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Aus der Stadt Einzigartiger Blick in die Stadtgeschichte
Hannover Aus der Stadt Einzigartiger Blick in die Stadtgeschichte
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00:19 14.06.2015
Von Rüdiger Meise
Grabung auf der Baustelle an der Mauer zum Leineufer in der Altstadt.
Bei den archäologischen Grabungen an der Leinemauer am Leibnizufer machten die Archäologen (im Bild: Kai Gößner) rund 10.000 Funde. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Wenn Archäologen in Superlativen reden, dann muss wirklich Außergewöhnliches passiert sein. „Einmalig für Hannover“ seien die Grabungen auf der ehemaligen Leineinsel am heutigen Leibnizufer. Grabungsleiter Kai Gößner von der Firma Arcontor zog bei einem Vortrag im Historischen Museum geradezu euphorisch Bilanz. In 201 Tagen hat sein Team rund 10 000 Funde gemacht – gut konserviert durch den feuchten, sauerstoffarmen Boden. „Wie hingelegt für uns Archäologen.“ Die Funde erlauben einen bislang einmaligen Einblick in die mittelalterliche Stadt.

Rund 10.000 Funde machten die Archäologen bei ihren Grabungen am Leibnizufer. Darunter waren zerbrochene und verbogene Kruzifixe - das könnten Hinweise auf einen bestimmten Brauch sein.

Die Wissenschaftler stießen in mehreren Metern Tiefe auf Relikte Handwerksbetrieben, Wohnhäusern und Händlern. Auf den Meter genau können sie festlegen, wo zum Beispiel ein Schumacherbetrieb stand. Lederreste, ein Absatz und der Fund einer komplett erhaltenen Sohle konnte durch Zusammenarbeit mit Historikern dem Schuster Engelke Bock zugeordnet werden, der hier um 1460 arbeitete, wie Archivrecherchen ergaben. „So etwas sind Höhepunkte der Stadtarchäologie“, sagt Gößner.

Blick auf den Teller

In überbauten und nun freigelegten Wohnhäusern wurden Nussschalen, Knochen und Pflaumenkerne gefunden. „Wir blicken hier quasi auf die Teller der Menschen im Mittelalter.“ An anderer Stelle fand das Team Messingabfälle, einen komplett erhaltenen Messinggriffel sowie einen Barren, der zur weiteren Untersuchung ins Labor geschickt wurde. „Nach der Datierung können wir davon ausgehen, dass hier eine Messinggießerei stand. Wir haben mit dem Barren sowohl das Ursprungsmaterial gefunden, als auch ein Endprodukt“, sagt Gößner.

Schreibergriffel, Gewichte, Bruchstücke einer Waage und Rechenmünzen weisen an anderer Stelle auf einen Händler hin. Was könnte hier verkauft worden sein? Tuchplomben aus Blei, mit denen Stoffballen versiegelt wurden, legen Tuchhandel nahe. Etwas entfernt von den übrigen Werkstätten in (damals) direkter Leinenähe fanden sich Schlacken, die auf eine Eisenhütte oder eine Schmiede hindeuten. „Wegen der Brandgefahr stand sie sicherlich abseits der Häuser am Wasser.“

Spannend sind für die Archäologen auch zahlreiche zerbrochene und verbogene Kruzifixe und Pilgerzeichen, die sie am ehemaligen Flussufer gefunden haben. Vielleicht gab es den Brauch, dass Pilger nach ihrer Heimkehr von der Wallfahrt Pilgerzeichen zerbrachen und ins Wasser warfen – „als Dank für die sichere Rückkehr“, vermutet Gößner. Ähnliche Fundstellen in ehemaligen Hafenbecken in Bremen, Stade und Stralsund legten diesen Verdacht nahe. „Das muss jetzt erforscht werden.“

Erklärung für Knochenfund

Aus der 63 mal zwölf Meter langen und 6,5 Meter tiefen Baugrube mussten die Archäologen diese Funde in mühsamer Kleinarbeit bergen. Jahrhundertelang hatten die Hannoveraner auf dem eigenen Müll und Schutt gebaut – und sie tun es noch heute. Auch die Probleme der mittelalterlichen Großstädter waren ähnlich den heutigen: Immer wieder stießen die Archäologen auf hölzerne Stützpfähle, eiserne Klammern und zugeschüttete Gewölbe, mit denen offensichtlich versucht wurde, ein Abrutschen von Bauten in die Leine zu verhindern. Aus genau diesem Grund waren aktuell die Bauarbeiten am Leibnizufer überhaupt nötig geworden.

Knochenfund am Marstall: Am Rande des Vortrags lieferte der Historiker Michael Heinrich Schormann eine Erklärung für den Fund von menschlichen Gebeinen Anfang Mai in einer Baugrube am Marstall. Schormann zeigte anhand alter Akten und Zeichnungen, dass es am Stift zum Heiligen Geist mit dem Hospital Sankt Spiritus, das sich im 13. Jahrhundert hier befunden hat, einen kleinen Friedhof gab. „Es ist also ganz logisch, dass hier Gebeine gefunden werden.“ Auf dem Gelände werden demnächst zwei Häuser gebaut. Ähnlich wie am Leibnizufer werden die Baugruben archäologisch untersucht – unter anderem erneut von der Firma Arcontor. Kai Gößner freut sich schon jetzt auf neue spannende Funde.

11.06.2015
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Mathias Klein 14.06.2015