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Aus der Stadt 1300 studieren von zu Hause
Hannover Aus der Stadt 1300 studieren von zu Hause
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06:15 23.06.2012
Von Juliane Kaune
Wenn Anne Malten für ihr Fernstudium lernt, ist ihr Sohn Lucien stets in der Nähe. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Zahlen, Zahlen, Zahlen. Statistik ist keine einfache Materie. Manchmal kostet es Anne Malten viel Überwindung, sich an den Schreibtisch zu setzen und für ihr Studium zu lernen. Eingeschrieben ist sie in Psychologie, aber statistische Grundkenntnisse gehören nun mal dazu. „Ohne eine Portion Selbstdisziplin geht es nicht“, sagt die 26-Jährige. Davon braucht sie mehr als andere Studenten. Nicht nur, weil sie im März Mutter geworden ist. Anne Malten trifft Kommilitonen und Professoren nicht regelmäßig im Hörsaal. Sie studiert weitgehend von zu Hause aus - mithilfe dicker Materialpakete, die per Post eintreffen, über Online-Foren und Vorlesungen im Internet. Anne Malten ist Fernstudentin.

Immatrikuliert ist die Seelzerin an der Fernuniversität Hagen, der einzigen staatlichen Fernuniversität in Deutschland. Sie wurde vor fast vier Jahrzehnten gegründet und ist mit heute rund 80.000 Studenten die größte Uni bundesweit. Gleichwohl gibt es für Anne Malten auch eine Anlaufstelle in der Nähe: Vor zwei Jahren eröffnete auf der Expo-Plaza das Regionalzentrum Hannover. Es gibt 13 solcher dezentralen Standorte der Fernuni. Dort sollen die Studenten bei Bedarf wohnortnahe Beratung erhalten. 4350 Fernstudenten sind dem Zentrum aktuell zugeordnet, der Einzugsbereich reicht von Kassel bis Stade, von Minden bis nach Sachsen-Anhalt. Die meisten aber kommen aus der Region Hannover: Mit rund 1300 Studenten hätten die Stadt und das Umland eine vergleichsweise hohe Zahl an Fernstudenten, sagt Gerd Dapprich, Sprecher der Fernuni.

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Auch für Anne Malten war das Regionalzentrum hilfreich. „Man hat mir Mut gemacht und mich bei meiner Entscheidung unterstützt“, sagt die junge Frau, die sich im Wintersemester 2010/2011 eingeschrieben hat. Ein Wagnis war der Schritt ins Studium für die Fachangestellte für Arbeitsförderung allemal. Ihre Tätigkeit bei der Arbeitsagentur Hannover habe ihr immer Spaß gemacht. Doch sie fühlte sich nicht ausgelastet: „Es war schon immer mein Traum zu studieren.“ Ihre feste Stelle aufzugeben, kam jedoch nicht in Frage. Ebenso wenig wie ein Ortswechsel. Sie entschloss sich darum, neben ihrem Vollzeitjob ein Bachelorstudium an der Fernuniversität zu beginnen – als Teilzeitstudentin.

Für diese Form des Studiums veranschlagt die Fernuni eine etwa doppelt so lange Studiendauer wie für ein in der Regel sechssemestriges Bachelor- oder ein viersemestriges Masterstudium. Zwei Drittel der Fernstudenten lernen in Teilzeit. Denn 80 Prozent sind berufstätig, sie studieren parallel zum Job, um sich weiterzuqualifizieren. Da gibt es etwa die Rechtsanwaltsgehilfin, die ihr Wissen in einem Jurastudium vertiefen möchte. Oder den Softwareentwickler, der sich an ein Informatikstudium wagt, um seine Jobchancen zu verbessern. Wiederum 35 Prozent der Fernstudenten haben bereits ein Studium abgeschlossen, wollen den Master aufsatteln oder einen neuen Studiengang wählen. „Eine besondere Herausforderung ist ein Fernstudium in jedem Fall“, sagt Cvetalina Barova-Löffel, Leiterin des Regionalzentrums. Gerade wenn es neben einer Berufstätigkeit aufgenommen werde, sei viel Engagement und eine hohe Belastbarkeit nötig.

Rainer Schmölling hat die Herausforderung angenommen. Im April hat er sich an der Fernuni für ein Masterstudium in Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben; den Bachelorabschluss hat er 2008 an der Leibniz-Akademie gemacht und dann seine erste Anstellung als Controller angetreten. „Ich will weiterkommen“, erklärt der 26-Jährige selbstbewusst. Sein Arbeitgeber, der hannoversche Gummi- und Kunststoffhersteller Jäger, unterstützt die Entscheidung auf seine Weise: Die Firma übernimmt die Kosten für das Studienmaterial. Aber eine Reduzierung der Arbeitszeit während des Studiums ist nicht drin: Das kann Schmölling sich in seiner Position nicht leisten. Nach einem Acht-Stunden-Tag abends noch zu lernen, sei nicht immer einfach, gibt er zu. Und es erfordere schon einen starken Willen, auch am Wochenende die dicken Ordner mit Studienunterlagen hervorzuholen. „Vor allem wenn die Bundesligasaison wieder beginnt“, sagt der 96-Fan. Doch er will sein Ziel stringent verfolgen und nach drei Jahren fertig sein. „Für die ersten Prüfungen im September habe ich mich schon angemeldet.“

