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Aus der Stadt Abiturprüfungen starten an Hannovers Schulen
Hannover Aus der Stadt Abiturprüfungen starten an Hannovers Schulen
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19:17 19.04.2015
Zum Lernen in der Uni-Bibliothek: Gerhard Germer, Nicolas Kuhn, Martha Kuzior, Julia Ness und Kian Rahmati von der Wilhelm-Raabe-Schule.
Zum Lernen in der Uni-Bibliothek: Gerhard Germer, Nicolas Kuhn, Martha Kuzior, Julia Ness und Kian Rahmati von der Wilhelm-Raabe-Schule. Quelle: Franke
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Hannover

Am Montag beginnen die Abiturprüfungen an Hannovers Schulen: Ein Besuch bei einer Lerngruppe in der Uni-Bibliothek.

„Am meisten nervt das gute Wetter“

Konzentriert unterstreicht Gerhard seine Biologienotizen mit einem gelben Textmarker. Auf dem Tisch vor ihm stapeln sich aufgeschlagene Bücher und Blöcke, der Schulstoff der letzten zwei Jahre. Um für das Abi, die wohl wichtigste Prüfung seiner Schulkarriere, zu lernen, hat sich der 18-Jährige einen abgeschiedenen Ort ausgesucht: die Uni-Bibliothek am Welfenschloss in der Nordstadt. Dort, wo sonst Studenten für Hausarbeiten und Referate recherchieren, sitzt Gerhard nun mit seinen Schulfreunden Nicolas, Kian, Julia und Martha, wie er von der Wilhelm-Raabe-Schule in der Südstadt. Gemeinsam gehen gehen sie den Stoff für die Abi-Prüfungen durch. „Zu Hause lenkt einfach alles ab. Das Fenster. Ein Stift. Die Wand“, sagt Kian. Die anderen lachen. Sie kennen das Problem. „Am meisten nervt das gute Wetter“, sagt Nicolas und schaut durch die Fenster der Technischen Informationsbibliothek, als draußen gerade die Sonne untergeht.

Mulmiges Gefühl vor den Prüfungen

Seit den Osterferien, also seit Ende März, hocken die Freunde hier vier Stunden pro Tag über ihren Mitschriften und Büchern. Oft auch länger. Wie sie pauken mehr als 1000 Schüler in Hannover momentan für ihre allgemeine Hochschulreife. Heute wird es ernst. Die erste schriftliche Prüfung steht an: Geschichte. Martha geht mit einem mulmigen Gefühl in die Leistungskurs-Prüfung: „Gerade Geschichte ist so viel zu lernen. Man muss die ganzen Fachbegriffe und Fakten wissen.“ Angst haben die fünf aber vor allem vor den naturwissenschaftlichen Prüfungen.

Drei Leistungskurse auf höherem Niveau

Wie jeder Abiturient in Niedersachsen haben die Wilhelm-Raabe-Schüler fünf Prüfungsfächer: drei davon als Leistungskurse auf einem erhöhten Niveau, zwei als sogenannte Grundkurse, davon einer als mündliche Prüfung vor mehreren Lehrern. Die schriftlichen Abi-Prüfungen in den Leistungskursen dauern sechs Schulstunden - also 270 Minuten. Da muss die Verpflegung stimmen. „Wenn ich mir einen Klausurvorschlag aussuche, esse ich erst einmal ein zweites Frühstück“, sagt Martha und lacht. Das ist das Gute an den Abi-Prüfungen: Aus zwei Vorschlägen dürfen die Schüler einen aussuchen. Für die Bio-Klausur bekommt Martha sogar einen selbstgebackenen Kuchen von ihrer Mutter, obwohl die Prüfung im Grundkurs nur 180 Minuten dauert. „Du bist voll der Hobbit“, foppt Kian sie lachend, weil er sich an die nimmersatten Wesen aus „Herr der Ringe“ erinnert fühlt.

In ihrer Lerngruppe motivieren sich die fünf Schüler gegenseitig. Bis vor einer Woche haben sie alleine zu Hause gelernt. „In einer Lerngruppe hat man ein schlechtes Gewissen, wenn die anderen etwas tun, aber man selbst nicht“, erklärt Martha. Mal lesen alle in der Uni-Bibliothek ihre eigenen Notizen, mal fragen sie sich gegenseitig ab. Regelmäßig machen die Freunde Pausen und gehen bei einem Imbiss um die Ecke einen Happen essen.

Sechs Wochen Dauerstress

Bis Ende Mai wird das wohl so weiter gehen: Am 29. Mai ist der letzte Prüfungstermin, die Abiturzeugnisse gibt es Anfang Juli. Je nachdem, wann ihre Prüfungstermine liegen, stehen die Schüler ab heute für bis zu sechs Wochen unter Dauerstress.

Was die fünf Freunde nach dem Abitur beruflich machen wollen, wissen sie noch nicht so genau. Martha und Julia gehen erst einmal ins Ausland, die drei Jungs wollen sich für Praktika bewerben. „Erst will ich freiwillig Wehrdienst machen und dann Praktika in den Bereichen Informatik, Ingenieurwesen und Lehramt“, sagt Gerhard. Die Schule kläre zu wenig über die beruflichen Möglichkeiten nach dem Abitur auf, meint er. Jetzt zählt für ihn aber erst einmal, 80 handgeschriebene Biologielernzettel zu verinnerlichen.

Gleiche Prüfung in sechs Bundesländern

Länderübergreifendes Zentralabitur: Seit 2014 schreiben Schüler in sechs Bundesländern zeitgleich identische Prüfungen in Deutsch, Englisch und Mathematik. Daran beteiligt sind Schüler aus Niedersachsen, Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein. Die Abschlüsse sollen so vergleichbarer werden. 

Deutsch am 30. April: Von wegen nur alte Kamellen: Neben Goethes Faust geht es im Abi auch um Medienkompetenz. Eine Aufgabe könnte sein, einen Kommentar für die Zeitung zu schreiben. 

Englisch am 5. Mai: Neben Shakespeare ist unter anderem die Kurzgeschichte „My Son The Fanatic“ von Hanif Kureishi prüfungsrelevant. Es geht um einen jungen Pakistani in Großbritannien, der strenggläubiger Moslem ist. 

Mathematik am 8. Mai: In der Prüfung kommen etwa Kurvendiskussionen in Analysis und Wahrscheinlichkeiten in Stochastik dran.

Tobias Morchner 22.04.2015
Michael Zgoll 22.04.2015