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Aus der Stadt Hier haben schon Erstklässler Werte und Normen 
Hannover Aus der Stadt Hier haben schon Erstklässler Werte und Normen 
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18:35 05.12.2017
Wer möchte unter die „Warme Dusche“? An der Grundschule Am Stöckener Bach unterrichtet Julika Seifert Werte und Normen. Quelle: Heidrich
Hannover

Kann man mit Sechsjährigen philosphieren? Für Julika Seifert ist das keine Frage. „Natürlich.“ Sie unterrichtet in ihrer ersten Klasse Werte und Normen an der Grundschule Am Stöckener Bach. An diesem Morgen geht es um Weihnachten und Geschenke, die sich die Kinder wünschen. Um solche, „die man einpacken kann“, wie Seifert es ausdrückt, aber auch um solche, die „man nicht einpacken kann“. Bei denen zum Einpacken liegen bei den Jungen Ronaldo-Trikots und Autos ganz vorn, bei den sind „Elsa-Barbies“ angesagt. 

Und was gibt es für Wünsche, die man nicht einpacken kann? „Ein Auto, ein richtiges, ein großes“, sagt  Timo (6), der zuvor ein ferngesteuertes Auto als „Einpack-Wunsch“ benannt hatte. „Nein, das kann man einpacken, ich meine eher so etwas im übertragenen Sinne, so wie das, was Mia aus dem Buch sich gewünscht hat“, sagt Seifert. Mia in dem Buch, aus dem die Lehrerin vorgelesen hatte, hatte davon geträumt, dass zu Weihnachten ihre Oma vorbeikommt und die ganze Familie ein schönes Fest zusammen feiert. 

Erstmals Modellversuch auch an Grundschulen

Dass man ein echtes Auto einpacken kann, nehmen einige Jungen aus der Klasse Julika Seifert nicht so richtig ab. „Das ist doch richtig groß“, wendet einer ein. Und ein anderer meint: „Das kostet 400.000 Euro.“ Übertragene, nicht materielle Wünsche haben sie aber auch: „Ich wünsche mir, dass meine Oma und meine Tante zu Weihnachten kommen“, sagt Emre. Und Melike (6) möchte mit ihrer Mutter zum Schwimmen gehen, vom Ein-Meter-Brett springen und rutschen. „Mein Seepferdchen hab ich schon“, schiebt sie noch stolz hinterher. Shanti (6) wünscht sich, dass ihre Familie „glücklich ist.“ 

Als reguläres Unterrichtsfach gibt es in Niedersachsen  Werte und Normen eigentlich nur an weiterführenden Schulen. Seit diesem Sommer testet es das Land in einem Modellversuch erstmals auch an Grundschulen. Damit entspreche man dem Wunsch vieler Eltern, hatte die damalige Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) gesagt, als sie das Projekt im Frühjahr vorstelle. Der Anteil von Schülern ohne Religionszugehörigkeit wachse stetig und liege schon bei einem Viertel.  Es sei auch ein Angebor die Kinder aufzufangen, die nicht am konfessionell gebundenen Religionsunterricht teilnähmen, und sonst vielleicht auf dem Flur säßen oder auf dem Schulhof spielten, sagte die Ministerin seinerzeit.

An der Grundschule Am Stöckener Bach gibt es so etwas nicht. Die Schüler, die nicht zum Religionsunterricht gehen, haben bislang stattdessen das Fach „Soziale Förderung“. Die 1d von Julia Seifert hat geschlossen im Klassenverband Werte und Normen. Elternvertreterin Franzisaka Schneider lobt den Modellversuch. „Die Idee finde ich spitze, die Kinder sind in einer Findungsphase, da ist es gut, wenn nicht die eine Relgion angeprisen wird.“ Werte und Normen habe mehr mit dem Leben zu tun, sei weltoffener als klassischer, konfessioneller Religionsunterricht, ist sie überzeugt. Die Kinder beschäftigten sich mit grundsätzlichen Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wie möchte ich behandelt werden“ und „Wie behandle ich andere?“. Von den Antworten der Kinder ist Seifert sichtlich beeindruckt. 

