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Aus der Stadt „Sagen Sie nicht, dass es gesund ist“
Hannover Aus der Stadt „Sagen Sie nicht, dass es gesund ist“
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00:15 22.08.2013
Von Stefanie Nickel
Den Süßigkeiten 
die Zähne zeigen:
 Maya (links) und Malin 
mümmeln in der Frühstückspause oft Karottenstückchen. Quelle: Nico Herzog
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Hannover

Wenn Eltern die Brotdosen für ihre Kinder falsch packen, greift Karina Heuer schon einmal zum Telefonhörer und benachrichtigt die Erwachsenen. In der Grundschule Hoffmann von Fallersleben in Bothfeld gibt es feste Regeln für das, was in die Brotdose gehört – oder eben nicht. Möhrchen, Gurke und belegte Vollkornbrote sind okay. Schokoriegel, Gummibärchen und Kuchen kommen nicht in die Dose.

Klassenlehrerin Karina Heuer unternimmt einiges, um ihren Schützlingen zu zeigen, was gesunde Ernährung bedeutet. Vor einigen Wochen etwa war sie mit den Schülern der Klasse 2c beim Zahnarzt. Die Kleinen mampften belegte Brote, Möhrchen und Apfelspalten und lernten dabei, dass Limonade ungesund und Karotten gesund sind. Zur Erinnerung gab es die Nachbildung eines Backenzahns mit nach Hause. „Die Kinder kommen mit viel Wissen zu uns“, sagt Heuer. „Die Grundlagen der gesunden Ernährung haben sie schon im Kindergarten gelernt.“

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Nicht alle Kinder lassen sich mühelos für Obst und Gemüse begeistern. Aus diesem Grund nimmt Thomas Ellrott die Worte „gesund“ und „Ernährung“ nicht in den Mund, wenn er mit Kindern über Essen spricht. Das erscheint verwunderlich. Ellrott ist Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen. „Die Formulierung ‚gesunde Ernährung‘ löst bei Kindern gleich Widerstände aus“, sagt er. Kinder könnten zwar sehr gut zwischen gesund und ungesund unterscheiden. „Wenn sie aber die Wahl haben, greifen sie zum Ungesunden. Das Gesunde assoziieren sie mit ‚Schmeckt mir nicht‘.“

Obst, Gemüse 
und Vollkornbrot gehören in die 
Pausenbrotdose. Nicht jedem Kind gefällt das –
 aber immer mehr kommen auf den Geschmack.

In der Klasse 2c von Heuer werden gerade die Frühstücksdosen ausgepackt. In den bunten Plastikbehältern liegen belegte Vollkornbrote, Obst und Gemüse. Der siebenjährige Paolo ist besonders stolz auf seine Honigmelone. „Die ist supersüß“, sagt er. Ben hat seine Box mit vier verschiedenen Fächern vor sich aufgebaut. „Er mag es geordnet“, sagt Mutter Veronika Meyer. Ben kaut. „Am besten schmeckt mir die Paprika“, sagt der Siebenjährige. Mutter Meyer schmunzelt. Sie weiß, dass Ben zu Hause auch noch ganz andere Lieblingsessen hat, die sich vornehmlich in der Schublade für Süßigkeiten befinden. In der Schule aber gibt es Süßes nur zu besonderen Anlässen. „Ich bin froh, dass es für die Schule feste Regeln gibt, das erspart mir zu Hause Diskussionen.“

Nicht überall ist die Welt so in Ordnung wie an der Grundschule Hoffmann von Fallersleben. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig. Ein Drittel von ihnen ist so dick, dass man von Fettleibigkeit spricht. Noch vor 20 Jahren waren es halb so viele. Die Zahl der Kinder, die an Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes leiden, steigt stetig. Kinder aus sozial benachteiligten Familien trifft es am schlimmsten. Sie sind dreimal so häufig adipös wie Kinder und Jugendliche mit hohem Sozialstatus. Das Gewicht eines Kindes sagt also auch etwas über seine soziale Stellung aus.

Ernährungspsychologe Ellrott warnt davor, angesichts dieser Zahlen Süßes generell zu verteufeln. Zwar müsse es Regeln geben, diese dürften aber nicht zu rigide sein. „Es muss Verhaltensspielräume geben, sonst wird später überkompensiert“, sagt er. „Wer zu Hause nichts Süßes essen darf, wird, wann immer er kann, die zuckrigste Limonade trinken.“

Das raten Ernährungsexperten

Empfehlenswert:

  • Vollkornbrot oder Brötchen, dünn bestrichen mit Butter oder Frischkäse und belegt mit magerem Schinken, fettarmer Wurst, Käse oder vegetarischem Brotaufstrich.
  • Joghurt oder fettarmer Quark mit klein geschnittenem Obst.
  • Milch-, Joghurt- oder Buttermilchdrinks ergänzen das Schulbrot und erfrischen in den Pausen.
  • Frisches Obst und Gemüse nach Saison wie Erdbeeren, Apfelschnitze, Kirschen, Melonenstücke und Gurken, Paprika, Karotten oder Radieschen.
  • Ausreichend Flüssigkeit in Form von Mineralwasser, ungesüßten Tees oder Fruchtsaftschorlen sollte den Kindern immer zur Verfügung stehen.

Nicht empfehlenswert

  • Fruchtnektare und zuckerhaltige Limonaden sollten aufgrund ihres hohen Zuckergehalts nicht zum Schulfrühstück gehören.
  • Süße Riegel, Schnitten und ähnliche Pausensnacks sind weniger empfehlenswert. Klein und handlich sind sie zwar äußerst praktisch für unterwegs, enthalten aber relativ viel Fett und Zucker. Sie gehören nicht zum täglichen Pausenbrot.

Das zunehmende Übergewicht der Kinder hängt nicht nur mit Limonaden und Chips zusammen. „Wir leben in einer Sitzgesellschaft. Die Kinder werden mit dem Auto zur Schule gefahren, sitzen dann in der Klasse und nachmittags vorm PC“, sagt der Psychologe. Hinzu komme die ständige Verfügbarkeit. „Unsere Welt ist zu einem 24-Stunden-Supermarkt geworden“, sagt Ellrott. „Wir können uns ständig bedienen, und das machen wir auch.“

In der Klasse 2c der Grundschule Hoffmann von Fallersleben werden die Brotdosen langsam zugeklappt. Ben schiebt sich das letzte Stück Paprika in den Mund. „Paprika essen wir zu Hause eigentlich nie“, sagt Meyer. Aber eines Tages habe Ben nach Paprika verlangt. „Er muss sich das irgendwie abgeguckt haben.“

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