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Aus der Stadt 50 Jahre Kinderläden: „Die Freiheit ging damals sehr weit“
Hannover Aus der Stadt 50 Jahre Kinderläden: „Die Freiheit ging damals sehr weit“
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06:00 12.11.2018
Mirja Wolski (44) und Heinrich Diestelmeier (67) diskutieren über Quelle: Samantha Franson
Hannover

Mirja Wolski, 44 Jahre, ist Vorstandsmitglied im Kinderladen Edenstraße. Sie hat mit ihrem Lebensgefährten zwei Kinder im Alter von 5 und 8 Jahren. Der Kinderladen Edenstraße ist einer der ältesten Kinderläden Hannover. Er wurde 1971 gegründet, älter sind nach Angaben der Kinderladeninitiative Hannover nur der Kinderladen Warstraße (Gründung 1970) und der Kinderladen Jakobistraße (auch 1970). Für den Kinderladen Edenstraße wurde das Ladenlokal einer ehemaligen Bäckerei in eine Einrichtung umfunktioniert, die insgesamt 40 Kindern Platz zum Spielen bot.

Heinrich Diestelmeier, 67 Jahre, Sozialpädagoge, ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei Kinder, 44, 30 und 27 Jahre alt. Der Kinderladen Süd entwickelte sich 1972 aus einer Elterninitiative mit 8 Kindern aus der Südstadt. Nach dem zweiten Umzug 1974 landete er in der Sedanstraße 60, dort bot er 20 Kindern Platz


Herr Diestelmeier, lassen Sie uns eine Zeitreise machen. Wir schreiben das Jahr 1976, ihre kleine Tochter Lisa, heute 44, geht in den Kinderladen Süd. An was für eine typische Alltagsszene erinnern Sie sich?

Diestelmeier: Da fange ich mal mit dem Ende eines Kinderladentages an. Der war den Eltern zum Aufräumen vorbehalten. Das war oft eine Riesenaktion. Manchmal mussten wir eine halbe Kiste verstreuten Sand wieder nach draußen befördern, weil den Kindern eingefallen war, im Badezimmer Kallamatsch zu spielen. Oder die Räume waren mit Spielzeug übersät und wir mussten alles einräumen. Da hat man als Erwachsener manchmal die Zähne zusammengebissen, bei dem, was man im Kinderladen auszuhalten hatte. Aber wir haben es ja so gewollt: Die Kinder sollten so viele Freiheiten wie möglich haben.

Was bedeutet ’so viele Freiheiten wie möglich’ genau?

Diestelmeier: Es sollte eben nicht jeder Tag wie der andere ablaufen. Wenn die Kinder gefragt haben, können wir heute auf die Lister Meile, ging es auf die Lister Meile. Wenn sie zum Bäcker wollten, wurde das gemacht. Die Kinder bestimmten den Alltag weitestgehend selbst.

Gab es keine Regularien, feste Frühstücks- oder Mittagessenzeiten?

Diestelmeier: Doch. Aber wenn die Kinder beim Mittagessen mit Lebensmittelfarbe experimentieren wollten, gab es eben türkisfarbenen Reis oder rosafarbene Kartoffeln. Wobei ich sagen kann, türkisfarbener Reis schmeckt gefühlt tatsächlich anders, wahrscheinlich, weil man Reis als weiß kennt. (lacht) Dass die Kinder selbst bestimmen, sich selbst regulieren können, war uns einfach extrem wichtig.

Warum?

Diestelmeier: Die 68er waren Mitte, Ende der 70er in Hannover noch nicht vorbei. Wir Erwachsene hatten eine extrem autoritäre Zeit im Rücken, wir hatten ja noch die Prügelstrafe erlebt. Dagegen haben wir aufbegehrt. Wir haben damals geglaubt, dass wir mit unseren Kindern die Welt verändern können. Rollenklischees bei Jungen und Mädchen aufzubrechen, war uns zum Beispiel sehr wichtig.

Und? Hat es geklappt?

Diestelmeier: Man muss heute ehrlich sagen, teils, teils. Ein Lieblingssspiel der Jungen war ’Gefängnis’. Das wurde im Keller gespielt. Die Jungen waren die Wärter, die Mädchen die Gefangenen. Das war natürlich nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Da beharrten die Erzieher darauf, dass die Mädchen gleichberechtigter sein müssen.

Und?

Diestelmeier: Dann haben ihnen die Jungen zumindest zugestanden, dass sie die Putzfrauen sind. (lacht).

Frau Wolski, der Kinderladen Edenstraße ist wie der Kinderladen Süd einer der ersten Hannovers. Gegründet wurde er als Abspaltung des allerältesten in der Jakobistraße. Man war sich – so geht die Sage –nicht einig über Fragen wie: Darf man von der Hochebene pinkeln oder nicht? Wie stehen Sie als heutige Kinderladenmutter zu Herrn Diestelmeyers Kinderladenleben?

Wolski: Es gibt schon einige Dinge, die ähnlich sind. Bei uns dürfen die Kinder im Morgenkreis auch vieles demokratisch entscheiden. Wenn zur Debatte steht, ob man heute zum Markt geht oder nicht, bekommen die Kinder Schalen mit verschiedenfarbigen Plättchen und am Ende wird ausgezählt. Wenn Kinder in einem Raum das gesamte Spielzeug ausschütten wollen, dürfen sie das auch.

Warum ist Ihnen das wichtig?

