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Aus der Stadt Als die Wende nach Hannover kam
Hannover Aus der Stadt Als die Wende nach Hannover kam
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21:56 08.11.2014
Von Simon Benne
Besucher aus der DDR nach der Grenzöffnung in Hannover: Trabi vor dem Hauptbahnhof.
Besucher aus der DDR nach der Grenzöffnung in Hannover: Trabi vor dem Hauptbahnhof. Quelle: Claudia Brebach
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Hannover

Es brauchte eine weltgeschichtliche Wende, um diesen banalen Satz möglich zu machen: „Ich fahre zu Onkel Winfried“, sagte Christian Burczyk, als er von der Grenzöffnung gehört hatte. Dann setzte sich der 16-Jährige auf sein Motorrad, verabschiedete sich von seiner Mutter und tuckerte auf der MZ los. Von Eisenach Richtung Hannover. In eine andere Welt also. „Hinter der Grenze winkten Westdeutsche am Straßenrand - und ich steuerte den ersten Supermarkt an, um mich erst mal umzuschauen“, erinnert er sich heute.

Es regnete in Strömen, als der Schüler dann am Abend in Laatzen-Rethen ankam. Die genaue Adresse seines Onkels hatte er vergessen - er wusste nur, dass ein großer Pumuckl aufs Garagentor gemalt war. „Zufällig traf ich an der Tankstelle einen Sanitäter, der die Garage kannte - er fuhr mit seinem Krankenwagen vor mir her, und der Tankwart schenkte mir noch eine Tankfüllung Sprit dazu“, sagt er. Pitschnass klingelte er bei seiner Westverwandtschaft. „Und dann sind wir uns in die Arme gefallen.“ Aber das tat ja das ganze Land, als Deutschland (West) vor genau 25 Jahren seine verlorenen Söhne und Töchter (Ost) in Empfang nahm.

Am Wochenende in der gedruckten HAZ: Hannoveraner erinnern sich an ihre Wendeerlebnisse.

Heute ist Christian Burczyk 41 Jahre alt, er lebt als Kaminofenhersteller bei Eisenach. Doch noch immer wird bei jedem Treffen mit seinen Rethener Verwandten irgendwann die Geschichte vom durchnässten Jungen erzählt, der da eines Tages vor der Tür stand - und in eine Stadt kam, die ihn sinnlich überwältigte. „In der Herschelstraße holte ich mir meine 100 Mark Begrüßungsgeld ab“, sagt er. „Hannover war voll mit Werbung, Plakaten, Leuchtreklamen - und die ganze Stadt roch wie ein einziger großer Intershop.“ Wie ein Geschäft für Westwaren also.

Wie Burczyk ging es Abertausenden DDR-Bürgern, die in den Tagen nach dem 9. November nach Hannover kamen. Bei Sozialamt und Hauptpost wurden die 100-Mark-Scheine knapp, viele Ostdeutsche mussten für ihr Begrüßungsgeld Schlange stehen. In der City herrschte Chaos: Tausende drängten sich durch die Georgstraße. Doch die Geschäfte waren an die Ladenschlusszeiten gebunden und sperrten den Weitgereisten, die einmal die Glitzerkonsumwelt des Westens bestaunen wollten, am Sonnabend, 11. November, die Türen vor der Nase zu. Schlag 14 Uhr.

Nach der Grenzöffnung 1989 kamen Tausende DDR-Bürger nach Hannover. Wir zeigen in einem historischen Rückblick die besten Bilder von damals.

Erst allmählich stellte sich die Stadt auf den Andrang aus dem Osten ein: Es gelte „Unbekanntes zu planen“, erklärte Oberstadtdirektor Hinrich Lehmann-Grube in einer geradezu lyrischen Formulierung vor dem nächsten großen Wochenendansturm. Helfer richteten sich darauf ein, Tausende in Bunkern, Schulen oder Turnhallen unterzubringen. Der ADAC rüstete sich für Trabant-Reparaturen. Auf dem Schützenplatz wurde ein Parkplatz eingerichtet, auf dem vor allem Autos aus Plaste zu stehen kamen. Parkhäuser in der Innenstadt ließen DDR-Bürger kostenlos parken. Schließlich wurden sogar die Ladenschlusszeiten gekippt - und die Üstra beförderte 18 000 Ostfahrgäste kostenlos.

In der Partnerstadt Leipzig hatten Zeitungen berichtet, dass Hannover sich zur „Offenen Stadt“ erklärt habe. Und so setzten sich dort auch Konrad und Brigitte Jäpelt in ihren Trabi und fuhren los. Wenige Wochen zuvor hatten sie noch demonstriert, sie waren in den Kirchen dabei gewesen, „mit Angst im Bauch“. Und jetzt klatschten ihnen an der Grenze wildfremde Bundesbürger aufs Autodach: „Sie beglückwünschten uns, manche schenkten uns West-Zeitschriften - das war alles sehr bewegend“, sagt der pensionierte Lehrer.

