Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt 700 Fans sehen 96 beim Training zu
Hannover Aus der Stadt 700 Fans sehen 96 beim Training zu
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:06 03.04.2012
Von Gunnar Menkens
Foto: Sow Laye mit Sohn Nabika (links) im Gespräch mit Mame Diouf.
Sow Laye mit Sohn Nabika (links) im Gespräch mit Mame Diouf. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige
Hannover

Ob das Spiel gegen Atlético Madrid vielleicht das wichtigste Spiel in der Vereinsgeschichte sein wird? Manfred Haja, 78, karierte Schiebermütze, ist sich nicht ganz sicher. Er steht oben auf einem sachte ansteigenden Grashügel, auf dem Sportplatz vor ihm schieben sich die Profis von Hannover 96 Bälle hin- und her. Am Donnerstag laufen die Spanier im Stadion auf, es geht um den Einzug ins Halbfinale der Europa League. Hannover hat so etwas noch nie gesehen.

Der Rentner hat schon einiges erlebt mit seinem Klub. Längst vergessenen Spielern sah er schon beim Training zu, und manche Hoffnung auf sportlichen Erfolg verflog, kaum dass sie sich in den Köpfen der Fans eingenistet hatte. Jetzt ist alles anders. „Wir erleben goldene Zeiten im Fußball“, sagt Haja. Eine Runde weiterkommen gegen Madrid, das würde er sogar weiteren Erfolgen in der Bundesliga vorziehen. Aber halt! Da fällt ihm noch ein anderes wichtigstes Spiel in der Vereinsgeschichte ein. „Das Tor von Gerald Asamoah gegen Braunschweig. Eins zu null.“ Das war im Mai 1998, es folgte der Aufstieg. In die zweite Liga. Ein großer Erfolg.

Großer Andrang herrschte am Dienstag beim Training von Hannover 96. Die „Roten“ bereiten sich auf das Europa-League-Rückspiel gegen Atlético Madrid vor.

Die goldenen Zeiten treiben an diesem Dienstag 700 Zuschauer mit fast ebenso vielen Digitalkameras zur Mehrkampfanlage an der AWD-Arena. Männer wie Haja, die im hannöverschen Zustand der sachlichen Euphorie auf den Donnerstag hinleben, und Jungen und Mädchen, die hinter dem Zaun bestaunen, wie nahe Menschen sein können, die man sonst weit entfernt im Stadion und, noch entfernter, im Fernsehen sieht. Die Kinder heißen Fynn und Luca und Lina, manche tragen ihre Namen auf Trikots in Vereinsfarben, und glaubt man diesen Trikots, dann heißen sehr viele Kinder in der Stadt Zieler und Abdellaoue. Profi Christian Pander staunte über diesen Übungstag. „Das hat Schalke-Dimensionen.“

Es ist das letzte öffentliche Training vor dem Spiel, das als ein großes Spiel in die Geschichte eingehen soll. Viel zu sehen gibt es nicht. Regeneration steht auf dem kaum einstündigen Programm. Steven Cherundolo und Konstantin Rausch heben beim Fußballtennis gegen Jan Schlaudraff und Mame Diouf Bälle übers Netz. Wobei sie vorführen, dass man mit einem Ball auch viel Quatsch machen kann. Ein paar Meter weiter versuchen fünf Männer durch präzises und schnelles Passspiel zu verhindern, dass zwei andere Männer den Ball bekommen. Es ist ein Tag, der Werbung für den Beruf Profifußballer macht. Alles ist scheinbar Spaß und gute Laune. Und man hat sein Auskommen.

Irgendwo auf dem Platz steht Emanuel Pogatetz. Pogatetz ist ein groß gewachsener Mann mit dunklen Locken und vielleicht deshalb Innenverteidiger geworden, weil große Männer in den Strafraum fliegende Bälle besser herausköpfeln können als kleine Männer. Er trägt wilde Tatoos, und er gilt als Raubein. Genau der Typ für Helge Rötting, „Ich steh auf Innenverteidiger.“ Eine schräge Vorliebe. Sie erklärt ihre Neigung zum Österreicher mit Qualitäten, die seine Position auf dem Spielfeld erfordert. Die 51-Jährige, heute mit Sohn und Patenkind gekommen, mag die kernigen Typen, „die Präsenz zeigen und reingrätschen“. Der Andrang überrascht sie nicht. Es sind Osterferien, und die Mannschaft hat Erfolg. „Aber es gab Zeiten, da standen wir mit 20 Leuten hier.“ Heute braucht Manuel Schmiedebach zehn Minuten, um zehn Meter voranzukommen. Noch vom Training perlen Schweißtropfen von seiner Nase, aber der Weg zur Dusche wird ein weiter sein. Immer wieder kommen von irgendwoher neue Autogrammsammler.

