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Aus der Stadt 10.000 Zeugen Jehovas treffen sich zu Kongress
Hannover Aus der Stadt 10.000 Zeugen Jehovas treffen sich zu Kongress
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00:16 26.06.2017
Von Simon Benne
„Wir dürfen nicht aufgeben, besonders jetzt nicht“: Drei Tage lang füllen Zeugen Jehovas die TUI-Arena. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Von der Begrüßung bis zum Satan sind es nur drei Minuten. Und mit Satan, das wissen auch religiöse An-alphabeten, ist nicht gut Kirschen essen: „Satan versucht alles, um uns abzuhalten, weiterhin Jehova zu dienen“, sagt Olaf Lehmann beschwörend. Dann ermuntert der Redner, der „Reisender Aufseher“ bei den Zeugen Jehovas ist, seine Gemeinde zum Ausharren: „Wir weichen nicht zurück.“

Bibelverse auf dem iPad

Es ist ein fast alttestamentlich anmutendes Bild: Heerscharen von Pilgern sind hierher geströmt; rund 10.000 Besucher sind schon bei der Eröffnung des großen Kongresses der Zeugen Jehovas dabei. Die Glaubensgemeinschaft schafft, was sonst nur Stars wie Helene Fischer schaffen: Sie füllt an drei Tagen hintereinander die TUI-Arena. Bis zum Sonntagnachmittag stehen dort beim Kongress unter dem Motto „Gib nicht auf!“ Vorträge, Videovorführungen und die Taufe neuer Mitglieder auf dem Programm.

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Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas schafft, was sonst nur Stars wie Helene Fischer schaffen: Sie füllt an drei Tagen hintereinander die TUI-Arena. Bis Sonntag stehen dort beim Kongress unter dem Motto „Gib nicht auf!“ Vorträge, Videovorführungen und die Taufe neuer Mitglieder auf dem Programm.

„Für uns ist so ein Kongress wie für andere Leute Weihnachten – ein Highlight, auf das wir uns seit Wochen freuen“, sagt Therese Bullmann, die mit ihrer Familie aus Gifhorn angereist ist. Viele Männer tragen Anzug, Frauen sind in großer Garderobe gekommen, Kinder sogar mit Krawatten und Kleidchen.

Auf der Großbildleinwand sind Videos zu sehen; Tiere im Sonnenschein, Wälder von oben und lesende Menschen am See. Dazu schmachten Geigen. Tausende greifen zu ihren Tablets, als Lied Nummer 143 erklingt. Das iPad hat das Gesangbuch hier abgelöst: „In der Nacht dieser bösen Zeit leuchtet strahlend ein Licht“, singen sie. Und: „Die Zeit, sie läuft ab.“

Das angeblich nahende Ende liegt wie ein Leitmotiv über vielen Beiträgen. „Wer bis zum Ende ausgeharrt haben wird, der wird gerettet werden“, sagt ein Redner. Tausende Fingerkuppen wischen sich auf dem Tablet von Galater 6,9 zu Offenbarung 12,7, um die Bibelverse nachzulesen. Die Erde hienieden erscheint dabei als ziemliches Jammertal, von dessen Versuchungen man sich besser fernhält, weil die Frommen am Ende belohnt werden. „Wir dürfen nicht aufgeben, besonders jetzt nicht“, sagt Lehmann.

Die großen Kirchen schrumpfen, vielleicht sind ihre Mitglieder in ein, zwei Generationen ihrerseits ein belächeltes Häuflein. Dennoch mögen ihre Vertreter die Zeugen Jehovas nicht mit dem Band ökumenischer Eintracht umschlingen. „Wir sind auf Abstand“, sagt Hannovers evangelischer Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann: „Wir bestreiten dieser Gruppe eine angemessene Deutung der Heilsgeschichte.“ Die Lehre der Zeugen Jehovas vom „göttlichen Strafgericht“ widerspreche der Erlösung durch Christus, wie sie die Kirchen verstehen.