Anne Malten wird dann ihre Klausur in Statistik schreiben, für die sie eifrig lernt und um die 700 Seiten Fachliteratur durcharbeiten muss. Nach der Geburt ihres Sohnes Lucien pausiert sie in ihrem Job. Zudem plant sie, das Studienfach zum Wintersemester zu wechseln: „Psychologie ist anspruchsvoller, als ich erwartet hatte.“ Sie will sich nun Studienleistungen anrechnen lassen und dann für Bildungswissenschaften einschreiben - mit dem Ziel, sich als Pädagogin zu qualifizieren. Als Rückschlag wertet die resolute junge Frau das nicht: „Ich will unbedingt studieren, das motiviert.“

Dass Fernstudenten sich umorientieren und sich das Studium dadurch verlängert, sei nicht ungewöhnlich, erklärt Fernuni-Sprecher Dapprich. Ein nicht unerheblicher Teil breche das Studium auch wieder ab. In den ersten Semestern lägen die Quoten je nach Studiengang zwischen 30 und 50 Prozent. Wer sich aber einmal „durchgebissen“ habe, der habe - vergleichbar zur Präsenzuni - gute Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss.

Fabian Hüper hat es geschafft. Im Herbst 2011 hat er nach acht Semestern sein Bachelorstudium in Politik- und Verwaltungswissenschaft beendet. Danach machte er sich mit der Agentur AvK selbstständig, die sich auf Mittelbeschaffung (Fundraising) für Organisationen spezialisiert hat. „Ich wollte schon immer mein eigener Chef sein“, sagt der 36-Jährige. Zuvor hatte er an der Uni Bielefeld Jura studiert. „Viel zu lange“, sagt er nur und zuckt mit den Schultern. Als er das Staatsexamen nicht schaffte, stand er ohne Abschluss da. 2007 wagte der Ronnenberger einen Neuanfang an der Fernuni. Weil seine Frau als angehende Lehrerin in ganz Niedersachsen hätte landen können, schien das die flexibelste Lösung. Den Wohnort mussten beide zwar nicht wechseln. „Das Fernstudium hat mir aber so gut gefallen, dass ich dabei geblieben bin.“

Im Vergleich mit dem regulären Uni-Studium habe er sich die Zeit viel freier einteilen und den Lehrplan auf seine Bedürfnisse abstimmen können, berichtet Hüper, der in Vollzeit studiert hat. Gleichwohl seien die Anforderungen nicht geringer als an einer Präsenzuni. Um die 2000 Seiten Studienmaterial pro Semester habe er lesen und die Lernleistung regelmäßig mit Hausarbeiten, Klausuren und mündlichen Prüfungen belegen müssen.

Mit seiner Agentur hat Hüper sich im Gründerzentrum CampMedia auf der Expo-Plaza niedergelassen. Dass es nur ein paar Schritte zum Regionalzentrum der Fernuni sind, war nicht beabsichtigt. „Aber es ist ein schöner Zufall.“

Das Regionalzentrum, Expo Plaza 11, ist unter Telefon (0511) 89714273 erreichbar; Infos unter www.fernuni-hagen.de.

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80.000 Studenten an Deutschlands größter Uni

Die Fernuniversität Hagen besteht seit 1974. Mitbegründer ist der damalige nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister und spätere Bundespräsident Johannes Rau. Die bundesweit einzige staatliche Fernuni hat vier Fakultäten, die rund 20 Bachelor- und Masterstudiengänge anbieten – von Kultur- und Sozialwissenschaften über Mathematik und Informatik bis zu Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Sie alle haben das Promotions- und Habilitationsrecht.

Die Fernuni, mit rund 80.000 Studenten zugleich die größte deutsche Uni, ist Mitglied der Landesrektoren- und der Hochschulrektorenkonferenz. Sie beschäftigt 1750 Mitarbeiter, es gibt 80 Professuren. Den Großteil des 86 Millionen Euro umfassenden Etats finanziert das Land Nordrhein-Westfalen. Zehn Millionen stammen aus Drittmitteln, auf 18 Millionen summieren sich die Beiträge der Studenten. Die Fernuni erhebt keine allgemeinen Studiengebühren – die Immatrikulierten zahlen aber für die Studienmaterialien. Die Gesamtkosten der Bachelorstudiengänge betragen laut Beispielrechnungen für Jura 2520 Euro, für Wirtschaftswissenschaft 2000 Euro, Psychologie ist mit 1760 Euro veranschlagt, Informatik mit 1400 Euro. Masterstudiengänge können deutlich teurer sein.

An der Fernuni studieren kann jeder mit der allgemeinen Hochschulreife; es gibt keinen Numerus Clausus. Auch mit einer Berufsausbildung ist ein Studium unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Das Durchschnittsalter der Studenten liegt zwischen 29 und 35 Jahren; 54 Prozent sind Männer, 46 Prozent Frauen. Wesentlicher Teil des Lehrmaterials sind „Studienbriefe“, die nach Hause geschickt werden. Zudem gibt es Lernplattformen im Internet sowie Präsenzseminare in den Regionalzentren. Klausuren werden je nach Studentenzahl zeitgleich an mehreren Orten geschrieben, dafür mietet die Fernuni Hörsäle an. Hannover ist kein Prüfungsort, wer hier wohnt, muss bis Göttingen oder Hamburg fahren. Mündliche Prüfungen finden meist in Hagen statt; Online-Prüfungen sind Ausnahmen.

Unter den Absolventen und Studenten der Fernuni sind bekannte Namen. Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fußballnationalmannschaft, legte dort sein Examen in Betriebswirtschaft ab, Handballprofi Torsten Jansen studierte Politik und Geschichte. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich studierte an der Fernuni Wirtschaftswissenschaft, Bundesaußenminister Guido Westerwelle promovierte zum Doktor der Rechtswissenschaft.

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