Es ist noch nicht lange her, da musste Hannover 96 Geld auf den Tisch legen, damit Vereine außerhalb Deutschlands nach Hannover reisten. Porto, Madrid, London - aus den tollen Städten Europas reisten Klubs mit ihren großen Stars in Niedersachsens kleine Landeshauptstadt. Dabei scheint es nur etwas mehr als einen Wimpernschlag her, als die Roten sich selbst zu einem Auswärtsspiel auf den Weg machten. Das Punktspiel führte sie zu einer Partie gegen die Blauen: Man begegnete Arminia Hannover, auf Augenhöhe, im sogenannten Niedersachsenstadion.

Mame Diouf läuft mit Verspätung auf den Platz. Er ist Stürmer, einer der plötzlichen neuen Lieblinge der Fans, und er schleppt einen Sack voll Bälle. Das sind Spieler, die die Leute hier lieben, diejenigen, die sich für nichts zu schade sind. „Hätte der Bobic nicht gemacht“, sagt einer von denen, die seit Jahren hier stehen. Fredi Bobic, früher 96-Stürmer, ist mittlerweile Manager in Stuttgart.

Der Senegalese Diouf wurde aufgehalten, weil ihn ein Landsmann angesprochen hat. Sow Laye hat dem Publikumsliebling angeboten, ihm die Stadt zu zeigen. Diouf kam praktisch eben erst von Manchester nach Hannover. So tat es Laye schon mit Salif Keita und Babacar N’Diaye, Senegalesen, die ebenfalls für 96 spielten. Laye ist ein optimisischer Mann, er fragte Diouf auch nach Karten für das Spiel. Ein später Versuch, die Partei ist ausverkauft. Mame Diouf habe zugesagt, zurückzurufen. Für seinen Sohn Nabika gab es erst einmal ein Autogramm, schwarzer Filz auf rotem Polyester. Er wird es stolz herumzeigen in der E-Jugend von Fortuna Sachsenroß.

Die Pläne für Donnerstagabend sind in Hannover gemacht. Manfred Haja geht ins Irish Harp, trinkt pro Halbzeit ein Guiness und wird vielleicht auch Pinto zujubeln, den er vor ein paar Jahren am liebsten nach Aachen zurückgegeben hätte. Helge Rötting sitzt mit Mann und den 80 Jahre alten Eltern im Stadion, Südtribüne, direkt unter Madrider Fans. Sow Layer wird mit Freunden Fernsehen gucken. Es sei denn, der Landsmann meldet sich.

Mehr zum Thema

Fortuna Düsseldorf hat den Relegationsplatz in der 2. Fußball-Bundesliga gegen den FC St. Pauli verteidigt, den Verfolger aber nicht abhängen können. Die Rheinländer kamen am Montagabend nicht über ein 0:0 im Spitzenspiel hinaus und rangieren damit weiterhin nur zwei Punkte vor dem Tabellenvierten.

02.04.2012

Die 0:3-Heimniederlage gegen Mainz 05 könnte schlimme Folgen haben. Dem Klub von der Weser droht erneut eine Saison ohne Spiele im Europapokal. Viele Fans sehen schwarz.

04.04.2012

Auf Klaas-Jan Huntelaar war wieder Verlass: Der Niederländer traf für die müden Schalker zum 1:1 bei 1899 Hoffenheim und sicherte einen wichtigen Punkt. Die Kraichgauer warten indes weiter auf einen Heimerfolg.

01.04.2012
Vivien-Marie Drews 06.04.2012
Aus der Stadt Interview zu Stadtbahnunfällen - Fußgänger sind besonders gefährdet
03.04.2012
02.04.2012