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Aus der Stadt So nah dran
Hannover Aus der Stadt So nah dran
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16:48 01.11.2014
Von Felix Harbart
Foto: „Aber ein bisschen provozieren kann man ja mal“, sagt Finanzdezernentin Andrea Fischer.
„Aber ein bisschen provozieren kann man ja mal“, sagt Finanzdezernentin Andrea Fischer. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

In ihrem Büro hat Andrea Fischer ein Filmposter aufgehängt: „Die eiserne Lady“ mit Meryl Streep. Es hängt da, weil ein Freund es ihr geschenkt hat und weil sie die Schauspielerin verehrt. Nicht, weil sie sich selbst für eine eiserne Lady hielte. Das wäre wohl auch falsch. „Aber ein bisschen provozieren kann man ja mal“, sagt Fischer.

Seit fast genau zwei Jahren ist die ehemalige Bundesgesundheitsministerin von den Grünen nun Finanzdezernentin der Region Hannover. Zwischendurch war sie auch Aufsichtsratsvorsitzende des kriselnden Klinikums Region Hannover (KRH), aber das ist vorbei, was ein Segen ist für sie und ein Ärgernis zugleich.

Als die Grünen Fischer aus dem fernen Berlin für den Dezernentenjob in der Provinz gewannen, erschien das wie ein großer Coup. Nach ein paar unglücklichen Auftritten und ihrem gescheiterten Versuch, Ordnung in die zerstrittene Führung des Klinikums zu bringen, erschien der Coup wie ein Flop. In Wirklichkeit ist es wahrscheinlich irgendetwas dazwischen. Aber so recht weiß man das noch nicht, denn Fischer ist noch dabei, im neuen Amt und in der neuen Stadt anzukommen.

Man konnte im Herbst 2012 zunächst einmal überhaupt darüber erstaunt sein, dass Fischer sich einen Job wie den der Finanzderzernentin der Region antun wollte. In den Jahren zuvor hatte sie vieles offenbart, was darauf schließen ließ, dass ein politisches Amt, wie kommunal auch immer, nichts mehr für sie wäre. Nach ihrem erzwungenen Rücktritt als Gesundheitsministerin im Zuge der BSE-Krise 2001 durchlitt Fischer ein Tief, in das sie später recht tiefe Einblicke gewährte. Sie kämpfte mit Depressionen und berichtete einem Filmemacher von Intrigen und Ränkespielen in der Politik, die noch mehr aus den eigenen Reihen kämen als aus denen des Gegners. Der politische Betrieb habe „etwas Krankmachendes“, sagte sie bei der Gelegenheit. Das klang nach Ausstieg.

Diesen Ausstieg, so schien es, bekam Fischer auch recht gut hin. Sie machte sich als Beraterin für alles rund um Gesundheitspolitik selbstständig, arbeitete als Publizistin, Talkmasterin, Krimi-Rezensentin. Ihre Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie brachte ihr den Ruf der Lobbyistin ein, was den Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen dazu bewog, ihr die Schirmherrschaft über seine Organisation zu entziehen. Gleichzeitig saß sie als einfache Abgeordnete in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin und konstatierte, das Ehrenamt bringe im Vergleich zu früher „weniger Macht und weniger Machtkämpfe“.

Dann aber hatten die Grünen einen Dezernentenposten in der Region Hannover zu besetzen, vorzugsweise mit einer Frau. Sie schlug zu. „Weil ich einfach gerne politisch arbeite und viel lieber im Team als alleine“, sagt sie heute.

