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Aus der Stadt Hier lernen zwei Jahrgänge in einer Klasse
Hannover Aus der Stadt Hier lernen zwei Jahrgänge in einer Klasse
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20:45 09.11.2015
Von Saskia Döhner
„Alle haben etwas davon“: Ob auf dem Pausenhof oder im Klassenraum – in der Grundschule in Almhorst lernen und spielen die Kinder „altersgemischt“. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Manchmal fragen die Erstklässler ganz schön viel“, sagt Luna (7). Was sie fragen? „Zum Beispiel, wie man etwas schreibt.“ Kein Wunder, lernen die Sechsjährigen, die gerade zwei Monate überhaupt in der Schule sind, doch erst mal Buchstabenverbindungen wie „Lo“ oder „Mo“, während Profis wie Luna, die schon ein Jahr Schule hinter sich haben, mühelos ganze Wörter schreiben können. Sie rechnet schon bis 100, während ihre Tischnachbarn, die Zwillinge Jasmin und Sylvie, Zahlen zwischen eins und 20 addieren und subtrahieren.

Die fünf Zweitklässler in der Grundschule Seelze-Almhorst sind natürlich bei den 15 Erstklässlern sehr gefragt. Es gebe aber auch Stunden, in denen sie gar nichts gefragt werde, berichtet Luna. Und manchmal wissen auch die Kleineren mehr, etwa wenn sie den Größeren erklären, wie man eine Herbstmappe anlegt.

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Unterrichtet werden die beiden Jahrgänge in einer Kombi-Klasse, genauso wie auch die beiden Jahrgänge drei und vier. Hier sitzen acht Drittklässler zusammen mit zwölf Viertklässlern in einem Raum. Constantin (8) findet das gemeinsame Lernen prima, allein schon aus ganz praktischen Gründen: „Zusammen haben wir auch genug Jungen zum Fußballspielen.“ Woran man die Älteren erkennt? „Beim Fußball werden sie zuerst gewählt und spielen natürlich auch schon besser, und die Mädchen kennen die besten Standorte auf dem Schulhof zum Pferdspielen.“ Lara (9) ist Viertklässlerin und findet es gut, „dass man den anderen Kindern helfen kann“.

Jahrgangsübergreifendes Lernen gilt in Grundschulen als zukunftsweisend. Das Land ermöglicht die sogenannte flexible Eingangsstufe seit diesem Schuljahr explizit im Schulgesetz nicht nur in den Klassen eins und zwei, sondern auch in den Jahrgängen drei und vier. Was in der Stadt - wie der Gebrüder-Körting-Schule im hannoverschen Stadtteil Badenstedt - Ausnahme und besonderes pädagogisches Konzept ist, ist auf dem Land dazu noch demografische Notwendigkeit.

Schule mit zwei Standorten

Die Astrid-Lindgren-Schule ist eine Grundschule mit zwei Standorten: 185 Schüler gibt es insgesamt, 40 davon besuchen die beiden Kombi-Klassen in Almhorst, der Rest geht zur Hauptstelle im fünf Kilometer entfernten Lohnde. Schulleiterin Manuela Decker, die selbst in der Almhorster Kombi-Klasse 1c/2c Sachunterricht gibt, ist vom Modell des jahrgangsübergreifenden Lernens überzeugt: „Alle Seiten haben etwas davon, die Kinder werden dadurch noch selbstständiger.“ Aus den weiterführenden Schulen werde viel Gutes über die Kinder aus Almhorst berichtet, sagt Decker stolz. Von den 14 Lehrern an der Astrid-Lindgren-Schule unterrichtet die Hälfte auch am Standort in Almhorst. Die Pausen gehen fürs Pendeln drauf. Allein hätte die Grundschule Almhorst wohl nicht überlebt, als einer von zwei Schulstandorten hat sie eine Zukunft. Eine Klasse, zwei Jahrgänge - für Lehrer ist dies eine besondere Herausforderung. Sie müssen nicht nur innerhalb eines Jahrgangs differenzieren, sondern eine Stunde immer doppelt - für beide Jahrgänge - vorbereiten. Von Inklusion, dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap, ganz zu schweigen, diese Differenzierung kommt auch noch hinzu.

Unterrichtsmaterial für altersgemischte Klassen gebe es kaum, sagt Deutschlehrerin Michaela Heimberg. Sie ist froh, ein Deutschbuch gefunden zu haben, das Oberthemen wie die Rechtschreibung bestimmter Nomen für zwei Jahrgänge gemeinsam vermittelt: „Ich kann ja nicht einigen Schülern etwas erklären und die anderen sich selbst überlassen.“ Heimberg sagt über das gemeinsame Lernen: „Ich mache das total gern, jedes Jahr ist eine neue Herausforderung.“

Das Management zweier Schulstandorte verlangt kreative Lösungen, auch organisatorisch. Mittwochs ist beispielsweise Sporttag, da fahren die Schüler aus Almhorst mit dem Bus zur Turnhalle nach Lohnde, auch Musik findet in dem entsprechenden Fachraum in der Hauptstelle statt. Und wenn sich die Schülervertretung in Lohnde trifft, werden die Klassensprecher aus Almhorst mit dem Taxi dorthin gebracht. Elternsprechtage müssen sowohl in Almhorst als auch in Lohnde angeboten werden, zu Konferenzen und Schulelternratssitzungen trifft man sich in der Hauptstelle. Trotz des Pendelstresses - Schulleiterin Decker, die auch den Alltag an Großstadtschulen kennt, möchte nicht tauschen, und die Kinder aus Almhorst geben ihr recht. Auf die Frage nach dem Lieblingsfach antworten sie durchweg:„Alle.“

Zwölf Schüler sind keine Schule mehr

Gemeinden entscheiden über Mini-Schulen: Die Schulen für die Kleinsten sind in Niedersachsen schon jetzt selbst oft ziemlich klein. Von den 1780 Grundschulen landesweit sind knapp 70 regelrechte Mini-Grundschulen, die es nicht mehr auf eine Klasse pro Jahrgang 
bringen. Oft werden hier die nur knapp 
40 Kinder jahrgangsübergreifend unterrichtet. Manchmal sind die Schulen sogar so winzig, dass Schüler aus allen vier Jahrgängen in einer Klasse sitzen. Durch die steigenden Flüchtlingszahlen kann der Rückgang der Schülerzahl, der mancherorts bis zu 40 Prozent ausmacht, teilweise ausgeglichen werden. Das Kultusministerium betont, dass es selbst keinen Standort schließen lassen kann. Dies sei Sache der Schulträger. In Gemeinden ist dies hochumstritten. Eine Schule, die weniger als zwölf Kinder hat, gilt als pädagogisch unsinnig.

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