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Aus der Stadt Gute Arbeit – und einige Klagen
Hannover Aus der Stadt Gute Arbeit – und einige Klagen
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15:50 24.10.2013
Von Conrad von Meding
Am Tag danach: Aufräumen an der Fundstelle der Bombe. Quelle: Michael Thomas
Hannover

 Genau 709 Helfer waren 19 Stunden im Einsatz – der Bombenfund vom Hohen Ufer hat nicht nur die erste große Evakuierung der Innenstadt nach dem Krieg ausgelöst, sondern auch die erste Nacht­räumung. Tausende Bewohner und Innenstadtgäste waren betroffen.

Trotz Kritik, die es etwa von Cityhoteliers am Räumungskonzept gibt, zog die Stadtspitze am Mittwoch ein durchweg positives Fazit. „Innerhalb von 16 Stunden den Stadtkern einer Landeshauptstadt zu evakuieren und anschließend einen Zehn-Zentner-Blindgänger unfallfrei zu entschärfen – das ist eine echte Meisterleistung“, sagte die amtierende Verwaltungschefin Sabine Tegtmeyer-Dette. Der Dank der Stadt gelte allen, die daran mitgewirkt haben: „Toll, was sie geleistet haben – viele von ihnen hatten eine schwere und lange Nacht.“

Eine Bombenräumung im August 2013 hat Hannover stundenlang in Atem gehalten. Ein großer Teil der Innenstadt musste geräumt werden.

Die Bombe war Dienstag früh um 8.45 Uhr gefunden worden. Mittags fiel die Entscheidung zur Räumung, um 2.41 Uhr nachts war die Innenstadt geräumt, um 3.50 Uhr der Blindgänger erfolgreich entschärft. Den Einsatzkräften half die späte Uhrzeit dabei durchaus. „Als wir um 22 Uhr mit der Räumung begannen, waren die Geschäfte geschlossen und der Publikumsverkehr in der City gering“, sagt Feuerwehrsprecher Michael Hintz. Grund für die Nachtevakuierung war aber nicht allein dieser Vorteil. „Wir mussten ja auch erst einmal alle Hilfskräfte organisieren, an den Einsatzort bringen und einweisen“, sagt Hintz ehrlich.

Unter anderem gingen Beamte der Polizei und Feuerwehr in der Innenstadt von Tür zu Tür, um die Anwohner zu bitten, den 1,8 Quadratkilometer großen Sicherheitsbereich zu verlassen. „Das ging überwiegend problemlos vonstatten“, bestätigt Jenny Mitschke von der Polizeidirektion Hannover. „Nur in zwei Fällen mussten Kollegen einen Platzverweis erteilen.“ Grundsätzlich bringe eine Evakuierung dieses Ausmaßes in den späten Abendstunden zumindest den Vorteil, dass der allgemeine Geschäftsbetrieb schon beendet sei, sagt Mitschke. „Für die Anwohner im Evakuierungsbereich stellt es allerdings eine große Belastung dar, weil sie die Nacht nicht zu Hause verbringen konnten.“

Immer wieder müssen in Hannover Fliegerbomben entschärft werden. Ein Überblick über die Bombenräumungen der vergangenen Jahre:

Das kann Carolin Will bestätigen. „Ich habe absolutes Verständnis, dass die Innenstadt geräumt werden musste“, sagt die Studentin, die in der Striehlstraße wohnt. „Nur, wie dies teilweise passierte, geht überhaupt nicht.“ Die 20-Jährige hatte sich extra informiert, ob sie ihre Wohnung räumen muss. „Und um 19 Uhr ging ich noch davon aus, dass ich bleiben könnte.“ Doch um 0.45 Uhr wurde sie unsanft aus dem Bett geholt. Polizisten hätten an ihre Tür geschlagen und gerufen. „Ich fühlte mich so unter Druck gesetzt, dass ich nur eine Jacke über meinen Pyjama gezogen habe, mein Handy und mein Portemonnaie nahm und raus bin“, sagt Will. Kaum auf der Straße, hätte man sie aber ihrem Schicksal überlassen. „Ich habe dann glücklicherweise einen Evakuierungsbus auf der Otto-Brenner-Straße bekommen“, sagt die Studentin. Insgesamt wurden etwa 700 Anwohner und Hotelgäste mit gut 50 Transportfahrten in die Sammelstelle in der Otto-Brenner-Schule am Waterlooplatz gebracht und dort mit Speisen und Getränken versorgt.

Die amtierende Stadtchefin Tegtmeyer-Dette ließ am Mittwoch Dankschreiben für den Einsatz an Feuerwehren, Polizei, Kampfmittelbeseitiger, die Geoinformation, DRK, Johanniter-Unfallhilfe, Malteser Hilfsdienst, ASB und die DLRG schicken. In den Dank für den Einsatz schloss sie ausdrücklich die Familien der Helfer ein.

Von Jörn Kiessler und Conrad von Meding

Wozu die Container?

