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Aus der Stadt Frust an der Schleuse
Hannover Aus der Stadt Frust an der Schleuse
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07:19 22.08.2013
Von Mathias Klein
In der Schleuse in Anderten ist derzeit nicht viel los, die „Navigare“ kommt schnell durch. Quelle: Surrey
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Hannover

Gemächlich tuckert „Grete“ Richtung Peine. Gerade hat die kleine dänische Motorjacht die Schleuse Anderten verlassen, die Skipperin winkt fröhlich den Spaziergängern am Ufer zu. Als „Grete“ vorbei ist, schiebt sich der polnische Frachter „Navigare“ langsam in Richtung Schleusenbecken. Rund 15 Minuten später kann er - nach einer Absenkung von 14,70 Metern in der Schleuse - seinen Weg in Richtung Westen fortsetzen.

Es ist nicht viel los an diesem Mittwoch auf dem Mittellandkanal. Kein Wunder, bundesweit streiken die Mitarbeiter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, und bundesweit sitzen Binnenschiffe fest, weil an vielen Schleusen nichts mehr geht. In Anderten ist das indes anders. Die paar Schiffe, die bis hierher durchgekommen sind, kommen auch weiter. In der Zentrale der Schleuse sitzen Beamte, die den Betrieb aufrechterhalten.

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Aber das muss nicht so bleiben. „Wir sind beim Streiken noch sehr freundlich“, sagt Dagmar Truderung, die in der Schifffahrtsverwaltung am Waterlooplatz arbeitet. Früher saß dort die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Hannover, jetzt ist Hannover nur noch eine Außenstelle der Generaldirektion mit Sitz in Bonn. Truderung ist sich sicher, dass die Streikenden auch die Schleuse in Anderten lahmlegen können. „Wenn es zu längeren Streiks kommt, gibt es auch hier Auswirkungen“, betont sie. Dann würde auch an der größten Schleuse des Mittellandkanals der Schiffsverkehr zum Erliegen kommen.

„Wir haben Angst um unsere Zukunft“, sagt Truderung. Deshalb der Streik. Denn Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer plane einen massiven Stellenabbau bei der Schifffahrtsverwaltung, befürchtet ver.di-Sekretärin Regina Stein. Derzeit arbeiten in der Außenstelle Hannover rund 110 Mitarbeiter, ver.di fürchtet, dass ein Drittel der Stellen wegfallen könnte. „Dann funktioniert auf dem Mittellandkanal nicht mehr viel“, sagt Personalrat Holger Mensching. Schon jetzt blieben viele Arbeiten liegen.

„Die Uferbefestigungen müssen erneuert werden, es muss Schlamm gebaggert werden, und es gilt, die Elektronik der Schleusensteuerung ständig zu warten“, sagt er und nennt damit nur einige Aufgaben der Schifffahrtsverwaltung. „Der Minister denkt wohl, er kann Geld sparen und das von Fremdfirmen erledigen lassen“, sagt Mensching. Aber andere Elektriker als die eigenen hätten zum Beispiel von der komplizierten Schleusensteuerung gar keine Ahnung.

Wegen der Unruhe unter den Beschäftigten hat der Minister in einem Brief zugesichert, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen und keine Versetzungen gegen den Willen der Mitarbeiter geben werde. „Das gilt nur, solange die Haushaltslage in Ordnung ist, hat er dazugeschrieben“, sagt Mensching. „Deshalb trauen wir dem Brief nicht.“ Schon jetzt lasse man die Schifffahrtsverwaltung systematisch ausbluten, meint Truderung. Es werde weniger ausgebildet, der Altersdurchschnitt steige, viele Kollegen gingen weg.

Zum Wochenende wollen die Streikenden, am Mittwoch waren es in Hannover knapp 350, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. „Wir wollen die Binnenschiffer nicht verärgern“, sagt Truderung. Aber wenn Ramsauer nicht zu Verhandlungen bereit sei, werde man auch die Schleuse in Anderten lahmlegen.

Nur noch eine Außenstelle

Seit dem 1. Mai dieses Jahres gibt es die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Hannover nicht mehr. Auf dem Türschild steht jetzt „Außenstelle Mitte“ der Generaldirektion in Bonn. Das versetzt viele Mitarbeiter derzeit in größte Sorge. Sie fürchten Kündigungen oder eine Versetzung zur Generaldirektion im fernen Bonn. Von Hannover aus wird der 350 Kilometer lange Mittellandkanal mit seinen Stichkanälen verwaltet und gewartet. Zum Bereich der Außenstelle Mitte gehören auch die Weser von Hann. Münden bis Bremen, Teile der Werra und der Fulda, die schiffbaren Abschnitte von Aller, Leine und Ihme, der Elbe-Seiten-Kanal sowie die Eder- und die Diemeltalsperre in Hessen. Am Waterlooplatz arbeiten rund 150 Beschäftigte. Insgesamt sind der „Außenstelle Mitte“ knapp 1100 Angestellte unterstellt, nach Schätzung der Gewerkschaft ver.di kommen rund 300 Beamte hinzu. Neben der Wartung der Schifffahrtswege ist die Außenstelle auch für Neubauprojekte zuständig. Die sind aber weitgehend zum Erliegen gekommen, nachdem Minister Ramsauer den Ausbau der Stichkanäle nach Linden und Hildesheim abgeblasen hat.

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