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Aus der Stadt AWO hilft bei Schulden jedem Ratsuchenden
Hannover Aus der Stadt AWO hilft bei Schulden jedem Ratsuchenden
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20:04 20.06.2017
Öffentliche Werbung für eine bessere Schuldnerberatung: Experten sind dieser Tage mit einem Stand in der City. Quelle: Privat
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Hannover

Aus Schulden wieder herauszukommen ist oft schwierig genug. Wenn Betroffene an den falschen Berater geraten, macht das alles noch viel schlimmer. „Es tummeln sich auf dem Markt inzwischen viele Anbieter wie Vereine und Rechtsanwälte“, berichtet Birgit Hellwig, seit zehn Jahren in der sozialen Schuldnerberatung der AWO Region Hannover in der Deisterstraße.

Zu Hellwig kommen immer wieder Hilfesuchende, die eigentlich längst eine Insolvenzberatung hinter sich haben. Doch für eine Einigung zur Insolvenzvermeidung handeln manche Berater Bedingungen aus, die in den Ohren der Gläubiger zwar gut klingen, vom Schuldner aber unmöglich zu erfüllen sind. Bezieher von Arbeitslosengeld II verpflichten sich in solchen Vereinbarungen auf Zahlungen von 100 Euro pro Monat. „Ich habe solche Pläne selbst gesehen. Das kann nicht funktionieren“, betont Matthias Wenzel, Schuldnerberater beim Ka:Punkt der Caritas in der Grupenstraße.

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Kommen die Schuldner mit der Abzahlung nicht mehr hinterher, ist die Sache für den Insolvenzberater längst abgeschlossen. „Er hat die Akte geschlossen und seine Abrechnung an das Land geschickt. Das grenzt für mich an Abzockerei“, kommentiert Wenzel. Für eine „erfolgreiche“ Beratung, die scheinbar eine Insolvenz vermeidet, lassen sich die höchsten Vergütungssätze in Rechnung stellen. Ob der Zahlungsplan später auch eingehalten wird, interessiert nicht mehr.

Manchmal tauchen die betroffenen Verschuldeten dann in der sozialen Schuldnerberatung von Trägern wie AWO, Caritas, Diakonie und Step wieder auf. „Wir lehnen keinen Ratsuchenden ab. Ein Erstgespräch führen wir auf jeden Fall“, berichtet Birgit Hellwig. Eine begleitete Insolvenz ist dann aber nicht mehr möglich.

Beratende Begleitung möglich

Mit ihren fünf Kollegen bei der AWO in Hannover, Langenhagen und Seelze hat sie vergangenes Jahr 813 Klienten beraten. Die meisten hatten bis zu 10 000 Euro Schulden, bei 16 Betroffenen lag die Summe über 100 000 Euro. Wenn eine Privatinsolvenz unumgänglich ist, bietet Birgit Hellwig eine beratende Begleitung in den kompletten sechs Jahren. „Damit sie es durchhalten.“

Denn unverständliche Briefe von Behörden und Banken, psychische oder Suchtprobleme können manche Schuldner schnell aus dem Tritt bringen. Dafür arbeiten die Verschuldungsexperten mit Fachleuten aus anderen Bereichen wie Sucht- oder Integrationsberatung zusammen.

„Der Verlust des Arbeitsplatzes ist nach wie vor der Hauptgrund für Verschuldung“, berichtet Beraterin Hellwig. Danach folgen Unfälle, Krankheit mit plötzlicher Erwerbsunfähigkeit, Sucht und Scheidung. Zu den beiden Caritas-Schuldenberatern in Hannover und Burgwedel kamen mehr als 500 Klienten. Die Schuldensumme lag zwischen 30 000 und 50 000 Euro. „Alleinerziehende sind eine relativ große Gruppe“, sagt Wenzel.

Mobilfunkanbieter bleiben hart

Seit gut zwei Jahren kümmern sich die Fachleute verstärkt mit Infoveranstaltungen um Senioren, auch wenn diese selbst selten die Beratung aufsuchen. „Über Schulden redet man nicht. Es ist besonders in der älteren Generation ein schambehaftetes Thema“, beobachtet Wenzel. Das kann allerdings für die Angehörigen fatale Folgen haben. Zu Wenzel kommen manchmal junge Leute, die Schulden von ihren Eltern geerbt haben. „Sie haben das Erbe nicht ausgeschlagen, weil sie von der Belastung nichts wussten.“

Manchen Senioren sei es allerdings mit zunehmendem Alter ein Anliegen, ihre manchmal Jahrzehnte alte Schuldenlast endlich zu regeln. „Es ist auch möglich, mit Gläubigern zu vereinbaren, einige Jahre lang kleinere Beträge zurückzuzahlen“, erklärt Hellwig. Für diese sei das besser als gar nichts. Nur Mobilfunkanbieter ließen generell nicht mit sich reden, haben die Berater erfahren.

Im Gegenteil seien die Gepflogenheiten in der Branche hart. Hellwig und Wenzel kennen beide junge Leute, denen mehrere Handyverträge aufgedrängt wurden. „Nachweisen lässt sich das nicht. Sie haben unterschrieben.“

Von Bärbel Hilbig

Mathias Klein 20.06.2017
Bärbel Hilbig 23.06.2017
Jutta Rinas 23.06.2017