Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt 1000 Streikende gehen von langem Ausstand aus
Hannover Aus der Stadt 1000 Streikende gehen von langem Ausstand aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:48 08.05.2015
Von Rüdiger Meise
„Jetzt aufwerten“: Unter den Streikenden im Pavillon ist auch Sozialpädagogin Claudia Bohnsack. Quelle: Nigel Treblin
Anzeige
Hannover

Die Stimmung ist kämpferisch. Rund 1000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter organisieren im Pavillon den ersten Tag des großen Streiks der Beschäftigten im kommunalen Erziehungs- und Sozialdienst. Alle richten sich auf einen langen Ausstand ein. Die ersten Pläne gehen von mehr als zwei Wochen aus. Gewerkschaftssekretärin Birgit Schütte macht klar, dass dies kein Arbeitskampf wie jeder andere ist: „Es geht nicht nur um eine Gehaltserhöhung, sondern um die gesellschaftliche Aufwertung der sozialen Berufe.“ Deshalb sei die Forderung nach 10 Prozent mehr Lohn auch keineswegs überzogen. „Das ist ein politischer Streik!“

Der große Arbeitskampf will gut organisiert sein. Schütte muss mit Mikrofon auf der Bühne zahlreiche Fragen beantworten: Was mache ich, wenn ich krank werde? Wie bekomme ich mein Streikgeld? Am Rand des prall gefüllten Saals stehen Anja Djahandideh und Christina Elbeshausen und bestärken sich gegenseitig in ihrer Streikbereitschaft. In den vergangenen Jahren hätten die Anforderungen an eine Erzieherin ständig zugenommen, sagen sie: Inklusionskinder, mehr Elternarbeit, mehr Kinder mit Migrationshintergrund, mehr Umgang mit Ämtern, anderen Einrichtungen und Therapeuten. „Jetzt wollen wir die Chance nutzen, das endlich honoriert zu bekommen“, sagt Anja Djahandideh.

Anzeige
Der unbefristete Streik der Sozialarbeiter und Erzieherinnen hat begonnen.

Miriam Bauer von der Jugendhilfe hält der Gesellschaft einen Spiegel vor: „Wir bezahlen Bankangestellte, die auf unser Geld aufpassen, sehr viel besser als die, die auf unsere Kinder aufpassen“, sagt sie. „Da stimmt doch was ganz grundsätzlich nicht.“ Bauer hat sich mit rund hundert Frauen (und zwei Männern) entschlossen, den Streikchor zu bilden. Bevor gesungen wird, notieren sich die Chormitglieder Auftrittstermine – sie reichen bis Pfingsten. Dann sieht man weiter.

Eine komplette Wand im großen Saal des Pavillons hängt voll mit Listen von hannoverschen Schülerläden, Elterninitiativen, Betriebskitas, Krippen oder Krabbelgruppen. „Unsere Streikenden gehen in alle nicht-kommunalen Einrichtungen und informieren über unsere Ziele“, erklärt Patrick Plätte von der Streikleitung. „Für deren nächste Tarifrunden hat der kommunale Dienst eine Vorbildfunktion“, sagt er. Die Arbeitskämpfer im Pavillon verstehen sich als die Speerspitze eines ganzen Berufsstandes.

Viele Streikende sind Mütter – sie haben während ihres Arbeitskampfs das gleiche Betreuungsproblem wie Tausende andere Mütter in Hannover. Einige haben ihre Kinder ins Streiklokal mitgebracht. Wie Karen Wunsch. Nach zwei Stunden Streikbesprechung im Pavillon beginnt ihre Tochter Lena zu nörgeln: „Langweilig!“, ruft die Sechsjährige. Jetzt gehen Mutter und Tochter erst mal in die Stadt und kommen später wieder. „Hier fehlt ganz klar eine Kinderbetreuung“, sagt Karen Wunsch inmitten von mehr als 750 Kinderbetreuerinnen.

Auf die Frage einer Mutter, wie sie Streik und Kinderbetreuung gleichzeitig bewältigen soll, antwortet Patrick Plätte von der Streikleitung: „Kriegt es bitte irgendwie hin.“

Kritik an Gewerkschaft im Umland

Ungewöhnlich scharf hat Isernhagens Bürgermeister Arpad Bogya die Haltung der Gewerkschaft im Kita-Streik kritisiert. „Eine bodenlose Unverschämtheit“ nannte er die Ungleichbehandlung von Kommunen. Während Verdi mit Hannover und der Wedemark Notgruppen ausgehandelt hatte, war das in Isernhagen unterblieben. Verdi-Mann Michael Patschkowski konterte: „Ein Stück weit muss Streik aber auch wehtun.“ Man werde „vielleicht“ in der kommenden Woche mit Isernhagen über Notgruppen reden.

Im Seelzer Ortsteil Gümmer hingegen haben Eltern kurzerhand die Geschicke selbst in die Hand genommen und die Betreuung in einer städtischen Kita organisiert. „Aus der Not heraus entstanden“ sei die Idee, sagte Mutter Mirjam Erkoc. Eltern haben sich in eine Betreuungsliste eingetragen und übernehmen nun abwechselnd Dienste in „ihrer“ Kita. Mit der Stadt seien schwierige Verhandlungen vorausgegangen, sagte Erkoc. So mussten die Eltern auf jegliche Haftungsansprüche verzichten. „Das klingt alles leicht, ist es aber nicht“, bedauert Erkoc. Ohnehin sei alles nur eine Notlösung, viele Eltern hätten Urlaub nehmen müssen: „Lange halten wir das nicht durch.“

Derweil hat Burgdorf eine Demonstration der Streikenden erlebt. Etwa 250 Kita-Erzieher und andere Beschäftigte aus Sozial- und Pflegeberufen zogen mit Trillerpfeifen und Sprechchören durch die Stadt. Für Montag, 10 bis 14 Uhr, hat Verdi zum Streikfest hinterm Rathaus II in Burgdorf, Vor dem Hannoverschen Tor 1, eingeladen.

wal/rem/bis

09.05.2015
Andreas Schinkel 08.05.2015
11.05.2015