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Aus der Stadt Wer holt die Üstra aus dem Sumpf?
Hannover Aus der Stadt Wer holt die Üstra aus dem Sumpf?
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06:30 20.01.2018
Der neue Vorstandschef Volkhardt Klöppner als auch Aufsichtsratschef Ulf-Birger Franz müssen die Üstra nach all den Affären wieder auf Spur bringen.
Der neue Vorstandschef Volkhardt Klöppner als auch Aufsichtsratschef Ulf-Birger Franz müssen die Üstra nach all den Affären wieder auf Spur bringen. Quelle: Viktoria Behr
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 Die Üstra ist beliebt. Tag für Tag transportiert das Unternehmen hunderttausende Fahrgäste in seinen Bussen und Bahnen, in den allermeisten Fällen zuverlässig pünktlich und sicher durch die Stadt. Und jetzt: Vetternwirtschaft, Mauscheleien, Filz. Ausgerechnet bei einem Unternehmen, das dafür bekannt ist, jeden kleinen Schwarzfahrer unerbittlich zu verfolgen, durfte die Chefetage offenbar jahrelang Regeln und Gesetze brechen, wenn sie Aufträge im Wert von Zehntausenden Euro vergab. Die Vorwürfe, die das jetzt bekannt gewordene juristische Gutachten gegen die Üstra und damit gegen die beiden ehemaligen Vorstände André Neiß und Wilhelm Lindenberg als Verantwortliche erhebt, wiegen schwer. 

So konnte, wie bei der Rockkampagne, die Kommunikationschefin der Üstra den Auftrag der Agentur ihres eigenen Ehemannes zuschanzen. Ein anderer Mitarbeiter besorgte der Firma seines Sohnes einen Millionenauftrag für Klebefolien. Und Aufsichtsratsmitglied und SPD-Regionsfraktionsvorsitzende Silke Gardlo hat gar keine Bedenken, wenn ihr Mann die Üstra für knapp 25.000 Euro in Gruppenarbeit schult. 

Es sind drei Fälle, die zeigen, wie sorglos einige Mitarbeiter, Vorstände und Teile des Aufsichtsrats mit gesetzlichen Vorgaben und moralischen Regeln umgegangen sind. Und sie zeigen auch, dass bei der Üstra noch nicht angekommen ist, dass endlich ein anderer Wind wehen muss. Wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde, wäre die interne Kommunikationschefin bis zur Klärung der Vorwürfe beurlaubt. Aber bei der Üstra darf sich ein Mitarbeiter, gegen den Ermittlungen laufen, weiterhin am Ort des Geschehens aufhalten und hat damit auch die Möglichkeit, Spuren zu verwischen und Zeugen zu beeinflussen. Ähnliches gilt beim Fall der Klebefolien. Und warum Aufsichtsrätin Gardlo nicht von selbst an die Öffentlichkeit gegangen ist und versucht hat, den Auftrag an ihren Mann zu klären, ist unverständlich. Wenn sie die Vorwürfe nicht überzeugend aufklären kann, ist ihre Glaubwürdigkeit als Aufsichtsrätin und als SPD-Fraktionsvorsitzende dahin.

Und es muss noch viel mehr passieren. Sowohl der neue Vorstandschef Volkhardt Klöppner als auch Aufsichtsratschef Ulf-Birger Franz sind jetzt gefragt, sie müssen die Aufklärung von Filz und Mauscheleien weiter voranbringen. Und beide müssen den Aufsichtsrat wachrütteln. Denn die Mehrheit des Gremiums hat nicht begriffen, worum es geht. Statt Aufklärung zu betreiben, wird das tief im Sumpf steckende Vorstandsmitglied Wilhelm Lindenberg mit einem goldenen Handschlag verabschiedet und die bisherige Betriebsratschefin Denise Hain in alter Filz-Tradition in den Vorstand befördert.

Klar ist: Viel wird noch unter der Decke gehalten. Ein Unternehmen, das vom Steuerzahler gefördert wird, kann es sich aber nicht leisten, schwere Fehler zu verschleiern. Deshalb muss sich der Aufsichtsrat an die Spitze der Aufklärer setzen – sonst ist er in seinem Posten fehl am Platz. 

Von Mathias Klein