sprengel. Auf Schwarz-Weiß-Fotos im Ladenkeller ist zu sehen, das sie im Angebot heutigen Reformhäusern kaum nachstanden. Werbung für „Rabenhorster Traubensaft“ ist auf einem Bild aus den Dreißigerjahren zu sehen – auf einer Kreidetafel wird für Heilerde, Fettcreme, Frauentrank und andere „Gesundkost“ geworben.

Bergab ging das Geschäft mit den natürlichen Lebensmitteln, Kosmetika und Heilmitteln vor etwa 20 Jahren, zuerst langsam, dann schneller. Traditionell zählte frisches Bio-Obst in Kleefeld zu den Kundenmagneten. „Als auf dem Kronsberg die Hermannsdorfer Landwerkstätten aufmachten, kauften viele Kunden ihr Obst dort auf dem ökologischen Hof“, erinnert sich die Filialleiterin. Dann kamen die Bio-Supermärkte, das Internet und die Bio-Abteilungen der normalen Supermärkte, dann das Aus.

Während die Zukunft des leerstehenden Geschäfts noch unklar ist, weiß die Reformhaus-überzeugte Filialleiterin schon, wie es weitergeht. Als Wahlkämpferin für den Grünen Oberbürgermeister-Kandidatin streitet sie nun auch in ihrer Freizeit für ökologische Themen. Die Kleefelder Mitarbeiter werden künftig in anderen Filialen im Stadtgebiet eingesetzt.

Seit fast 100 Jahren gehörte das Reformhaus zu Kleefeld wie der Pferdeturm, in dessen Nähe es sich bis letzte Woche befand. Nun hat das Reformhaus Bacher (ehemals Schmelz) dicht gemacht.

Lesen Sie auch:

Von Mario Moers

Den Beamtinnen und Beamten der Reiterstaffel der Polizeidirektion Hannover steht ein Umzug ins Haus. Sie müssen im nächsten Jahr die Ställe am Welfenplatz in Hannover verlassen und in Celle ihr Quartier aufschlagen. Die Ställe in Hannover müssen umgebaut werden, weil sich rechtliche Bestimmungen geändert haben.

08.11.2019

Die BKK 24 muss ein Reha-Sehtraining für einen schwer sehbehinderten Jungen bezahlen, obwohl das Training keine Kassenleistung ist. Weil sie bei der Bearbeitung des Kostenantrags schlampte, bekommen die Eltern jetzt 1080 Euro zurück.

08.11.2019

So bemerkenswert kann das Leben in Hannover sein: In der täglichen Kult-Glosse „Lüttje Lage“ erzählen HAZ-Autoren von den skurrilen, absurden und lustigen Erlebnissen des Alltags. Heute: Männer mit Meinung

08.11.2019