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Aus der Stadt Schlecht organisierter Bereitschaftsdienst?
Hannover Aus der Stadt Schlecht organisierter Bereitschaftsdienst?
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00:23 09.02.2015
Ärzte im Bereitschaftsdienst können bis zu 1200 bis 1500 Euro pro Schicht verdienen. Quelle: dpa
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Hannover

Der Rettungsdienstexperte der SPD-Regionsfraktion, Jürgen Buchholz, sagte am Freitag, wenn das Problem so gravierend sei, hätte sich Lange schon längst an die Stadt- und die Regionsversverwaltung wenden müssen. Auch die KVN wehrt sich: Bei ihr hätten sich gestern zahlreiche Mediziner gemeldet, die den Standpunkt von Lange in keiner Weise nachvollziehen könnten, berichtete ihr Sprecher Detlef Haffke.

Wie berichtet, hatte Hannovers Feuerwehrchef Claus Lange den Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte scharf angegriffen. Bei einer Diskussionsveranstaltung der CDU-Regionsfraktion hatte Lange sich darüber beklagt, dass der Bereitschaftsdienst in der Landeshauptstadt und im Umland „ausgedünnt und schlecht organisiert“ sei. Das führe zu einer häufigen Überlastung der Notaufnahmen, betonte er.

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An dem umstrittenen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) beteiligt sich nach Angaben eines Insiders nur rund ein Viertel der Ärzte. Zwar ist jeder Facharzt zu den Diensten verpflichtet, aber jeder Arzt könne sich von einem Kollegen vertreten lassen. Die Notdienste gelten als sehr lukrativ. Während ein Allgemeinmediziner für einen Patienten im Quartal durchschnittlich rund 60 Euro erhält, bekommt der Arzt im Bereitschaftsdienst pro Patientenbesuch 60 Euro. So könnten in einer Schicht schon mal 1200 bis 1500 Euro zusammenkommen – bei etwa 20 Patienten pro Nacht. Es gebe einen gut organisierten Tauschdienst, sogar über eine spezielle Tauschbörse im Internet.

Beliebt sei der Notdienst unter anderem bei Medizinern, deren Praxis nicht gut laufe, berichtet der Arzt. Dagegen seien bekannte Fachärzte nur sehr selten im Notdienst unterwegs. Tatsächlich sei auch nicht besonders sinnvoll, wenn ein Hautarzt in der Nacht zu einem Patienten mit starken Schmerzen im Unterleib gerufen werde, sagt der Fachmann.

Der Laatzener Arzt Stephan Bortfeldt beklagt das hohe Anspruchsdenken vieler Patienten, auf die die Bereitschaftsärzte in den Nächten oder an Wochenenden träfen. Er schätzt, dass in rund 70 Prozent der Fälle der Besuch des Bereitschaftsdienstes unnötig sei. „Das sind oft keine echten Notfälle, sondern die Auswüchse einer Luxusmentalität“, sagt er. Bortfeldt selbst war 20 Jahre beim ärztlichen Bereitschaftsdienst unterwegs.

Wartezeiten ließen sich nicht immer vermeiden, berichtet der Allgemeinmediziner. Wenn ein Arzt in der nächtlichen Bereitschaft beispielsweise im Bezirk Lehrte unterwegs sei, dann müsse er den Bereich zwischen Höver (Sehnde) und Hämelerwald (Uetze) abdecken. „Wenn ein Patient dann mal zwei Stunden warten muss, hat das nicht mit der Faulheit des Arztes zu tun“, sagt Bortfeldt.

Jürgen Junghänel, ehemaliger Ratsherr der Piratenpartei, unterstützt dagegen den Feuerwehrchef. „Es gibt zwei Fälle im Bekanntenkreis, bei denen die Patienten vier bis fünf Stunden auf das Taxi des Bereitschaftsdienstes warten mussten“, berichtet der frühere Chefarzt. Es sei deshalb nicht verwunderlich, wenn Patienten irgendwann die Notrufnummer 112 wählten und sich mit dem Rettungswagen in die Notaufnahmen eines Krankenhauses bringen ließen.

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