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Aus der Stadt Ambulante Pflegedienste erfanden „Geisterpatienten“
Hannover Aus der Stadt Ambulante Pflegedienste erfanden „Geisterpatienten“
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21:33 13.03.2013
Von Michael Zgoll
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Hannover

In dem Prozess dazu vor dem Landgericht Hildesheim gab es am MIttwoch den Durchbruch. Nach elf Verhandlungstagen packten alle fünf Angeklagten aus und schilderten, was geschehen war. Dabei wurde deutlich, dass der Konkurrenzkampf unter den Pflegediensten, die sich auf jüdische Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion spezialisiert haben, hart ist – und dass viele Patienten vom System falscher Abrechnungen bei den Firmen Caprice und Medicenter profitierten.

Die Geständnisse kamen durch einen Deal zwischen 2. Großer Wirtschaftsstrafkammer, Staatsanwaltschaft und Verteidigung zustande. Er besagt, dass den Angeklagten nach einem „umfassenden und glaubwürdigen“ Geständnis nur Bewährungsstrafen von ein bis zwei Jahren drohen. Zudem können sie jeweils bis zu 500 Arbeitsstunden aufgebrummt bekommen. Allerdings gibt es noch ein Zivilverfahren, das derzeit beim Oberlandesgericht Celle ruht. Hier steht für die Zeit von 2004 bis 2007 eine Schadenssumme von 300.000 Euro im Raum. Wie hoch die tatsächlichen Gewinne der Firmenchefs waren, ist ebenfalls noch ungeklärt.

Wie der angeklagte 32-jährige Stanislav G. berichtete, warb man im Kreis der jüdischen Kontingentflüchtlinge mit Hausbesuchen und Handzetteln eifrig um neue Kunden. Doch hätten die betagten Patienten auch immer mehr Zusatzleistungen eingefordert, die bei Sozialamt oder Krankenkasse nicht abrechnungsfähig waren. Ansonsten, so sollen die Rentner gedroht haben, würden sie zur Konkurrenz wechseln. Und so gab es dann etwa statt fünfmal „großer Pflege“ nur zweimal Pflege, dafür zusätzlich Pediküre oder Begleitungen zu Arzt- und Friseurterminen. Den älteren Herrschaften, oft alleinstehend und der deutschen Sprache nicht mächtig, war dies häufig wichtiger als die rechtmäßig bewilligten Leistungen. Mal wurde die aus der Ukraine anreisende Tochter vom Bahnhof abgeholt, mal ein Kasten Mineralwasser besorgt. „Wir haben auch Hunde und Katzen beerdigt“, ergänzte G.

Aus einer „Wunschliste“ entwickelte sich ein Schattenplan, der neben dem offiziellen Dienstplan geführt und Basis der tagtäglichen Arbeit wurde. Außerdem erfanden die Chefs von Caprice und Medicenter „Geisterpatienten“, die gar nicht pflegebedürftig waren; für diese wurden falsche Berichte angefertigt und bei den Kostenträgern zur Abrechnung eingereicht. Gegen Ende, sagte G., hätten mehr als 100 Mitarbeiter bei den beiden Firmen gearbeitet, viele von ihnen nicht examinierte Kräfte.

Als die Firmen 2007 aufflogen, standen 220 Patienten in der Kartei. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass russisch-ukrainische Pflegedienst-Konkurrenten der Polizei den Tipp gaben, der zur Durchsuchung der Geschäftsräume führte. Nach dem Polizeibesuch und dem Stopp der Zahlungen von AOK und Region im März 2007, so schilderten es die Angeklagten, hätten sie ihre Patienten – parallel zur Suche nach neuen Pflegediensten – noch zwei Monate lang versorgt.

Insgesamt stehen zwei Männer aus der Ukraine und ein russischstämmiger Deutscher in Hildesheim vor Gericht, außerdem zwei Frauen – die Mütter der beiden Ukrainer. 2004 hatte der erste Dienst für russischsprachige Pflegebedürftige in der Osterstraße geöffnet, anderthalb Jahre später der zweite. Die Zahl der Patienten sei auf mehr als 150 gestiegen, sodass man dem „Verwaltungschaos“ mit der Medicenter-Gründung begegnen wollte, erklärte Stanislav G., einer der Initiatoren und Gesellschafter der Pflegedienste.

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