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Aus der Stadt „Anadolu“ am Steintor schließt
Hannover Aus der Stadt „Anadolu“ am Steintor schließt
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19:12 27.02.2015
Von Felix Harbart
Abschied vom Geschäft in der „letzten guten Straße“: Ziya (vorn), Hülya und Beyhan Aydogan mit Ziyas Enkel Oguzhan Bahadir (hinten, von links). Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Man hätte gerne gewusst, wie dieses erste Treffen abgelaufen ist zwischen Ziya Aydogan und dem Bauern aus dem Hildesheimer Land. Da kommt also der türkische Gastarbeiter auf einen Hof, wir schreiben das Jahr 1976, und fragt, ob er Lammfleisch kaufen und nach muslimischem Ritus schlachten könne. Für die Landsleute. Wegen der Marktlücke. All das drückt er mit Händen und Füßen aus, weil er kaum Deutsch spricht. Was hat der Bauer da wohl gedacht?

Mit Lamm fing es an, vor 39 Jahren. Acht Jahre zuvor war Ziya Aydogan nach Deutschland gekommen. Er schuftete zunächst auf dem Bau, zog Messehallen und Teile des VW-Werks in Stöcken mit hoch, stand dann für eine Weile bei VW am Band. Bis er merkte, dass er das, was er schon zu Hause gemacht hatte, auch in Deutschland tun könnte: Lebensmittel verkaufen. „Viele Türken trauten sich damals kaum, Fleisch zu essen“, sagt der 75-Jährige. „Weil es nicht nach muslimischen Gesetzen geschlachtet war und man noch nicht einmal sicher sein konnte, dass es Lamm war.“ Also zog er über Land, fand einen Bauern, der ihm Lamm verkaufte und es ihn auf seinem Hof zerlegen ließ, und brachte es an den Mann.

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Deutschkurse gab es damals nicht

Was Ziya Aydogan über sein Leben in Deutschland berichtet und wie er es tut, erzählt eine Menge über sein Heimatland - und noch mehr über unseres. Wie die türkischen Landsleute zu ihm ins Geschäft strömten, weil ihnen in den Massenunterkünften für die Gastarbeiter die Decke auf den Kopf fiel. Wie er sein Geschäft in der Steintorstraße 4 um ein Stockwerk erweiterte, dann um noch eines, für den türkischen Kulturverein, den Döner-Tresen und den Friseurladen. Dass zunächst außer Türken auch viele Serben und Araber kamen, Muslime eben - „aber dann auch viele Deutsche“. Heute kann man im „Anadolu“ unter anderem Mohamed Ali Abdelrahman treffen, der vor 18 Jahren aus dem Sudan kam.

Das alles erzählt Aydogan auf Türkisch, nach 46 Jahren, und sein Enkelsohn übersetzt. „Ich hätte gerne besser Deutsch gelernt“, lässt Aydogan ihn sagen, „aber ich stand ja den ganzen Tag im Geschäft. Und Kurse gab es nicht.“

Wer pfiffig war, konnte gutes Geld verdienen

Und unwillkürlich denkt man an die Flüchtlinge, die jetzt überall in der Region in Containersiedlungen ziehen. Dieses Mal, anders als Ende der Sechziger, nicht, weil man es nicht besser wüsste, sondern weil es nicht mehr anders geht. „Damals wohnten alle auf einem Fleck“, sagt Oguzhan Bahadir, der Enkelsohn, vor 31 Jahren in Deutschland geboren und Informatiker von Beruf. „Die Gastarbeiter saßen zusammen in Wohnheimen, ihre Familien hatten die meisten in der Türkei gelassen - da bekam man kaum Kontakt mit Deutschen. Wie mein Opa.“ Daran änderte sich in den folgenden 46 Jahren nicht mehr viel. Und so kam Ziya Aydogan irgendwie darüber hinweg, Deutsch zu lernen, und Deutschland ließ ihn.

Dabei, da gibt es keinen Zweifel, war Aydogan einer der „Pfiffigen“, wie der Migrationsforscher Yunus Ulusoy sie nennt. „Wer damals geschäftstüchtig war, der konnte innerhalb der türkischen Gemeinde gutes Geld verdienen.“ Aydogan erkannte das Lammfleischproblem und fand ein Ladengeschäft in der Steintorstraße, der „letzten guten Straße“ vor dem Rotlichtviertel, wie er sagt. Er stand Tag und Nacht im Laden, und nach einer missglückten Bandscheibenoperation Ende der Achtziger bestritt er seinen Job vom Rollstuhl aus. Das Geschäft wuchs, und aus Aydogan und seiner Frau Beyhan wurden wohlhabende Leute. Das Mehrfamilienhaus am Steintor gehört ihnen mittlerweile, die ganze Familie wohnt darin. Und davor parkt ein großer, goldener Mercedes.

Wie lief es, 39 Jahre lang? „Gut.“ Punkt.

Ende des Monats ist Schluss im „Anadolu“. Den Aydogans wird es zu viel, und für den Informatiker von Enkelsohn ist die Lebensmittelbranche nichts. Ob es ihm schwerfallen wird, den Schlüssel ein letztes Mal umzudrehen, muss man Ziya Aydogan nicht fragen. Die Antwort glänzt leicht in seinen Augenwinkeln.

Und wie war das jetzt mit dem Bauern damals? Aydogan erinnert sich nicht mehr genau, es ist so lange her. Der Bauer, besser: der Nachfahre des Bauern versteht die Frage nicht recht, und ein wenig maulfaul ist er auch. „Das war alles kein Problem“, sagt er. Und wie lief es, 39 Jahre lang? „Gut.“ Punkt.

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