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Aus der Stadt Angehörige von Computersüchtigen bekommen Hilfe
Hannover Aus der Stadt Angehörige von Computersüchtigen bekommen Hilfe
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21:17 11.01.2010
Von Veronika Thomas
Eintauchen in die Welt der Hexenmeister, Magier und Schamanen: „World of Warcraft“ fasziniert vor allem junge, männliche Spieler.
Eintauchen in die Welt der Hexenmeister, Magier und Schamanen: „World of Warcraft“ fasziniert vor allem junge, männliche Spieler. Quelle: Florian Wallenwein
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Jahrelang merkte Sylvia K. nicht, dass ihr Sohn ein Doppelleben führte. Er lebte in einer eigenen Wohnung, machte eine Ausbildung, alles schien gut zu laufen. In Wahrheit aber hatte er seine Lehre schon nach kurzer Zeit abgebrochen. Der 24-Jährige ließ sich und seine Wohnung verwahrlosen, spielte rund um die Uhr im Internet, hauptsächlich das Onlinerollenspiel „World of Warcraft“ (WoW). Geld beschaffte er sich unter anderem dadurch, dass er seinen Sparvertrag auflöste und sich bei anderen etwas lieh. Krankenversichert war er irgendwann auch nicht mehr. Schließlich landete er in einem Obdachlosenheim. Heute regelt eine Betreuerin seine formellen Angelegenheiten.

Wenn die 52-Jährige die Geschichte ihres Sohnes erzählt, nicken die übrigen Mitglieder der Selbsthilfegruppe Mediensucht zustimmend. In der Gruppe haben sich Angehörige von Betroffenen zusammengeschlossen. Die meisten von ihnen sind Eltern, deren Söhne am Computer entweder Killerspiele wie „Counterstrike“, „Doom 3“ und „Crysis“ oder das interaktive Onlinerollenspiel „World of Warcraft“ spielen. Derart exzessiv, dass Schule, Ausbildung. Freunde, Sport, nahezu alles für sie kaum noch eine Rolle spielt.

Der 23-jährige Sohn von Helga B. absolvierte das Abitur und danach den Zivildienst. „Aber seit drei Jahren ist er nur noch online“, erzählt seine Mutter. „Er steht gegen 14 Uhr auf und spielt dann bis morgens um 4 oder 5 Uhr“, sagt die 59-Jährige. „Er verrottet zu Hause.“ Wenn sie ihn damit konfrontiere, dass er von den Computerspielen abhängig sei, reagiere er aggressiv. „Der hat mir schon Türen eingetreten.“

In der vor einem Jahr gegründeten Selbsthilfegruppe können sich die Väter und Mütter der zum Teil schon erwachsenen Kinder erst einmal austauschen. Alle empfinden die 14-tägigen Treffs als Erleichterung, mit ihren Problemen nicht mehr allein sein zu müssen. Inzwischen lädt die Gruppe auch Fachleute ein, um neue Impulse für ihre Arbeit zu bekommen. Die Diplompädagogin Sigrid Fahrenbach von der Lebensberatungsstelle Isernhagen etwa rät betroffenen Eltern, ihre Haltung gegenüber dem Kind zu verändern, um aus dem Kreislauf ständiger Anklagen und Vorwürfe herauszukommen. Eltern müssten sich auch von Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen lösen, die sie nur blockierten, sagt sie: „Verabreden Sie sich mit ihrem Kind an einem anderen Ort, um mal etwas anderes, gemeinsames zu erleben.“

Auch Kurt L. hat jahrelang unter dem exzessiven Spielen seiner beiden heute 19 und 21 Jahre alten Söhne im Internet gelitten. „Sie haben die Schule geschwänzt, sind sitzengeblieben, lebten nur noch in ihrer eigenen Welt“, erzählt der 52-Jährige. „Familienleben, ein gemeinsames Abendessen, all das gab es nicht mehr.“ Dabei glaubten er und seine Frau, mit ihren Kindern alles richtig gemacht zu haben. Als Kinder spielten sie mit Gameboys und Nintendos, später gab es Computer mit Lernprogrammen. „Ich habe sie sogar zu LAN-Partys mit Hunderten von Spielern gebracht“, erinnert sich L. „Dass sie dort Counterstrike und andere Killerspiele gespielt haben, habe ich nicht geahnt.“ Auch seine Söhne reagierten aggressiv, als er versuchte, ihnen das Spielen zu verbieten. „Wie Süchtige, denen man den Stoff wegnimmt.“ Der Vater kann über die Ratschläge von Fachleuten oder Lehrern nur lachen, dass Eltern darauf achten sollen, was ihre Kinder im Internet machen. „Viele Eltern sind doch froh, wenn ihre Kinder ruhig vor der Kiste sitzen. Dann ist es aber häufig schon zu spät.“ Geradezu unverantwortlich sei die Forderung der Schulen, dass Schüler schon ab der 5. Klasse einen Zugang zum Internet haben müssten. „Der Gebrauch von Büchern wird gar nicht mehr gelehrt“, kritisiert Kurt L.