Was folgte, war ein Stolperstart. Ihre Vorträge in der Regionsversammlung, die doch eine so viel kleinere Bühne ist als der Bundestag, gerieten wenig glanzvoll. Und als Regionspräsident Hauke Jagau Fischer nach drei Monaten den Aufsichtsratsvorsitz des Klinikums übertrug, schien Fischer aus dem Strudel nicht mehr herauszukommen. Dass Reformen im Klinikum Nottaten, war Konsens, nur konnten sich die beiden Geschäftsführer Norbert Ohnesorg und Diethelm Hansen gegenseitig so wenig aufs Fell gucken, dass sie sich aneinander statt an den Problemen ihres Hauses abarbeiten. Fischers Parteifreund Raoul Schmidt-Lamontain, Fraktionschef der Grünen in der Regionsversammlung, beschrieb ihren Job so: Von Fischer zu erwarten, die beiden Geschäftsführer miteinander zu versöhnen, sei in etwa so, als stecke man sie mit King Kong und Godzilla in einen Käfig. Ob der Vergleich hinkommt? Fischer grinst. „Ganz falsch ist er nicht.“

Eine Weile schaute sich Regionspräsident Jagau das an, dann zog er die Konsequenzen: Er übernahm den Aufsichtsratsvorsitz selbst, betrieb den Rausschmiss der beiden Streithähne und lässt jetzt die neue Geschäftsführung einen Komplettumbau des Klinikums vornehmen. Fischer steht ihrem Scheitern mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber. Einerseits macht sie keinen Hehl daraus, dass ihr der Aufsichtsratsposten so gar nicht fehlt. „Andererseits ärgert es mich natürlich schon, dass ich da nicht erfolgreich war.“

Aber müsste nicht jemand, der den mutmaßlich schwierigsten aller Ministerposten unter einem Alphatier wie Gerhard Schröder bekleidet hat, mit einem regionalen Klinikum zurechtkommen? Andrea Fischer hat festgestellt, dass gerade das schwierig sein kann. Weil alle, die mitverhandeln, viel dichter an der Materie sind. „Man stellt fest, dass alle Argumente, die man hatte, am Ende nicht zählen, weil es um Gefühle geht.“ Anders ausgedrückt: Man kann mit dem Verstand hundertmal wissen, dass eine Klinik in der Region geschlossen werden muss. Die örtlichen Abgeordneten aber werden dennoch dagegen stimmen. Weil sie selbst zu eng mit dem Haus verbandelt sind, oder weil man ihnen sonst in ihrer Heimatstadt den Kopf abreißt.

Jetzt aber ist das Thema Klinikum für Fischer durch, ebenso wie eine längere Krankeitsphase, in der Probleme mit dem Fuß sie ins Krankenhaus zwangen. Dass es da angesichts ihrer Vorgeschichte Tratsch gab, nimmt sie gelassen, sie hat ganz andere Spielarten von Neugierde hinter sich. Wozu ist man schließlich von Berlin nach Hannover gegangen? „Hier interessiert es ja niemanden, was ich privat so mache.“

Man kann also sagen, dass es ihr jetzt gut geht, nach knapp zwei Jahren. Sie hat wieder mit dem Saxofonspielen angefangen, und die Freunde in Berlin staunen, von was für Kulturveranstaltungen Fischer aus Hannover berichtet. „Die Stadt tut mir gut, gerade weil es eine kleinere und ruhigere Stadt ist als Berlin“, sagt sie. 30 Jahre hat die gebürtige Westfälin in ihrer Wahlheimat verbracht, und jetzt, wo sie weg ist, fällt ihr auf, wie rau es dort mitunter zugeht. Sie genießt es, „dass die Umgangsformen hier andere sind“. Dass Menschen sich vor Sitzungen die Hand geben, jeder jedem, und dass die Mitarbeiter im Regionshaus sich auf den Fluren grüßen.

Fischer winkt ab: „Versuchen Sie das mal in Berlin.“

Zur Person

Andrea Fischer, 54, ist seit November 2012 Dezernentin für Finanzen und Gebäudewirtschaft der Region Hannover. Von 1998 bis 2001 war die Grünen-Politikerin Bundesgesundheitsministerin im Kabinett von Gerhard Schröder, bevor sie wegen der BSE-Krise ihren Rücktritt erklärte. Fischer ist gelernte Offsetdruckerin und studierte Volkswirtin. Von Oktober 2002 bis Ende 2003 moderierte Andrea Fischer die n-tv-Sendung „Grüner Salon“, zudem trat sie lange als Krimi-Rezensentin im Deutschlandradio Kultur auf.

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