War die Evakuierung insbesondere im nördlichen Teil der Innenstadt übertrieben? Hotelchef Veit Pagel vom Grandhotel Mussmann am Hauptbahnhof übt scharfe Kritik – vor allem am eiförmigen Evakuierungsradius. Der sah in Richtung Calenberger Neustadt nur eine 500 Meter weite Sperrzone vor, an anderen Stellen hingegen bis zu 1000 Meter – deshalb musten bei Pagel alle Hotelgäste umquartiert werden. „Bei jedem Bombenfund bricht eine unangemessene Hysterie aus“, schimpft Pagel.
Tatsächlich erscheint ein ungleichmäßiger Sicherheitsradius unlogisch. Doch Bernd Lausch, seit 13 Jahren Dozent an Deutschlands einziger Sprengstoffschule in Dresden, gibt den hannoverschen Kollegen recht: „Entscheidend ist, wie die Druckwelle sich bei einer möglichen Explosion ausbreiten würde“, sagt Lausch auf Anfrage der HAZ.
Hannovers Sprengmeister Marcus Rausch hatte am Südrand der Bombenfundstelle neun Hochseecontainer aus dem Lindener Hafen, gefüllt mit Sand und Wassersäcken, aufstellen lassen. Die Konstruktion sollte das Friederikenstift in der Calenberger Neustadt vor einer möglichen Druckwelle schützen, das kurzfristig nicht zu evakuieren war. Entsprechend mehr Raum müsse auf den anderen Seiten eingeplant werden, sagt Sprengdozent Lausch: „Irgendwohin muss der Druck ja entweichen.“

med

Wie wird entschärft?

Der Rost, den die Bombe an der Burgstraße an vielen Stellen schon angesetzt hatte, machte den Mitarbeitern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) in der Nacht zu Mittwoch Schwierigkeiten. Bei gut erhaltenen Blindgängern können die mechanischen Zünder oft herausgeschraubt werden. „Dienstagnacht ist das aber nicht der Fall gewesen“, erklärt Sprengmeister Ralf Reisener vom KBD Niedersachsen.
In solchen Fällen kommt ein Wasserstrahlschneidegerät zum Einsatz. Das Gerät wurde speziell für den Einsatz bei Bombenentschärfungen entwickelt. „Man kann sich das wie einen besonderen Hochdruckreiniger vorstellen“, erklärt Reisener. Anstatt einen reinen Wasserstrahl presst der Wasserstrahlschneider eine Mischung aus Wasser und Quarzsand in einem nicht einmal einen Millimeter dicken Strahl mit einem Druck von 700 bar aus seiner Düse. Die Mischung aus Wasser und Sand, kombiniert mit dem hohen Druck, bewirke, „dass man damit durch Metall wie durch Butter schneiden kann“. Die geringe Hitzeentwicklung und fast keine Erschütterung sind für die Entschärfer entscheidend.
„Das sind die Faktoren, die man vermeiden sollte, wenn man nicht will, dass die Bombe hochgeht“, sagt Ralf Reisener.

jki

Wer zahlt?

Alle Kosten des Großeinsatzes und der Räumung werden von der Stadt getragen: Ihr gehört das Grundstück, auf dem die Bombe gefunden wurde, sie ist auch Auftraggeberin der Baustelle. Aber was ist mit den Kosten derer, die von der Räumung betroffen waren?
Gastronomen, die ihre Gäste nach Hause schicken mussten, Hoteliers, die Ausweichquartiere für ihre Kunden finden und auf Einnahmen verzichten mussten – alle diese Gewerbetreibenden bleiben auf ihren Einnahmeausfällen sitzen. „Es handelt sich um einen Fall von höherer Gewalt“, sagt Feuerwehrsprecher Michael Hintz.

Anders wäre es gewesen, wenn die Bombe explodiert wäre. Für die daraus resultierenden Schäden würde die öffentliche Hand aufkommen. So war es im Januar, als im Sahlkamp eine Fliegerbombe kontrolliert gesprengt werden musste. Damals entstanden Schäden an umliegenden Häusern, Statiker mussten zurate gezogen werden. Wie hoch nun die Summe am Ende sein wird, konnte am Mittwoch noch niemand sagen. „Es liegen noch nicht alle Abrechnungen vor“, heißt es bei der Feuerwehr.

med

Kommentar: Gute Arbeit

Hut ab! Ein riesiges Team aus Bombenspezialisten, ehrenamtlichen Helfern, Sicherheitskräften und Planern hat wirklich Großes geleistet. 709 Hannoveraner haben Hand in Hand gearbeitet, um die Entschärfung der zehn Zentner schweren US-Fliegerbombe zu ermöglichen. Noch nie in den letzten Jahrzehnten musste wegen eines Blindgängers die Innenstadt so großflächig gesperrt werden, noch nie eine Nachträumung angeordnet werden.

Es wird in den nächsten Tagen und Wochen eine kritische Analyse der Einsatzplanung geben. Und man darf sicher sein: An der einen oder anderen Stelle hätten Details besser laufen können.

Wer aber Fehler im Räumkonzept bemängelt, der muss stets bedenken: Wenn bei Bauarbeiten Altbomben angetastet werden, dann drängen alle Fachleute darauf, die unberechenbaren Blindgänger keine Stunde länger als nötig liegen zu lassen. Und das bedeutet eben Zeitdruck. Vom Fund der Bombe bis zur Entschärfung und Freigabe der Innenstadt vergingen nicht einmal 20 Stunden.

Eine Lehre aus der aktuellen Entschärfung ebenso wie aus den jüngsten Problemfällen in Göttingen und München, wo große Schäden entstanden und sogar ein Kampfmittelbeseitiger starb, sollte vor allem in einem Punkt gezogen werden. Die Gefahr im Untergrund darf nicht unterschätzt werden. Sowohl die Überwachung von Baustellen als auch die systematische Auswertung historischer Luftbilder, von der letzten Landesregierung infrage gestellt, darf nicht aufgegeben werden. Denn die Blindgänger bleiben ein hohes Risiko – und keiner weiß, wann der nächste auftaucht.

Conrad von Meding

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