Klaus und Ines M. sind mithilfe der Gruppe einen kleinen Schritt weiter. Ihr Zugang zum Internet zu Hause wird um 22 Uhr per Zeitschaltuhr gekappt. Das haben beide für die fünfköpfige Familie mit drei 21, 20 und 18 Jahre alten Kindern entschieden. Bei ihnen ist es der Jüngste, der den ganzen Tag mit Gleichgesinnten bundesweit spielt und chattet. „Seine realen Kontakte verkümmern“, bedauert sein Vater. Weil er seinem 18-jährigen Sohn das Spielen von „World of Warcraft“ nicht ganz verbieten kann, darf er die „Raids“ (gemeinsame Feldzüge mit der Gilde) ausführen, damit er nicht als Depp der Gruppe dasteht. Aber danach ist Schluss mit dem Spielen.

Die Suchtforscherin und Mitarbeiterin des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), Regine Pfeiffer, hat sich jahrelang mit dem wohl bekanntesten Onlinerollenspiel befasst. Ihr Fazit: „World of Warcraft“ entfaltet seine Sogkraft und Suchtdynamik vor allem dadurch, dass es den Spieler in einen Dauerzustand von erregter Glückserwartung versetzt. Die komplexe Belohnungsstruktur sei in vielerlei Hinsicht mit der von Glücksspielautomaten oder Roulette vergleichbar.

Der vor einem Jahr gegründete Fachverband Medienabhängigkeit, ein Zusammenschluss von Ärzten, Wissenschaftlern und Drogenberatern, will erreichen, dass Computerspielabhängigkeit als eigenständige Krankheit anerkannt wird. Für Bert te Wildt, Psychiater an der Medizinischen Hochschule Hannover, haben Computerspiele oder Onlinerollenspiele ein ähnliches Potenzial wie Alkohol und Nikotin, abhängig zu machen. Die Betroffenen können ihren Spielkonsum nicht mehr steuern, erhöhen laufend ihre Dosis, leiden bei Entzug mit Zittern, Unruhe und Aggressivität.

Maria B., Gründerin der Angehörigen-Selbsthilfegruppe Mediensucht, bezeichnet „World of Warcraft“ sogar als „Heroin aus der Steckdose“. „Kinder und Jugendliche geraten schnell in den Sog der Faszination, und damit fängt das Problem an“, sagt die 62-Jährige. Insbesondere WoW befriedige Emotionen, die Jugendliche in ihrem Alltag oft vermissten: Abenteuer erleben, eigene Stärken erfahren, von anderen anerkannt werden und Erfolg haben.

Ihr 30-jähriger Sohn, ein Fachinformatiker, spielte nach einem beruflichen Misserfolg zunächst nur noch Killerspiele, dann Onlinerollenspiele. Sie weiß lediglich, dass er heute in Australien lebt. „Für mich ist mein Sohn verloren.“ Maria B. erzählt dann von einer Mutter, die nach einigen Treffen nicht mehr in der Gruppe erschienen ist. „Sie hat das wohl nicht mehr verkraftet“, vermutet B. Der Sohn dieser Frau lebe seit Jahren im Keller des Hauses und spiele Internetspiele. Auf die Frage der Gruppe, warum sie dieses Verhalten dulde und unterstütze, habe die Frau geantwortet: „Dann weiß ich doch wenigstens, wo er ist.“

Die Angehörigen-Selbsthilfegruppe Mediensucht trifft sich jeden zweiten Montag (ungerade Wochen) um 20 Uhr im Freizeitheim Lister Turm in der Walderseestraße 100, Raum 23. Die E-Mailadresse lautet: shg-mediensucht@t-online.de. Weitere Informationen gibt es bei Kibis unter Telefon (05 11) 66 65 67. Hilfe und Beratung bietet auch die Fachstelle für exzessiven Medienkonsum „return“ in der Wunstorfer Landstraße 5, Telefon (05 11) 1 62 53 32.

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