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Aus der Stadt Wilde Tiere in der Großstadt
Hannover Aus der Stadt Wilde Tiere in der Großstadt
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00:19 27.03.2015
Von Bernd Haase
Der mächtige Seeelefant Gus zählt 1936 zu den Attraktionen im Zoo.
Der mächtige Seeelefant Gus zählt 1936 zu den Attraktionen im Zoo.
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Hannover

„Als der Zoologische Garten ins Leben gerufen wurde, sollte er ein wissenschaftliches Institut abgeben. Und heute? Der Zoologische Garten ist das besuchteste Vergnügungslokal der Stadt geworden.“ Diesen Befund schreibt der Zeitungsredakteur Ernst Voges im Jahr 1890. Da war der Zoo in der Eilenriede gerade ein Vierteljahrhundert alt geworden und hatte bewegte Jahre hinter sich. Das sollte sich bis heute, da am 4. Mai das 150-jährige Jubiläum ins Haus steht, nie ändern.

Der Zoo Hannover wird 150 Jahre alt: Bilder aus der Historie zeigen den Zoo im Wandel der Zeit.

Schon die Gründung ist umstritten. Angeregt hat sie 1860 der Bürgervorsteher Hermann Schläger, der der Auffassung ist, ein Zoo werde „die Kenntnis von der Natur fördern und in weitesten Kreisen Interesse an Dingen wecken, die den Forschern noch Rätsel aufgeben.“ Präparate in Museen könnten das nicht leisten, weil das „Wesen des Thieres im Leben liegt“, wie Schläger feststellt.

Die Frage ist bloß, ob sich eine Stadt von der Größe Hannovers einen Zoo leisten kann. Auf den König als Unterstützer dürfen die Protagonisten nicht setzen. Georg V. schenkt ihnen zwar zwei junge Braunbären namens Butz und Petz, die in einem Gehege an der städtischen Gartenwirtschaft Neues Haus am Emmichplatz gebracht werden und dort erste Bewohner eines Zooprovisoriums sind. Ansonsten aber hält er sich zurück. Weil es auch sonst an Mäzenen fehlt, setzen Schläger und Mitstreiter auf die Bürger. Sie gründen einen Aktienverein. 20 Thaler kostet ein Papier; 50.000 Thaler will man einsammeln.

Jedes Tier soll möglichst frei leben können

Die Summe kommt zwar nicht zusammen, aber trotzdem darf der Architekt Wilhelm Lüer die Anlage planen. Er ist ein Schüler Conrad Wilhelm Hases und damit Neugotiker. Seine Idee: „Jedes Tier sollte möglichst frei und seinen Trieben gemäß leben können“ - eine Maxime, die heute noch Gültigkeit hat, damals aber nicht zuletzt wegen mangelnder Kenntnisse über Tierseuchen oft nur hehrer Anspruch bleibt. Lüer baut unter anderem die berühmte Felsenanlage mit Verlobungsbrücke als Herzstück. In ihr sind ein Aquarium und Grotten für die Raubtiere untergebracht. Als der Zoo am Anfang Mai 1865 öffnet, finden sich im Tierbestand vor allem Vögel und heimische Säugetiere. Zwei Löwen und zwei Java-Affen stellen das Exotischste dar, was Hannovers Zoo zu bieten hatte.

Oft sind die Kassen des Aktienvereins leer, und immer wieder stellt sich die Frage, die den Zoo über anderthalb Jahrhunderte begleitet. Wie macht man ihn für zahlende Gäste attraktiv? Es gibt bald Lokale, Konzerte, Feuerwerke (dürfen in Hannover nie fehlen), natürlich neue Tiere wie Affen, Elefanten, Flusspferde - und sogenannte Völkerschauen. Was heute einen Aufschrei hervorriefe, hilft dem Zoo damals zunächst aus der Patsche. Nubier, Kalmücken und Irokesen treten auf. „Es ist zu hoffen, dass die Rothäute, wenn sie wieder in ihre Wigwams zurückkehren, wenigstens eine kleine Idee von Zukunftsmusik von hier mitnehmen“, notiert ein offensichtlich im kolonialistischen Gedankengut verhafteter Zeitungschronist.

Die Zukunftsmusik des Zoologischen Gartens spielt zunächst in Molltönen. Der Reiz verfliegt, die Besucherzahlen gehen stark zurück, und der Tierpark hängt finanziell am Tropf der Stadt. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Personal muss an die Front. Weil es an Futter mangelt und am Ende die Gehege auch nicht mehr beheizt werden können, stirbt ein Großteil des Tierbestandes. In auswegloser Lage übernimmt die Stadt den Zoo, kann (oder will) ihn aber nicht retten. 1922 kommt das Aus. Das Gelände wird Spekulationsobjekt; mal soll es zu einem Vergnügungspark, mal in Bauplätze aufgeteilt werden.

Ein Studienrat setzt sich für die Wiedereröffnung ein

Zur allgemeinen Überraschung geht es aber bald weiter. Eine Bürgerinitiative um den Studienrat Otto Müller setzt sich für die Wiedereröffnung ein. Da die meisten Gebäude noch intakt sind, müssen vor allem Tiere her. In dieser Situation nimmt der Senator Georg Lindemann Kontakt zum Alfelder Tierhändler Hermann Ruhe auf. Man einigt sich. Ruhe, der den Zoo vor allem als Schaufenster für seine in alle Welt verkauften exotischen benutzt, pachtet diesen 1931 sogar für die Dauer von 40 Jahren.

