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Aus der Stadt 50 Jahre Forschergeist
Hannover Aus der Stadt 50 Jahre Forschergeist
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15:38 19.05.2015
Von Gabi Stief
Premiere für ganz Europa: In der MHH wurde der erste Kernspintomograf des Kontinents installiert. Prof. Heinz Hundeshagen ließ sich 1982 in Gegenwart von Minister Johann-Tönjes Cassens (2. v. li.) als Erster durchleuchten. Quelle: Archiv
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Hannover

Die Idee klingt verrückt: Eine Hochschule ohne Hochschule lädt zur Gründungsfeier ein. Ein Witz? Mitnichten. In den Sechzigerjahren war das möglich, ohne dass gespottet wurde. Am 17. Mai 1965, am Sonntag vor 50 Jahren, feierten die Spitzen von Land und Stadt, Politiker, Mediziner und Wissenschaftler mit einem Festakt die Eröffnung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Da im Roderbruch gerade erst mit dem Bau der Großklinik begonnen worden war, traf sich die Festgesellschaft in den Räumen der Tierärztlichen Hochschule. Auch die ersten Medizinstudenten mussten sich im Sommersemester 1965 noch mit provisorischen Hörsälen, Laboren und Unterrichtsräumen am Oststadtkrankenhaus oder an der Technischen Hochschule begnügen. Die Übergangsphase dauerte fünf Jahre. Heute würde man Pfusch und Fehlplanung vermuten; damals lag man voll im Plan.

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Vier Jahre zuvor hatte alles begonnen. Im Juni 1961 empfahl der Wissenschaftsrat, bundesweit sieben neue Medizinische Akademien mit 7000 Studienplätzen zu gründen. Ärzte wurden dringend gebraucht. Alle Universitäten waren überlaufen. Der niedersächsische Landtag beschloss, dem Expertenrat zu folgen und einen Standort zu suchen. Bereits Ende 1961 formierte sich ein Gründungsausschuss. 1962 traf sich die Runde aus Ministerialbeamten und Medizinern erstmals auf dem Acker im Roderbruch - die Stadt Hannover hatte sich bereiterklärt, das brachliegende, vier Quadratkilometer große Grundstück für das Großprojekt bereitzustellen.

Drei Jahre lang arbeitete der Ausschuss an den Plänen, bevor mit dem Bau begonnen wurde. Fest stand: Die neue Hochschule sollte eine fortschrittliche reformorientierte Einrichtung sein, in der die Studenten ihren Beruf praxisnah erlernen. Die Gründungsväter reisten nach Amerika, um sich das Modell der Campus-Universität anzuschauen. Die Stätten für Krankenversorgung, Forschung und Lehre sollten eine „organische Einheit“ ergeben.

Hannovers Ärzte unterstützten den Start der neuen Hochschule - zunächst im Oststadtkrankenhaus - euphorisch. Kein Wunder: Die Einrichtung brachte Exzellenz nach Hannover und trug zum Renommee des Wissenschafts- und Medizinstandorts bei. Zum Sommersemester 1965 begann der Lehrbetrieb. Zwölf Jahre nach Gründung der Hochschule waren 80 Prozent der geplanten Abteilungen und Kliniken eingerichtet. 1971 wurden die ersten Patienten aufgenommen, seit 1978 gilt die MHH als fertiggestellt. Am Sonntag wird in einer akademischen Feierstunde mit 400 Gästen an die Gründungsjahre erinnert.

Erinnerungen an damals ...

Nuklearmediziner Heinz Hundeshagen ist Professor der ersten Stunde. Quelle: Wiechers

... der Rektor

In diesen Tagen ist er wieder ein gefragter Mann. Wie in alten Zeiten. Wie damals, als ihn Mitarbeiter häufig auf den Fluren der MHH abpassten, um mit ihm zu reden. Vergangene Woche hat er Fernsehreporter durch die Großklinik geführt; tags drauf war er Redner bei einem Medizinkongress. Heinz Hundeshagen hat viel zu erzählen; und er erinnert sich gern. Der 87-Jährige, der mit seiner Frau in Isernhagen lebt, gehört zur Gründergeneration der MHH.

