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Aus der Stadt Am Kirchturm bröckelt es
Hannover Aus der Stadt Am Kirchturm bröckelt es
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21:00 02.07.2013
Von Bernd Haase
Architekt Constantin Anastasiou (links) und ein Handwerker begutachten die Schadstellen. Quelle: Sebastian Mast
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Hannover

Weil noch weitere Schäden vermutet werden, müssen die Handwerker nun auch das Mauerwerk im unteren und mittleren Bereich des insgesamt 70 Meter hohen Turms mit dem charakteristischen Kupferhelm sanieren. Die Fertigstellung verzögert sich dadurch erneut; der ursprünglich gesetzte Termin Ostern 2012 war ohnehin längst verstrichen. Jetzt hofft Architekt Constantin Anastasiou, dass es im Oktober oder November soweit ist. „Wer ein solches historisches Bauwerk anfasst, erlebt Überraschungen“, sagt Kirchenvorstand Andreas Kehler.

Die Kirche in der Calenberger Neustadt wurde in den Jahren von 1666 bis 1670 im barocken Stil erbaut. Nach den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg standen nur noch die Außenmauern; 1956 begann der Wiederaufbau. Seit zweieinhalb Jahren ist St. Johannis nun wieder eingerüstet. Ursprünglich sollte sie nur eine neue Kupferhaut für das Dach, eine neue Spitze und neue Balustraden aus Sandstein erhalten. Die Kosten dafür wurden von den Verantwortlichen auf ingesamt rund 700000 Euro geschätzt.

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Die Summe ist Makulatur, mittlerweile hat man von der für Sanierungen zuständigen Landeskirche den vierten Nachschlag erbitten müssen. „Wir sind jetzt bei knapp 1,1 Millionen Euro“, sagt Architekt Anastasiou. Allein das Gerüst mit dem außen angebrachten Bau- und Personenaufzug kostet 10000 Euro pro Monat.

Die erste der von Kehler erwähnten Überraschungen waren durchgefaulte Holzbalken im Dachstuhl, die - wie die Gemeinde hofft: letzte - betrifft den Fassadensandstein des Turmes. Handwerker hatten Risse entdeckt, daraufhin Fugen aufgeschnitten und hielten dann Steinbrocken in den Händen.

Was passiert ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Auf jeden Fall haben die Arbeiter beim Wiederaufbau in den fünfziger Jahren von außen unsichtbare Eisenanker im Mauerwerk angebracht. Weil Sandstein porös ist, konnte Feuchtigkeit an die Anker gelangen. Diese rosteten durch, und als Folge traten wohl Bewegungsrisse in den Steinen auf. „Unser Problem ist, dass wir nicht wissen, welche genaue Funktion die Anker haben und nach welchem System sie angeordnet wurden“, schildert Anastasiou. Deshalb müssen die Arbeiter nun so gut wie alle Fugen im Mauerwerk untersuchen.

Einen Aufschub duldet die Sache nicht. Erstens steht nun einmal das Gerüst vor Ort, zweitens wäre es viel zu riskant, die Schadstellen nicht zu beseitigen. Stürzen Trümmer ungeschützt in die Tiefe und treffen Passanten, bedeutet das Lebensgefahr. Im Augenblick braucht sich aber keiner Sorgen machen, der über den Kirchhof und um die Kirche geht. Das mit Netzen abgehängte Gerüst schützt vor Steinschlag in der Calenberger Neustadt.

Der Aufstieg

Die Kirche St. Johannis in der Calenberger Neustadt war Hof- und Begräbniskirche der Welfen. Auf ihrer Galerie in fünfzig Metern Höhe standen in früheren Zeiten Stadtmusiker und Turmbläser. Sie hatten einen beneidenswerten Arbeitsplatz – zumindest, was die Aussicht anging. Man sieht das Häusermeer der Altstadt, die Skyline Hannovers sowieso, und bei klarem Wetter geht der Blick über das Calenberger Land bis hin zum Deister. Die Kirchengemeinde träumt davon, dieses Panorama wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Galerie ist zwar über Stiegen im Turminneren immer noch erreichbar, aber diese sind teilweise so steil, dass Publikumsverkehr nicht zulässig ist. 200.000 Euro würde es kosten, baute man Treppen ein. Dafür gibt die Landeskirche kein Geld, weil es nicht als Sanierung zählt. Deshalb hofft die Gemeinde, die erforderliche Summe über Spenden und durch Sponsoren zusammenzubringen.

Kristian Teetz 02.07.2013
Juliane Kaune 02.07.2013
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