Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt „Was soll ich machen, wenn sie klingeln?“
Hannover Aus der Stadt „Was soll ich machen, wenn sie klingeln?“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:12 11.12.2014
„Alle meine Hoffnungen sind geplatzt“: Abbas Yassin wird in Deutschland nicht mehr geduldet. Ohne Voranmeldung könnte jederzeit die Polizei vor der Tür stehen, um ihn nach Bulgarien abzuschieben. Quelle: Christian Link
Anzeige
Hannover

Wenn es an der Tür klingelt, läuft es Abbas Yassin jedes Mal eiskalt den Rücken herunter. Seit vergangenem Dienstag ist der Asylbewerber aus dem Sudan ein Nervenbündel. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat seine Abschiebung nach Bulgarien angeordnet, einstweilen konnten 150 Unterstützern sie verhindern, indem sie das Nordstädter Treppenhaus zu seiner Wohnung blockierten. Doch damit hat Yassin bestenfalls etwas Zeit gewonnen, in Deutschland wird er nicht mehr geduldet. „Ich denke ständig über meine Abschiebung nach, ich kann kaum noch schlafen“, übersetzt ein Landsmann die Worte des 27-Jährigen ins Deutsche.

Yassin spricht Arabisch, ein bisschen Englisch kann er auch, aber nur gebrochen. Gerne würde er einen Deutschkurs machen, um die Sprache „richtig gut“ zu lernen. Gerne würde er auch eine deutsche Universität besuchen, um sich weiterzubilden. In seiner Heimat hatte er ein Studium der Ingenieurswissenschaften abgeschlossen. Weil er sich an der Universität politisch engagiert habe, werde er seitdem von der Regierung verfolgt, sagt er. Erst am Freitag hat er mit seiner Familie im Sudan telefoniert. „Wenn du nach Hause kommst, wirst du sofort am Flughafen festgenommen“, habe ihn seine Mutter gewarnt.

Anzeige

Vor gut zehn Monaten entschied sich Yassin zur Flucht vor dem Regime von Sudans Diktator Omar Hassan Ahmad al-Bashir. Mit einem Flugzeug reiste der 27-Jährige von seiner Heimatstadt Khartum zunächst in die Türkei. Von dort schlug er sich zu Fuß nach Bulgarien durch. „An der Grenze gab es nur Felder, deshalb gingen wir bei Nacht, damit uns keiner sehen konnte“, berichtet Yassin. Hinter der Grenze sei er aber bald von der bulgarischen Polizei festgenommen worden.

Was Yassin danach erlebte, lässt ihn heute noch erschaudern. Das Flüchtlingscamp in Bulgarien sei wie ein Gefängnis gewesen. Die Behörden hätten weder Betten bereitgestellt, noch Essen verteilt. Lebensmittel hätten die Flüchtlinge nur von fahrenden Händlern kaufen können. „Wenn man kein Geld hatte, musste man betteln.“ Abends seien die Flüchtlinge dann in eine Sammelzelle gesperrt worden - bis zu 200 Afrikaner in einen Raum. „Ab 18 Uhr durfte niemand mehr raus.“

Sanitäre Einrichtungen habe es in der Sammelzelle nicht gegeben. Die Flüchtlinge hätten ihre Notdurft an Ort und Stelle verrichten müssen. Widerspruch hätten die bulgarischen Polizisten nicht geduldet. „Manchmal wurden wir mit Stromstöcken geschlagen“, erzählt Yassin.

Zwei Camps durchlief der Sudanese in Bulgarien. Anschließend wurde er entlassen. Dafür bezahlte er 50 Euro und unterschrieb eine Verzichtserklärung auf Sozialhilfe durch den bulgarischen Staat, auch, wenn er in dem Moment nicht wusste, was er da unterschrieb. Eine Wahl habe er aber ohnehin nicht gehabt, sagt Yassin. „Wir wurden bedroht, damit wir unterschreiben.“

Danach lebte Yassin in Bulgarien auf der Straße. Auf die Frage, was er dort erlebt habe, setzt er zu einer längeren Erklärung an. Als sein Landsmann gerade übersetzen will, bricht dieser - ein ansonsten sehr beherrschter Mittfünfziger - in Tränen aus und verlässt den Raum. „Yassin hat uns erzählt, dass er dort quasi nichts außer seiner Decke hatte“, sagt seine Unterstützerin und Mitbewohnerin Sarah Kaufmann in der kurzen Pause. Einige Details seiner Geschichte höre auch sie zum ersten Mal. Dann kehrt der Übersetzer in die WG-Küche zurück. Er hat sich wieder gefangen. Was Yassin ihm erzählt hat, behält er allerdings für sich.

