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Aus der Stadt 2200 Prostituierte gehen in Hannover ihrem Beruf nach
Hannover Aus der Stadt 2200 Prostituierte gehen in Hannover ihrem Beruf nach
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17:11 09.10.2010
Von Felix Harbart
Hannovers Rotlichtviertel. Quelle: Kris Finn
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Hannover zählt trotz sinkender Zahlen von Messegästen weiterhin zu den Städten, in der gemessen an der Bevölkerungszahl die meisten Prostituierten ihrem Gewerbe nachgehen. Allein im Stadtgebiet seien es laut Zahlen der Polizei zurzeit rund 2200, sagte Michaela Neumann von der Prostituierten-Beratungsstelle Phoenix am Freitag vor Journalisten in Hannover. Eingeladen hatte das „Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter“ (bufas) anlässlich seiner Jahresfachtagung in den ver.di-Höfen in der Goseriede. Hannover gilt laut bufas gemeinsam mit Hamburg, Berlin und Dortmund als Hochburg der Branche. Ursächlich dafür sei neben den Messen die verkehrsmäßige Lage an der Ost-West-Achse.

Etwa 350 Frauen verdienen ihr Geld zurzeit auf dem hannoverschen Straßenstrich, sagte Neumann. Von ihnen sind nach Schätzungen der Beratunsstelle knapp 45 Prozent drogensüchtig. 56 Prozent der Frauen kommen aus EU-Beitrittsländern wie Bulgarien, Rumänien oder Polen, sagte Neumann. Durch die Öffnung der Europäischen Union nach Osten sei der Anteil der Migranten, weiblich wie männlich, an den Prostituierten bundesweit innerhalb weniger Jahre von 60 auf knapp 80 Prozent gestiegen, sagte Claudia Fischer-Czech, bufas-Vorstand aus Nürnberg.

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Der Zuzug vor allem aus Bulgarien und Rumänien steht an diesem Wochenende denn auch im Mittelpunkt der Fachtagung des bufas. Das Bündnis kritisiert mit Blick auf die Arbeitsbedingungen der „Sexarbeiter“ die in Deutschland geltenden gesetzlichen arbeitsrechtlichen Regelungen für Bürger aus den Beitrittsländern. Sie dürfen die ersten Jahre nach dem Beitritt in Deutschland nur selbstständig arbeiten, nicht aber abhängig beschäftigt werden. Das führe dazu, dass die in großer Zahl ins Land strömenden Prostituierten es schwer hätten, in Deutschland zu angemessenen Bedingungen zu arbeiten, etwa in einem regulär gemeldeten Bordell. „Viele sind gezwungen, auf dem Straßenstrich zu arbeiten“, sagte bufas-Vorstand Mechthild Eickel.

Die hohe Zahl ausländischer „Sexarbeiter“ stellt die Beratungsstellen wie Phoenix vor enorme Herausforderungen. Sie suchen händeringend nach Mitarbeiterinnen, die sich mit den Frauen in ihrer Muttersprache verständigen können. Anders lasse sich den Frauen kaum begreiflich machen, dass es in Deutschland Organisationen gibt, die ihnen helfen wollen, ohne sie zu kontrollieren. „Solche Organisationen kennen die Frauen aus ihren Herkunftsländern nicht“, sagte Dorothee Thürnau von Phoenix.

Neben der Erörterung der EU-Erweiterung und ihrer Folgen dient das „Forum Sexarbeit“ Prostituierten indes auch zur Fortbildung und Information – sowohl im Bezug auf den Ausstieg aus dem Beruf als auch auf den erfolgreichen Verbleib in der Branche. Bereits am Donnerstag erörterten Prostituierte untereinander die Vor- und Nachteile einer gesetzlich vorgeschriebenen Gesundheitsuntersuchung, wie sie für Deutschland jetzt im Raum steht. Diese vergrößere die Gefahren von Infektionen mehr als sie sie verringere, meint das bufas: So seien die Aids- und Syphilis-Ansteckungsraten in Österreich zweieinhalb Mal höher als in Deutschland – trotz Pflichtuntersuchung. Das vorgeschriebene Vorsprechen beim Amt nähre bei den Prostituierten die Angst vor dem Verlust ihrer Anonymität mit der Folge, dass sie den Untersuchungen fernblieben. Anonyme Tests bei den Gesundheitsämtern würden dagegen gut angenommen. Das Bündnis wendet sich auch gegen die regional unterschiedlich hohe pauschale Besteuerung der Einnahmen von Prostituierten – zusätzlich zu Einkommens- und Gewerbesteuer.

Weiteres Thema auf der Agenda: Wie kriegt man das Kondom an den Mann? Der Wunsch vieler Freier nach Sex ohne Gummi ist für die Frauen ein Problem. „Man braucht schon besondere Marketingstrategien, damit man wirtschaftlich überleben kann und sicher ist“, sagte eine Beraterin, die in der Branche tätig ist.

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