Komplimente für den Mitschüler stärken den Zusammenhalt

Zu Beginn der Stunde steht nach der Begrüßung auf Twi, das in Ghana gesprochen wird, die „Warme Dusche“. Reihum machen die Erstklässler einem Mitschüler Komplimente. Am Ende der Runde ist klar: Ömer kann gut malen, ist freundlich, lustig, teilt gerne und ist ein toller Torwart, der nebenbei auch noch selbst Tore schießen kann. Er strahlt. Viele Kinder recken ihre Finger in die Luft. Eine „Warme Dusche“ kann jeder gut gebrauchen. „Heute nehmen wir nur einen dran“, sagt Seifert, „aber in den nächsten Stunden kommt Ihr alle noch an die Reihe“, verspricht sie. „Werte und Normen födert das soziale Miteinander,“ sagt Seifert, „die Kinder können mal abschalten, ihre Bedürfnisse stehen im Vordergrund und nicht der nächste Test, der in drei Wochen geschrieben wird.“ 

Rektorin Ruth Pfeiffer findet das Projekt für ihre Schule naheliegend: „Bei uns haben 83 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, rund die Hälfte sind Muslime, vielleicht 15 Prozent christlich. Wir sind multikulti, unsere Schüler stammen aus 43 Nationen, jeder ist anders, aber alle sind okay.“ Werte und Normen passe als Alternativfach gut zum bunten Gesicht der Schule.

Ganz ohne Gott geht es auch in Werte und Normen nicht. Den Schülern wird auch ein Basiswissen über die Weltreligionen vermittelt. „Wir vermitteln keine religiösen Überzeugungen“, betont Pfeiffer, „wir praktizieren keinen Glauben.“ Aber es sei dennoch wichtig zu wissen, warum der eine Weihnachten und der andere Zuckerfest. Auch den Schülern in der 1d ist Gott wichtig. „Er ist groß“, sagt Enoch. Und Timo hat schon eine ziemlich konkrete Vorstellung: „Er weiß und kann alles.“ Ist er männlich oder weiblich? David überlegt kurz: „Ein Mann, nein, er ist Mann und Frau, beides.“ Vermutlich trage er weder Rock noch Hose, sondern ein langes, weißes Gewand einigen sich die Jungen am Tisch. 

Bis Kinder 14 sind, entscheiden Eltern über den Religionsunterricht

In diesem Schuljahr hat das Land Niedersachsen einen einjährigen Modellversuch mit Werte und Normen an acht Grundschulen gestartet. In Hannover nimmt nur die Grundschule Am Stöckener Bach daran teil. Unterrichtet wird das Fach von Pädagogen, die Werte und Normen fürs weiterführende Lehramt studiert haben. Für Grundschullehramt kann man das Fach bislang noch nicht studieren. Niedersachsen folgt mit dem Projekt dem Beispiel von Bayern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, wo Kinder, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, das Fach Ethik haben.

Damit aus dem Modellversuch ein ordentliches Fach werden kann, muss das Schulgesetz geändert werden, eine Kommission einberufen werden, um ein Kerncurriculum zu erarbeiten, müssen entsprechende Fort- und Weiterbildungsangebote für Lehrer entwickelt werden und ein entsprechendes Studium angeboten werden, womöglich an den Hochschulen in Hannover, Göttingen, Braunschweig und Oldenburg, wo es den Studiengang bereits für weiterführende Schulen gibt. 

Generell muss Religionsunterricht an einer Schule angeboten werden, wenn mindestens zwölf Schüler dieser Glaubensrichtung angehören. Ab 14 Jahren entscheiden Kinder selbst, an welchem Religionsunterricht oder Ersatzangebot sie teilnehmen. Vorher ist es Sache der Eltern.

Elternvertreterin Schneider sagt, sie hoffe, dass der Modellversuch auch im nächsten Schuljahr weitergehe. Lehrerin Seifert und die Erstklässler aus der 1 d sagen das auch. „Es macht Spaß, wenn wir alle zusammen reden“, findet Shanti. 

Von Saskia Döhner

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