Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Große Wende nach abenteuerlicher Flucht
Hannover Aus der Stadt Große Wende nach abenteuerlicher Flucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:25 19.11.2014
Von Michael Zgoll
Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Die Dramen, die Sandra H.* in zwölf Ehejahren erlebt hat, sind außergewöhnlich. Die junge Frau aus Hannover hatte 2002 einen Mann aus Libyen kennen- und lieben gelernt. Nach sechs langen Jahren in Nordafrika, nach einer abenteuerlichen Flucht und vielen Terminen bei Polizei und Gericht lebt die Mutter von drei schulpflichtigen Jungen inzwischen wieder in Ricklingen. Hinter der 35-Jährigen liegt ein Martyrium. Was vor ihr liegt, ist ungewiss. Denn den Kontakt zu Freunden und Verwandten hat sie abgebrochen, während ihr Mann und mutmaßlicher Peiniger vergangener Jahre nun ebenfalls in Hannover wohnt.

Sechs Jahre ist es her, dass die Familie aus Ricklingen nach Libyen zog. Damals war erst ein Kind geboren. Der Ehemann war im Reich von Muammar al-Gaddafi politisch aktiv, zunächst Anhänger des Despoten, später Gegner. In den Wirren des Bürgerkriegs, der 2011 im Sturz von Gaddafi gipfelte und in den Kämpfen rivalisierender Gruppen fortdauert, soll der heute 41-Jährige nicht ohne Einfluss gewesen sein. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, er habe sich eines Bombenanschlags auf ein Hotel gerühmt und Rebellenmilizen Waffen beschafft. Er trat in martialischer Pose im Fernsehen auf, wurde später beschuldigt, Hilfsgüter verschoben zu haben. Gleichberechtigung aber stand nie auf seiner Agenda.

Frau und Kinder, so notierte es 2011 ein von Verwandten beauftragter Detektiv, waren in Libyen völlig isoliert. Sie müssten hungern, würden nur unzureichend medizinisch versorgt, litten unter Gewaltausbrüchen des Mannes, der ein Alkoholproblem habe. In dem Bericht ist auch von sexueller Nötigung und Morddrohungen gegen Sandra H. die Rede. Ihre Lebensbedingungen würden „denen eines Haustiers gleichkommen“, so der Detektiv.

2012 musste der Ehemann das Land aus politischen Gründen verlassen, floh unter dramatischen Umständen mitsamt Familie nach Tunesien. Doch leichter wurde das Leben für Frau und Kinder dort nicht. So entschloss sich Sandra H. Anfang 2014, mithilfe von Verwandten nach Deutschland zu fliehen. Auswärtiges Amt und deutsche Botschaft wurden eingeschaltet, ein hannoverscher Rechtsanwalt flog im Mai für einige Tage nach Tunesien. Die angsterfüllte Frau und ihre Kinder wechselten mehrfach das Hotel, kurz vor der Ausreise kassierten die Behörden noch mehr als 5000 Euro, weil die Familie illegal im Land gelebt hatte. Zeitgleich übertrug das hannoversche Amtsgericht Sandra H. das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Kinder.

In Hannover erstattete die 35-Jährige gegen ihren Mann Anzeige wegen sexueller Nötigung. Weil er ihr nachgereist war, ihr ständig auflauerte, sie bedrohte und beschimpfte, erwirkte sie zudem ein Kontakt- und Näherungsverbot. Im Juli sprach Familienrichterin Doerte Dölp der Mutter das alleinige Sorgerecht für die Kinder zu. Doch dann kam die große Wende - die niemand versteht.

Im Frühherbst einigten sich die Eheleute unter Vermittlung des Jugendamtes auf ein gemeinsames elterliches Sorgerecht für die Söhne. Deren Lebensmittelpunkt soll bei der Mutter sein, doch darf der Vater sie nach Absprache sehen. Die Anzeige wegen sexueller Nötigung zog Sandra H. zurück. Wie es heißt, wird sie auf der Straße nur noch in Begleitung des Libyers gesehen, auf Nachrichten von Bekannten und Verwandten reagiert sie nicht mehr. Deren bange Frage lautet nun: Trifft Sandra H. ihre Entscheidungen noch aus freien Stücken? Und - wie geht es den Kindern?

* Name von der Redaktion geändert

Aus der Stadt Verwaltungsspitze gibt harte Haltung auf - Kippt die Region die Mindestmüllmenge?
21.11.2014
Bernd Haase 21.11.2014
Tobias Morchner 18.11.2014