Am 1. April 1965, an einem Donnerstagmorgen, trat der habilitierte Nuklearmediziner im Keller des Oststadtkrankenhauses seinen Dienst an. Er wusste, was ihn erwartet. Bereits seit Monaten hatte er – noch von Marburg aus – als beratendes Mitglied des Gründungsausschusses an den Plänen für den Aufbau der neuen „Medizinischen Akademie“ mitgearbeitet. Der Pioniergeist der jungen Wissenschaftler wurde nicht enttäuscht. Hundeshagen konnte mit seinem Team in den nächsten Jahren die bundesweit erste Forschungsabteilung für Nuklearmedizin aufbauen.

1968, mit 40 Jahren, wurde der gebürtige Hallenser zum ordentlichen Professor ernannt. 1973 folgte endlich der Umzug in das neue Gebäude auf dem MHH-Gelände. Seine Station war mit 22 Betten und einem speziellen Abwasserssystem ausgestattet, um die radioaktive Jodlösung, die den Schilddrüsen-Patienten gespritzt wurde, zu entsorgen. Hundeshagen führte den Kernspeicher in der Nuklearmedizin ein, mit dem Krankendaten auf Magnetband gespeichert wurden; 1977 nahm er den ersten Teilchenbeschleuniger in einer deutschen Klinik in Betrieb. Der gute Ruf der hannoverschen Nuklearmediziner sprach sich bis nach Wien herum, so dass regelmäßig Patienten zur Behandlung anreisten.

Talare waren bei Medizinern in Hannover verpönt

Auch im eigenen Haus hatte der Professor viele Anhänger. 1971 wurde er das erste Mal zum Rektor der MHH gewählt, fünfmal wurde sein Mandat erneuert. Er hat sich in all den Jahren nicht um das Ehrenamt gedrängt, das er neben seiner regulären Arbeit als Abteilungsleiter ausübte und das mit einem Dienstanzug und einem Fahrer honoriert wurde. „Ich habe gesagt, ich mach’s, wenn mindestens 80 Prozent der Wähler hinter mir stehen.“ Man gab damals nicht so viel auf Titel und Etikette. Als Hundeshagen 1980 von der Universität Bordeaux die Ehrendoktorwürde verliehen bekam, sollte er zum Festakt im Talar erscheinen. Das Problem: Talare waren bei den Medizinern in Hannover verpönt. Schließlich halfen die Kollegen von der Tierärztlichen Hochschule mit einer Leihgabe aus.

Eine schöne Zeit? Heinz Hundeshagen, der 1997 aus dem aktiven Dienst ausschied, muss nicht lange überlegen. Vor allem an den persönlichen Umgang mit den Mitarbeitern und Studenten erinnert er sich gern. Es sei ein großer Gewinn gewesen, dass der Betrieb noch überschaubar und nicht so „vermasst“ war, sagt er. Mit zwölf Dozenten ging die MHH damals an den Start. Heute sind es 126 Professoren, elf Juniorprofessoren,  831 Wissenschaftler und 1187 Ärzte. Statt eines Rektors gibt es heute einen Präsidenten, einen hauptamtlichen, versteht sich.

... der Student

Es war die Zeit, als die Hörsäle schon überfüllt waren, aber der „Numerus Clausus“ („begrenzte Anzahl“) noch ein bedeutungsloser Begriff aus dem Lateinischen war. Drei Jahre vor der Einführung einer bundesweiten Zulassungsbeschränkung beschlossen die Akademie-Gründer in Hannover, die Studienbewerber genauer unter die Lupe zu nehmen und die Platzvergabe einzuschränken. Einer der Bewerber war Reinhard Pabst, der gerade seinen Dienst als Zeitsoldat bei der Sanitätstruppe beendet hatte. An einem Wintertag im Jahr 1965 reiste er mit der Bahn aus Lüneburg an, um gemeinsam mit weiteren Studierwilligen im Audimax der Technischen Hochschule zwei Aufsätze zu schreiben. Das Thema: Was erwarten Sie von einem fortschrittlichen Studium der Medizin? Alternativ konnten sich die Prüflinge mit der Frage der Fürsorge in der Altenpolitik auseinandersetzen oder über die Bedeutung aktueller Arztprozesse schreiben. Jeder spürte, so erinnert sich Reinhard Pabst, dass etwas Neues geschah.