„Ich höre häufig solche Berichte“, sagt der Dolmetscher, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er hat zwar mittlerweile einen deutschen Pass, fürchtet aber um seine Angehörigen im Sudan, wenn bekannt wird, dass er politischen Flüchtlingen in Deutschland hilft. Auch um Yassin macht er sich große Sorgen.

Nachdem Yassin das bulgarische Flüchtlingslager verlassen hatte, flüchtete er zu Fuß nach Serbien. „Wir gingen fünf Tage durch Wälder, überall lag Schnee, und das Wasser war gefroren“, berichtet er. Mehrere Fußnägel habe er bei der langen Wanderung mit seinen leichten afrikanischen Schuhen eingebüßt. Von Serbien aus sei er größtenteils mit dem Auto weitergereist, teilweise mit einem Schleuser. Der warf ihn schließlich am Hauptbahnhof in Dresden aus dem Auto. „Ich wusste nicht, wo ich hin soll“, sagt Yassin. Dann wurde er an einer Bushaltestelle ein weiteres Mal von der Polizei festgenommen. Die nahm ihn zwar mit auf die Wache, bot ihm zu seiner Überraschung aber gleich einen Kaffee an. „Ich bin gut aufgenommen worden“, sagt Yassin.

Über Braunschweig und Stade kam Yassin schließlich nach Hannover, weil er sich im Flüchtlingscamp am Weißekreuzplatz Hilfe erhoffte. Am 31. Juli war ihm in einem Brief nämlich mitgeteilt worden, dass er nach Bulgarien abgeschoben werden soll. Hier bekam er auch einen Anwalt, der gegen die Abschiebung von Yassin nach Bulgarien Widerspruch einlegte - allerdings erfolglos. Nun sind die rechtlichen Mittel ausgeschöpft. Der 27-Jährige kann nur noch hoffen, dass die Abschiebung nicht vollzogen wird.

Solange belastet ihn die Ungewissheit, ob die Polizei wiederkommt. „Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll, wenn sie klingeln.“

Von Christian Link

Vielen Sudanesen droht die Abschiebung

Im Flüchtlingscamp am Weißekreuzplatz sind viele Sudanesen von der Abschiebung bedroht. „Es gibt hier knapp 100 Leute mit Duldung, die voraussichtlich in den nächsten sechs Monaten abgeschoben werden“, sagt Sören Waack vom Unterstützerkreis. Da die Sudanesen in der Regel über Drittstaaten ins Bundesgebiet gekommen sind, gelten sie als sogenannte Dublin-Flüchtlinge. Als solche müssen sie ihren Asylantrag in dem EU-Staat stellen, in den sie als erstes eingereist sind. Für Flüchtlinge aus dem Sudan ist das in den meisten Fällen Bulgarien, weil sie dort über die Türkei ankommen. Das osteuropäische Land steht aufgrund seines Umgangs mit Asylbewerbern allerdings in der Kritik. Die UNO-Flüchtlingshilfe hatte bis zum Januar diesen Jahres noch allen EU-Staaten empfohlen, grundsätzlich keine Flüchtlinge dorthin zurückzuschicken. Im April hob die Organisation diese Empfehlung aber wieder auf und rät nun zu einer Einzelfallprüfung.

Die Entscheidung, ob ein Dublin-Flüchtling aus Deutschland ausgewiesen wird, liegt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Behörde kann den Flüchtlingen aber auch in Deutschland Asyl gewähren. Wenn es Mängel im Asylsystem des Zustellungslandes gibt, ist eine Abschiebung sogar rechtswidrig. Laut einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte dürfen deswegen an Griechenland keine Flüchtlinge überstellt werden.

01.09.2014
Michael Zgoll 03.09.2014
Aus der Stadt Einblick in Sprengel-Neubau - Leichte Schwere
Gunnar Menkens 03.09.2014