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Aus der Stadt Alter Sextäter belästigt schon wieder Frauen
Hannover Aus der Stadt Alter Sextäter belästigt schon wieder Frauen
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00:31 02.11.2015
Quelle: Symbolbild
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Hannover

Wieder soll der 80-jährige Berufsverbrecher Wilhelm P. einer Frau nachgestellt haben, dieses Mal in Stöcken. Im Justizministerium hieß es am Freitag, die Wiedereingliederung ehemaliger Täter sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring ärgert sich der Landesvorsitzende Rainer Bruckert: „Es müsste die Möglichkeit geben, die Allgemeinheit vor solch unbelehrbaren Wiederholungstätern zu schützen, auch wenn ein Mann wie P. in jüngerer Vergangenheit nur leichtere Sexualstraftaten begangen hat.“

P. saß rund 50 Jahre seines Lebens im Gefängnis. Er war schon wegen der Vergewaltigung einer Schwangeren verurteilt worden, außerdem wegen 20 weiterer Delikte wie Diebstahl, Betrug, Körperverletzung und sexueller Nötigung. Mehrfach wurde eine Sicherheitsverwahrung angeordnet - bis das Oberlandesgericht Celle 2011 die Freilassung von P. anordnete. Eine Fortsetzung der Sicherungsverwahrung sei nur gerechtfertigt, wenn bei dem Rentner weiterhin eine „hochgradige Gefahr schwerster Gewalt- oder Sexualstraftaten“ bestehe - doch diese Gefahr sahen die Celler Richter nicht.

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Seine jüngste Tat soll P. laut Strafanzeige nun am 8. Oktober begangen haben. An diesem Tag bemerkten zwei Bewohner eines Wohnkomplexes an der Stöckener Straße, in dem der Rentner wohnt, wie dieser einer Mieterin nachstellte. Erst zwei Tage zuvor hatte das Amtsgericht den 80-Jährigen zu einer Haftstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt, weil er sich unerlaubt seiner elektronischen Fußfessel entledigt hatte. Diese muss er seit der Aufhebung seiner Sicherheitsverwahrung tragen.

P. hatte eine Leiter vor der Wohnung der Mieterin aufgestellt und spannte ganz ungeniert durch das Fenster“, sagte der Hausverwalter, der die Strafanzeige erstattet hat. Die Staatsanwaltschaft bestätigte den Eingang der Anzeige.

Gibt es keine Möglichkeit, Wilhelm P. wieder einzusperren, bevor Schlimmeres passiert? Die Antwort von Juristen ist eindeutig: bei derzeitiger Gesetzeslage nicht. Erst wenn ein mehrfach vorbestrafter Sexualstraftäter erneut zu einer Haftstrafe von mindestens zwei Jahren verurteilt wird, kann ein Gericht Sicherungsverwahrung anordnen. Bei der Tat müsste das Opfer „seelisch oder körperlich schwer geschädigt“ worden sein und der Täter eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Frauen intim zu beobachten oder Kinder verbal zu belästigen - was P. jüngst ebenfalls tat - gilt nicht als schweres Sexualdelikt.

Rechtsexperte Holger Nitz sagt, das Bundesverfassungsgericht habe mehrfach geurteilt, Sicherungsverwahrung sei ein scharfes Schwert, das nur in Ausnahmefällen zu benutzen sei. Auch wenn es schwer zu ertragen sei, müsse die Gesellschaft Risiken wie im Fall P. aushalten. Justizministeriums-Sprecher Marco Hartrich geht noch ein Stück weiter: „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, entlassenen Strafgefangenen oder Sicherungsverwahrten Perspektiven für ein straffreies Leben aufzuzeigen.“ „Aus Sicht der Opfer ist der Fall Wilhelm P. unerträglich“, urteilt hingegen Opferschützer Bruckert. Er bedauere, dass die Justiz „aus formalen Gründen“ nicht auf solche Extremfälle reagieren könne.

Von Jörn Kießler und Michael Zgoll

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