Auch Hannovers oberster Katholik, Propst Martin Tenge, sieht die Zeugen Jehovas nicht als christliche Konfession, sondern als Glaubensgemeinschaft eigener Art: „Grundsätzlich problematisch finde ich, dass sie Prinzipien des gesellschaftlichen Lebens wie zum Beispiel politische Wahlen ablehnen“, sagt er.

In der Vergangenheit haben die Zeugen Jehovas den Fehler begangen, ihre religiöse Lehre empirisch überprüfbar zu machen. Wiederholt sagten sie zu bestimmten Daten eine Art Weltuntergang voraus, der dann eben ausblieb. Anschließend mussten sie exegetische Klimmzüge vollführen, um die eigene falsche Prophezeiung nachträglich umzudeuten.

Zeugen missionieren offensiv

Gleichwohl gelingt es ihnen, durch offensives Missionieren immer wieder neue Mitglieder zu werben. Auch Estera Dürr, die mit ihrer Familie aus Wolfsburg in die TUI-Arena gekommen ist, klingelt dafür an fremden Haustüren: „Es ist so, dass das Herz uns drängt“, sagt die 37-Jährige: „Es geht ja um eine lebensrettende Botschaft.“

Ein großer Teil der Kongressbesucher, sagt Pressesprecher Ruben Gräf, sei erst im Erwachsenenalter zu den Zeugen gestoßen: „Es gibt nach wie vor ein gewisses Bedürfnis nach Religion“, sagt er. „Im persönlichen Gespräch öffnen sich die Menschen dann dafür.“

Früher sei sie neuapostolisch gewesen, sagt eine 33-Jährige vor der TUI-Arena. Doch auf ihre Fragen nach Leid und Tod habe ihr dort niemand eine Antwort geben können. Dann stieß sie zu den Zeugen Jehovas. „Wenn wir sterben, schlafen wir, bis Jehova alle auferweckt und wir auf Erden leben werden“, sagt sie heute zufrieden. „Hier habe ich Antworten gefunden.“

Die Zeugen Jehovas bieten viel Eindeutigkeit und wenig Raum für Zweifel. Viel Schwarz, viel Weiß und wenig Grau. Und neben dem guten Gott steht bei ihnen noch jener böse Satan, der den Theologen der etablierten Kirchen inzwischen so peinlich ist wie ein täppischer alter Verwandter vom Lande.

Das sind die Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas verstehen sich als christliche Glaubensgemeinschaft. Allerdings unterscheiden sie sich von den klassischen Kirchen hinsichtlich der Bibelauslegung und ihrer Vorstellung von Gott („Jehova“). Auch das Feiern christlicher Festtage wie Ostern und Weihnachten lehnen sie ab. Experten ordnen die Zeugen Jehovas, die nach eigenen Angaben weltweit acht Millionen Anhänger haben (Deutschland: 165.000), dem fundamentalistischen Spektrum zu.

Die Glaubensgemeinschaft wurde um 1880 in den USA von Charles Taze Russell gegründet. Die auch als „Bibelforscher“ bekannten Zeugen Jehovas sind für ihr offensives Missionieren an Haustüren und das Verteilen von Zeitschriften wie „Erwachet!“ bekannt. In ihrem Glaubenskosmos spielt das Nahen der Endzeit eine wichtige Rolle. Sie glauben, dass Jesus nach einer Entscheidungsschlacht („Harmageddon“) ein tausendjähriges Reich Gottes errichten wird. Danach sollen 144.000 Getreue im Himmel die Unsterblichkeit erhalten.

Kritiker prangern die autoritären Führungsstrukturen der Zeugen Jehovas und den restriktiven Umgang mit ehemaligen Mitgliedern an. Auch, dass die Glaubensgemeinschaft Bluttransfusionen aus religiösen Gründen ablehnt und dass die Zeugen Jehovas sich von politischen Aktivitäten wie Wahlen fernhalten, wird oft bemängelt. In der NS-Zeit lehnten Zeugen Jehovas oft konsequent Hitlergruß und Kriegsdienst ab, viele wurden in KZs ermordet.