41 Studenten bestanden die Zulassungsprüfung und schrieben sich im April ein – genau genommen für ein Medizinstudium ohne feste Adresse, denn die Universität war noch eine Baustelle. Fortan musste Reinhard Pabst auf seinem Rad lange Wege zurücklegen: vom Anatomie-Seminar an der Tierärztlichen Hochschule zur „Einführung in die Medizin“ im Oststadtkrankenhaus; vom Physikkurs an der Technischen Hochschule zur Zahnheilkunde in der „Villa Karies“ an der Hermann-Bahlsen-Allee, vom Annastift in Kirchrode in die Hautklinik nach Linden. Wenn im provisorischen Hörsaal im Keller des Oststadtkrankenhauses Patienten vorgestellt wurden, mussten die Stühle in der ersten Reihe weggeklappt werden.

2,50 Mark pro Veranstaltung

Das Studieren war nicht gratis. Für eine einstündige Veranstaltung musste jeder pro Semester 2,50 Mark an seinen Dozenten zahlen. Nicht nur aufgrund der räumlichen Enge ging es im Studienbetrieb unorthodox zu. Als andernorts Studenten Hörsäle besetzten und gegen den „Muff unter den Talaren“ protestierten, blieb der junge Lehrbetrieb an der MHH ungestört. Kein Wunder. Die inneruniversitäre Demokratie, die die Studentenbewegung einforderte, war bei den angehenden Medizinern in Hannover schon Realität. Die vermeintlichen „Schlafmützen“ vom Roderbruch, die nicht demonstrierten, hatten bereits weitreichende Mitbestimmungsrechte, sogar bei Berufungen.

1970 wanderte Reinhard Pabst nach Ulm ab, um seine Habilitation zu schreiben. 1976 kehrte er als Professor der Anatomie zurück; Rufe an Uni-Kliniken in Köln, Mainz und Würzburg hat er abgelehnt. Er blieb bis zu seiner Emeritierung 2009. Die 41 Studenten aus dem ersten Semester blieben nicht unter sich: Binnen zehn Jahren stieg die Zahl der Studierenden auf rund 1000, nach 20 Jahren waren es bereits 3000. Heute zählt jeder MHH-Jahrgang 270 Studierende. Auswahlgespräche gibt es übrigens immer noch – als Chance für Studienbewerber, die am Numerus Clausus gescheitert sind.

Margrit Bothe wurde 1972 an der Schilddrüse operiert. Quelle: Wallmüller

... die Patientin

An ihren 34. Geburtstag vor mehr als 40 Jahren kann sich Margrit Bothe noch gut erinnern. Es war der 3. Dezember 1972, und statt im Kreis ihrer Familie zu feiern, wurde sie in den Operationssaal im Oststadtkrankenhaus geschoben. Nach dem Eingriff brachte sie ein Krankenwagen zurück in die MHH auf die neue Herzstation. Die Abteilung der Nuklearmedizin, wo sie eigentlich hingehörte, sollte erst ein paar Monate später eröffnet werden.

