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Aus der Stadt 800 Menschen gedenken Opfern der Pogromnacht
Hannover Aus der Stadt 800 Menschen gedenken Opfern der Pogromnacht
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00:15 11.11.2015
Von Saskia Döhner
Der Europäische Synagogalchor singt in der Marktkirche. Quelle: Wallmüller
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Hannover

"Wenn ich von der Orgel runter auf die Menschen in der Marktkirche schaue, auf diese rund 800 Menschen, dann ist das ein überwältigendes Gefühl." Für Prof. Andor Izsak war das diesjährige Konzert zum Gedenken an die Reichpogromnacht vor 77 Jahren, das Juden, Katholiken und evangelische Gläubige wieder zusammen erlebten, ein ganz besonderes. Denn erstmals sang der Europäische Synagogalchor den Hauptteil einer jüdischen Liturgie in einer christlichen Kirche. 

Moritz Henles Werke stellen das Ausrollen der Thora, die Lesung bis hin zum Einrollen und Wegstellen in den Mittelpunkt. "Wir haben alles gesungen, nur ohne Thora",  sagt Iszak. Zuerst hätten die jüdischen Synagogen und Geschäfte gebrannt, später dann die Menschen, betont Iszak, deshalb sei es so wichtig, an den 9. November zu erinnern. In der Reichspogromnacht habe das Unheil für die Juden begonnen. Nur wer sich erinnere, könne aus der Geschichte lernen.

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Mit Gottesdienst und Konzert wurde am Sonnabend in der Marktkirche der Opfer der Reichspogromnacht gedacht.

"Die Marktkirche ist an diesem Abend mal Synagoge" habe Iszak über einen Gedenkabende der Vorjahre mal gesagt, betont Stadtsuperitendent Hans-Martin Heinemann. Für ihn ist es bis heute ein Wunder, dass ausgerechnet die Juden zum gemeinsamen Gedenken an die Pogromnacht einladen. "Man denkt, die Zeit heilt alle Wunden, aber hier stimmt das nicht, das kann niemand heilen." Die Zeit des Antisemitismus sei auch so lange nach dem Zweiten Weltkrieg nicht vorbei, sagt Heinemann und erinnert an die jüngste Schändung jüdischer Gräber auf einem Friedhof in der Nordstadt. "Aber dass wir hier zusammensitzen, ist ein Zeichen der Hoffnung."

Propst Martin Tenge sagt, es seien nicht nicht nur verschüttete Werke von Komponisten wie Louis Lewandowski, Alfred Rose, Istvan Szelenyi, Alfred Koerppen, Moritz Deutsch oder Zoltan Kodaly aufgeführt worden, sondern es sei auch etwas Neues entstanden. "Es bricht etwas hervor, das berührt mich."

Neben jüdischer Musik gab es an diesem Abend auch historische Texte von einem Überlebenden zuhören. Schauspieler Ernst Erich Buder zitierte einen Aufsatz, den Norbert Wollheom, Auschwitz-Überlebender, 1948 in Hamburg zum zehnjährigen Gedenken an die Pogromnacht verfasst hatte. Darin wundert er sich, wie ein Volker der Dichter und Denker, die Nachkommen von GoetheBeehtoven und Kant solch schreckliche Sachen tun könnten. Es gab viel Ernsthaftes an diesem Abend, aber auch Aufbruchstimmung, Versöhnung und Freundschaft, in der Musik wie im Publikum.

Bärbel Hilbig 08.11.2015
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