Geschichte wiederholt sich, weiß der Volksmund. Wieder strömen die Besucher zunächst in den Tierpark, wieder sinkt dann das Interesse, wieder stimmen die Finanzen nicht. Und dann brennt der Zoo. In zwei Nächten im Oktober 1943 treffen schwere Bomberangriffe auch das Gelände an der Eilenriede. Wie dramatisch es zugeht, beschreibt der holländische Tierpfleger Willem van Vliet: „Ich sah von weitem, dass das Elefantenhaus lichterloh brannte. Also rannte ich los (...) Es fielen schon brennende Bretter auf die Tiere. Aber es gab keine Panik. Sie spürten wohl, dass Hilfe kam. Ich bin unter sie gekrochen, habe sie losgekettet und ins Freie gebracht. Die Elefanten liefen in die äußerste Ecke des Geheges; Birma, die älteste Kuh, stellte sich schützend vor die anderen.“

Schon im Mai 1946 wird der Zoo nach anderthalb Jahren wieder eröffnet. Er ist eine Trümmerlandschaft und muss fast komplett neu aufgebaut werden. Renommierte Architekten wie Dieter Oesterlen, der das noch vorhandene Tropenhaus baut, beteiligen sich. „Wichtig war mir, dass kein Bau in den bekannten Hausformen entstehen durfte, in dem aus Versehen statt Menschen Tiere wohnen, sondern ein Bau, der schon durch seine Form ungewöhnlichen Inhalt verrät“, sagt er bei der Eröffnung.

Wichtigster Baustoff ist später Beton

Die Zoobauten spiegeln die Stil der Fünfziger- und Sechzigerjahre wider, wichtigster Baustoff ist Beton. Die Hannoveraner und auch Besucher von außerhalb honorieren das zunächst. Mitte der Siebzigerjahre - zu diesem Zeitpunkt ist die Stadt längst wieder Herr im Haus - lockt er Gäste aus ganz Niedersachsen an, die Zahlen kratzen an der Millionenmarke. Man ahnt es: Wieder ist das nicht von Dauer. Die Stadt muss ständig zubuttern, trotzdem wirken die einst modernen Gehege teilweise wie Tiergefängnisse. Wer sich an diese Zeit erinnert, sieht an Hospitalismus leidende Löwen und apathisch schaukelnde, angekettete Elefanten vor sich. Oder den Flusspferdbullen Eberhard, dessen Unterkunft an eine Güllegrube erinnert und der vielleicht aus Frust so viel Nachwuchs zeugt, dass er es ins Guiness-Buch der Rekorde schafft.

Am liebsten will die Stadt den Zoo nun loswerden und handelt 1994. Für den Preis von einer Mark geht die Einrichtung an die heutige Region Hannover. Mit dem neuen Zoochef Klaus-Michael Machens übernimmt ein Mann das Ruder, der erstens eine Idee besitzt, was mit dem Tierpark anzufangen sei. Zweitens bringt er das politische Geschick und die Kontakte mit, um die dafür notwendigen Millionen aufzutreiben. Machens nutzt die Weltausstellungs-Euphorie in Hannover und lässt den Zoo als Expo-Projekt anerkennen. In der Folge werden insgesamt mehr als 120 Millionen Euro investiert. Mit dem Konzept der aufwendig gestalteten Themenwelten wie Sambesi, Dschungelpalast oder Yukon Bay schreibt Hannover Zoogeschichte. Das Konzept ist wirtschaftlich erfolgreich und stilbildend für viele andere Tierparks, die dem Muster folgen.

Das nächste Kapitel ist schon aufgeschlagen. „Ein Zoo kommt nie zum Stillstand“, sagt Machens’ Nachfolger Andreas Casdorff, als er Anfang des Jahres Pläne für neue Anlagen präsentiert. Nur eine Frage ist beantwortet. Der Zoo ist nicht Bildungsinstitut oder Vergnügungsstätte, sondern beides zusammen. Das zeigt sich schon im Namen - seit der Expo heißt er „Erlebniszoo Hannover“.

Als maßgebliche Quelle für diesen Bericht dient das Buch „Ein Garten für Menschen und Tiere“ von Lothar Dittrich und Annelore Rieke-Müller aus dem Jahr 1990.

Die Preisspirale

Seit dem im Vorfeld der Expo begonnenen Umbau des Zoos sind die Eintrittspreise fast ständig gestiegen. 25  Euro kostet heute eine Erwachsenenkarte für den Zoo, 174 Euro die Familienjahreskarte. Vielen erscheint das zu teuer – ärmere Bevölkerungsschichten könnten sich den Besuch einer immerhin öffentlichen Einrichtung nicht mehr leisten, lautet die Kritik.

Wer denkt, das sei eine Erscheinung der Neuzeit, der irrt. Im Eröffnungsjahr 1865 tobte ebenfalls eine heftige Preisdebatte. Fünf Thaler sollte ein Jahresabonnement kosten, zehn Groschen die Tageskarte. Dazu muss man sich vor Augen führen, dass ein Arbeiterhaushalt damals auf ein Jahreseinkommen zwischen 150 und 250 Thalern kam. Das Argument nannte der Weinhändler Georg Schultz, damals Mitglied der Planungskommission: „Ein zu geringer Preis ist für den Garten tödlich. Das gebildete Publikum bleibt wegen des Massenandrangs weg, und der Zoologische Garten wird eine Bierkneipe mit ein paar Bären.“ Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss und staffelte die Eintrittspreise nach Wochentagen. Dienstags und donnerstags waren teure Tage für Wohlhabende, der billige Sonntag wurde für die Massen reserviert.

Heute handhabt man das anders. Seit diesem Jahr gibt es im Zoo ein Sozialticket für Bedürftige.se

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