Am Abend, so erzählt Margrit Bothe, sei ein Arzt an ihr Bett getreten und habe gesagt: „Liebe Frau Bothe, da Sie heute Geburtstag haben, mache ich Ihnen ein schönes Geschenk! Der Tumor ist gutartig.“ Wochenlang hatten Ärzte gerätselt, wie gefährlich der Knoten an ihrer Schilddrüse ist. „Es war überaus beruhigend, zu wissen, dass sich nun Experten von der neuen Hochschule kümmerten“, sagt sie. Bereits drei Tage nach der Entfernung der Schilddrüse wurde Margrit Bothe nach Hause entlassen, weil die Klinik das Bett für einen neuen Patienten brauchte. Ein wenig ängstlich war sie schon, denn zu Hause warteten vier kleine Kinder, die sie auf Trab hielten. Aber es ging alles gut. In den folgenden Monaten musste sie alle vier Wochen zur Kontrolluntersuchung in die Abteilung für Nuklearmedizin. Sie erinnert sich noch gut an die vielen Kleingärten rund um die MHH, durch die sie in den Pausen spazierte.

Andreas Schlossarek war einer der ersten Patienten in der neuen Kinderklinik auf dem MHH-Gelände. Offiziell sollte sie erst 1972 eröffnet werden; aber bereits Mitte 1971 wurden die ersten Patienten behandelt. Der 13-Jährige hatte eine mysteriöse Schwellung unter dem Ohr. Viele Ärzte hatten vergeblich nach der Ursache geforscht, die MHH-Kinderärzte wurden schnell fündig. Grund für die Schwellung war eine verstopfte Speicheldrüse. 

Andreas Schlossarek weiß auch noch, dass sie zu zweit auf der Station lagen und in der Schule gerade Zeugnisse verteilt wurden. Mit dem anderen Jungen veranstaltete er Rennen in nagelneuen Rollstühlen auf langen leeren Fluren, bis die Krankenschwestern einschritten, die ansonsten nicht viel zu tun hatten. Etwas unangenehm war die Begegnung mit einem jungen Assistenzarzt, der beim Blutabnehmen arge Probleme hatte, die Vene zu treffen. Nach zwei Wochen wurde er nach Hause entlassen. Heute hat die MHH 1500 Betten; jedes Jahr werden rund 60 000 Patienten stationär und 450 000 ambulant behandelt.

... der Pfleger

Eigentlich hatte Karl-Heinz Graul in Berlin Dachdecker gelernt. Als er nach der Lehre entlassen wurde, arbeitete er im Bergbau und in einer Ziegelei – bis er schließlich seinen Traumberuf fand. Als er mit einem Leistenbruch im Nordstadtkrankenhaus liegt, gefällt ihm das „Fluidum“, wie er sagt. Am Annastift lässt er sich zum Krankenpfleger ausbilden. 1970 tritt er seinen Dienst in der neuen interdisziplinären Notaufnahme der MHH an. Das erste Jahr sei sehr geruhsam gewesen, erzählt er. „Wir zählten Zehntausend Pinzetten, weil noch so wenig zu tun war.“ Er bleibt 23 Jahre lang. 1993 geht er mit 65 Jahren in Rente. „Es war eine schöne Zeit, trotz der vielen Schwerverletzten und harten Schicksale“, sagt er. „Man musste zupacken können.“

Pfleger wie Karl-Heinz Graul und Krankenschwestern wurden Ende der Sechzigerjahre händeringend gesucht. An den Krankenhäusern herrschte Personalmangel. Die MHH, die Anfang der Siebzigerjahre rund 800 Pflegekräfte für das Zentralklinikum sucht, musste sich einiges einfallen lassen. Als Erstes wird 1967 eine eigene Krankenpflegeschule gegründet. Außerdem schaltete man in Fachzeitschriften Anzeigen, auch im Ausland. Mit Erfolg. Ende 1968 unterschrieben 25 Krankenschwestern aus dem heutige Taiwan ihren Arbeitsvertrag mit der MHH. In den nächsten Jahren folgten Kolleginnen aus Korea und von den Philippinen.

Der Pioniergeist der Hochschule wehte bis in die „Lehranstalt für medizinische Hilfsberufe“. 1971 wurde der Titel „Schwester Beate“ als unzeitgemäß in fast allen Abteilungen abgeschafft. Auf Wunsch der Pflegerinnen verschwand wenig später auch die Schwesternhaube in der Ablage.

16.05.2015
16.05.2015
Saskia Döhner 16.05.2015