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Aus der Stadt Ein ganz besonderes Stück
Hannover Aus der Stadt Ein ganz besonderes Stück
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19:35 09.11.2014
Von Simon Benne
Relikt eines Fruchtbarkeitskultes: Thomas Schwark, Stefan Schostok und Wolfgang Gebler (v. l.) mit der neu erworbenen Phallusfigur.
Relikt eines Fruchtbarkeitskultes: Thomas Schwark, Stefan Schostok und Wolfgang Gebler (v. l.) mit der neu erworbenen Phallusfigur. Quelle: Behrens
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Da herrschte Stille im Museum. Manche Stirn legte sich in Falten, und mancher Kiefer klappte auf. Geburtstagsgeschenke gehören bei Jubiläen nun einmal dazu, und meist zählt nicht die Größe, sondern die Geste. Doch der Freundeskreis Antike und Gegenwart verehrte dem Museum August Kestner beim Festakt zu dessen 125-jährigem Bestehen jetzt ein ganz besonderes Stück: eine antike „Phallophorie- Darstellung“. Eine tönerne Skulptur von Figuren, die einen präzise herausgearbeiteten Riesenpenis schleppen. Manchmal ist ein Phallussymbol eher Phallus als Symbol. Als Freundeskreis-Präsident Wolfgang Gebler das Geschenk vor gut 150 Gästen enthüllte, herrschte beeindrucktes Schweigen. Offenbar hatten die Besucher die kulturhistorische Bedeutung des Stückes sofort erfasst.

„Dieses Artefakt beweist, dass Herodot recht hatte“, sagt Gebler. Schließlich schrieb der antike Autor, dass Menschen bei Prozessionen zum Dionysosfest in Ägypten einst einen großen Phallus herumtrugen - genau wie es die Skulptur aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. zeigt. Der Freundeskreis konnte die 21,5 Zentimeter hohe Keramik bei der Antikenmesse in Brüssel ergattern, „für einen mittleren vierstelligen Betrag“. Das weltweit einzige vergleichbare Stück ist in einem Museum in Leiden über 150 000 Euro versichert.

Das Museum August Kestner startete am Sonntag seine Veranstaltungswoche anlässlich des 125-jährigen Bestehens des Hauses.

„Heute mag mancher angesichts dieser Skulptur schmunzeln oder befangen sein, aber früher war das völlig anders“, sagt Museumsdirektor Thomas Schwark. In der Antike habe die Figur zu einem Fruchtbarkeitskult gehört: „Das zeigt, wie Zivilisationen sich verändern.“

Bei der Feier, die am Sonntag die Festwoche zum Museumsgeburtstag einläutete, hielt Schwark Rückschau auf die Historie des Hauses - und wagte einen kleinen Ausblick: „Es ist ein Jubiläum in Aufbruchszeiten“, sagte er. Schließlich müsse im kommenden Jahr die Raumaufteilung des Hauses neu konzipiert werden, um besucherfreundlicher zu werden. Seit dem 1. September gehört das Museum dem Verbund „Museen für Kulturgeschichte“ an.

Oberbürgermeister Stefan Schostok lobte beim Festakt das bürgerschaftliche Engagement all jener Sammler, die ihre Schätze in den vergangenen 125 Jahren dem Museum anvertraut hatten: „Das Museum ist und bleibt eine der zentralen Säulen hannoverscher Kulturarbeit“, versicherte er. Auch Freundeskreis-Präsident Wolfgang Gebler gab sich im Blick auf die Zukunft optimistisch: „Ich bin sicher, dass Besucher zuhauf kommen werden, um das neu erworbene Stück zu sehen.“ Er wünschte allen eine „lehrreiche Betrachtung“.

Mathias Klein 09.11.2014
09.11.2014