Eine eilends eingerichtete Zentrale vermittelte Quartiere, die Privatleute anboten, an Besucher aus dem Osten. Die Jäpelts kamen zu einer älteren Dame: „Als ich Jahre später wieder einmal in Hannover war, bin ich mit einem Blumenstrauß bei ihr vorbeigegangen, um mich zu bedanken“, sagt der heute 81-jährige Leipziger.

Das große deutsch-deutsche Zusammenkommen jener Tage war eine Mischung aus Volksfest, Einkaufsbummel und Klassenfahrt. Konrad Jäpelt war dabei, als Bahlsen auf dem Opernplatz Unmengen von Keksen kostenlos an DDR-Bürger verteilte, und er erinnert sich daran, dass in der Oper Gratisvorstellungen für die Gäste liefen. Bei I. G. von der Linde gab’s Kaffee und Kuchen umsonst.

Kommentar

Zum 9. November: „Ein Tag zum Feiern – uneingeschränkt“

„Hannover war anders“, sagt Jäpelt heute. Freundlich, hell und bunt sei ihm die City damals vorgekommen. „Als wir zurückkamen, war Leipzig für mich eine graue Stadt. Ich fragte mich plötzlich, wieso Leipzig so heruntergewirtschaftet war - und wie es sein konnte, dass wir das über die Jahre gar nicht wahrgenommen hatten.“

Manchmal braucht man einen Außenblick, um das eigene zu erkennen. In jenen Tagen, als auf dem Kröpcke alle mitteldeutschen Dialekte gesprochen wurden und die Luft nach Zweitakter roch, waren DDR-Bürger schon äußerlich für jeden Hannoveraner klar erkennbar. Einerseits war jeder von ihnen ein Freiheitsheld, doch andererseits wirkten sie auf viele Westdeutsche auch fremd, wenn sie vor den Schaufenstern standen mit ihren uniformen Stonewashed-Jeans und ihren Ost-Dauerwellen, in denen sich alle Schrecken der sozialistischen Mangelwirtschaft spiegelten. Blickt man hingegen heute auf Bilder von damals, ist es schwer, zwischen Ost- und Westdeutschen zu unterscheiden. Auch die Frisuren und die Karottenhosen, die man im freien Westen trug, gelten heute als Preisgabe des guten Geschmacks. Die Zeit verwischt die Unterschiede. Und sie verschafft Abstand.

„Viel wurde nach der Wende von Westdeutschen plattgemacht“, sagt der Leipziger Konrad Jäpelt - gesunde Betriebe, die funktionierende Kinderbetreuung, manches am Schulsystem. Er spricht darüber längst ohne Groll: „Die DDR will ich nicht zurückhaben“, sagt er. Auch Christian Burczyk, der damals im Novemberregen die Motorradfahrt seines Lebens machte, ist zufrieden: „In der DDR galt Planwirtschaft, auch für ganze Lebensläufe“, sagt er. Heute gebe es weniger Sicherheiten: „Aber dafür ist das Leben aufregender.“

Der Geist der Verbrüderung, der in Hannover vor 25 Jahren wehte, ist freilich verflogen. Als die HAZ damals unter der Überschrift „DDR-Lada ausgeraubt“ über einen Aufbruch am Sahlkamp berichtete, bei dem eine Familie ihre Westeinkäufe eingebüßt hatte, brach eine Welle der Hilfsbereitschaft über die DDR-Bürger herein: Leser boten ihnen Bargeld an, andere erklärten sich bereit, die Reparatur des Wagens zu übernehmen oder schickten Pakete. Das war vielleicht das Bemerkenswerte in jenen Tagen: Dass niemand überlegte, was ihn seine Solidarität kosten würde oder wo das alles noch hinführen sollte. Im Rausch denkt niemand an den Kater.

Fast niemand. Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg warnte schon wenige Tage nach dem 9. November davor, dass die „Euphorie der ersten Tage“ bald verfliegen könnte. Er sollte Recht behalten. Viele Ostler sahen sich bald als Wendeverlierer, und Solidarität erschöpfte sich bald in einem staatlich verordneten Zuschlag. Fremde werden selten wie Brüder begrüßt. Aber an Jahrestagen darf man ruhig einmal daran erinnern, dass das in den glücklichsten Stunden der deutschen Geschichte so war.

Andreas Schinkel 11.11.2014
08.11.2014
08.11.2014