Wolski: Kinder sollen Dinge nicht nur zweckgebunden benutzen, sondern auch entfremden dürfen. Sie sollen frei spielen, das ist unser Konzept. Der große Unterschied zu früher ist: Am Ende räumen sie die Spielsachen wieder auf.

Diestelmeier: Bei uns ging die Freiheit sehr weit. Manches kann man sich in den sicherheitsbedürftigen Zeiten von heute kaum noch vorstellen. Die Tür unseres Kinderladen war immer geöffnet. Es ist nie etwas Schlimmes passiert. Aber einmal wurden zwei Kinder von der Polizei nach einer großen Suchaktion im Bettenhaus Heuer gefunden und zurückgebracht. Nach vielen Diskussionen haben wir eine Glocke an der Tür angebracht, so dass man Kinder, die sich auf den Weg machten, wenigstens hören konnte.

Wolski: Bei uns ist die Wohnungstür vom Kinderladen auch immer offen. Die Kinder können allein durch den Hausflur in den Hinterhof gehen. Das gehört für uns zur Erziehung zur Selbständigkeit dazu, dass sie sich so frei bewegen können.

Was sagen die Helikoptereltern von heute dazu?

Wolski: Nichts. Wir stellen unser Konzept auf unseren Infoabenden vor, wir haben immer viele Anmeldungen. Das war noch nie Thema bei uns.

Frau Wolski, Sie sind berufstätig, arbeiten wie ihr Lebensgefährte 75 Prozent, fahren morgens eine halbe Stunde mit der Bahn zur Arbeit. Warum haben Sie sich für einen Kinderladen entschieden?

Wolski: Wir wollten in einer Gemeinschaft von Eltern sein, denen der Bildungserfolg ihrer Kinder am Herzen liegt. Wir waren mit unserer älteren Tochter Iwa kurz in einer Kindertagesstätte. Dort herrschte unter den Eltern komplette Anonymität. Man hatte im halben Jahr einen Elternabend, beim Bringen und Abholen lernte man sich auch nicht kennen. In unserem Kinderladen werden alle Erziehungsfragen mit Eltern und Erziehern gemeinsam besprochen. Sorgen, Ängste, teilt man mit anderen Eltern.

Diestelmeier: Der Zusammenhalt unter den Eltern war auch bei uns extrem wichtig. Es ging familiär zu. Alle Kinder kannten alle Eltern. Wenn wir zur Abholzeit nicht da waren, ging unsere Tochter ohne Probleme mit einem anderen Elternteil mit.

Wolski: Das ist bei uns genauso. Im Kinderladen ist es eben gewünscht, dass auch wir Eltern uns hier aufhalten. Vor 9 Uhr gibt es ein Frühstück in der Küche und wer will, trinkt einen Kaffee mit dem Team. Auch nachmittags zwischen 15 und 16 Uhr, wenn die Kinder abgeholt werden, bleiben wir oft noch. Wir feiern Feste zusammen, fahren zweimal im Jahr auf Freizeit. Wir haben mit unserem Kinderladenplatz auch einen neuen Freundeskreis gewonnen.

Trotzdem: Elternarbeit muss man auch erst einmal leisten können. Frau Wolski, Hand aufs Herz: Wann hatten Sie den letzten Elternabend?

Wolski: Wir haben alle sechs Wochen gemeinsamen Elternabend. Eine Woche davor treffen sich Vorstand und Team. Eine Woche davor treffen sich jeweils die Gruppen, die für Personal, Öffentlichkeit, Räume, Finanzen zuständig sind.

Wie sieht es mit Putzen und Elterndiensten für kranke Erzieher aus?

Wolski: Das ist anders als früher. Wir putzen täglich die Küche und haben zweimal jährlich Großputz. Sonst hilft eine Putzfrau. Bei den Elterndiensten hilft uns der Vertretungspool der Kinderladeninitiative sehr.

Trotzdem: Wie schafft man das, wenn man berufstätig ist?

Wolski: Man teilt sich die Arbeit ein. Bei uns sind alle Eltern berufstätig. Es geht trotzdem. Wir haben uns bewusst für das Konzept der Partizipation entschieden. Wir haben andere Probleme.

Welche denn?

Wolski: Wir haben die Sorge, dass wir nach fast 50 Jahren ausziehen müssen. Wir haben einen Gewerbemietvertrag, der war immer befristet. Jetzt droht, dass er in vier Jahren nicht mehr verlängert wird. Das ist eine existentielle Bedrohung, bei der wir Eltern tätig werden müssen. Das ist eine Belastung, die es so in normalen Kindergärten nicht gibt.

Diestelmeier: Auch bei uns war der größte Teil der Eltern berufstätig. Ich hatte mein Studium beendet, meine Frau war im Studium. Trotzdem wollten wir unsere Kinder nicht einfach abgeben. Und der Laden war unser Baby, das haben wir gehegt und gepflegt. Selbstverständlich haben wir gekocht, aufgeräumt, geputzt. Das hat was mit der Identifikation zu tun.

Herr Diestelmeier, würden Sie sich heute für Ihre Enkel denselben Kinderladen wie damals wünschen?

Diestelmeier: Nein. Er stand für eine wunderbare gemeinsame Begleitung unserer Kinder. Es gibt Freundschaften zwischen Eltern und Kindern bis heute. Trotzdem: Heute würden wir manches anders machen. Es ist einfach eine andere Zeit. Wir haben gegen starre Regeln, gegen blinde Autoritätsgläubigkeit gekämpft. Heute trauen sich manche Eltern nicht mehr, Kindern Grenzen zu setzen. Da tun auch im Kinderladen mehr Strukturen not.

Von Jutta Rinas

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