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Aus der Stadt Nur 0,5 Prozent der Einwohner sind Flüchtlinge
Hannover Aus der Stadt Nur 0,5 Prozent der Einwohner sind Flüchtlinge
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00:15 23.06.2015
Von Andreas Schinkel
Kein Zuhause, aber eine erste Bleibe: im ehemaligen Oststadtkrankenhaus leben derzeit 650 Flüchtlinge. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Manchmal kann er die Geschichten kaum ertragen, die ihm die Menschen im Flüchtlingswohnheim erzählen. Sie handeln von Familien, die auseinandergerissen wurden, von fanatisierten Kriegern, die ganze Dörfer dem Erdboden gleich machen, von Schmerz und Verlust. „Die Zeiten sind schlimmer geworden“, sagt Ibrahim Hasso, Pförtner im Flüchtlingswohnheim Döhrener Turm. Früher seien die Menschen geflüchtet, weil sie ihre Meinung nicht sagen durften, weil sie arm und hoffnungslos waren. So wie Hasso vor 15 Jahren, als er der Diktatur in Syrien den Rücken kehrte. „Als kurdischer Jeside hatte ich keine Chancen in Syrien“, sagt er. Wenn Hasso jetzt mit Asylsuchenden im Wohnheim spricht, flackert nicht selten Todesangst in ihren Augen.

Die Kriegsgebiete im Nahen Osten und in Zentralafrika haben eine Flüchtlingswelle nie gekannten Ausmaßes losgetreten. Weltweit suchen rund 50 Millionen Menschen nach Schutz. Niedersachsen und Hannover bleiben nicht ausgenommen. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Flüchtlinge, die zunächst in den Auffanglagern des Landes untergebracht werden und dann auf Hannover und andere Kommune verteilt werden, kontinuierlich gestiegen. Die meisten Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten in Niedersachsen eintrafen, stammen aus Syrien, viele aus zerrütteten afrikanischen Staaten wie dem Sudan und Eritrea. In Hannover bilden Syrer lediglich die drittgrößte Flüchtlingsgruppe. Die meisten Asylsuchenden in Hannover kommen aus Ghana und dem Irak.

In den vergangenen Monaten haben auch etliche Menschen aus den Balkan-Staaten um Asyl in Niedersachsen gebeten, mit geringen Aussichten auf Erfolg. So haben in diesem Jahr bisher 9681 Flüchtlinge in Niedersachsen einen Asylantrag gestellt, davon kamen mehr als 4000 Personen aus Staaten wie Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo. Das ist ein Anteil von mehr als 40 Prozent - wenn ihr Anteil in der Stadt Hannover auch relativ gering ist. „Die Asylanträge aus den Westbalkanstaaten werden aber lediglich zu 0,38 Prozent anerkannt“, teilt das niedersächsische Innenministerium mit. Sie gelten als „sichere Herkunftsstaaten“. Dennoch müssen alle Neuankömmlinge zunächst untergebracht werden, zumindest für die Dauer ihrer Asylverfahren.

Kaum mehr als ein halbes Prozent

Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung bleibt der Anteil von Flüchtlingen äußerst gering. 2665 Flüchtlinge leben derzeit in Unterkünften der Stadt Hannover, überwiegend Männer (1902). Bei einer Einwohnerzahl von rund 525.000 macht das kaum mehr als ein halbes Prozent aus. Anfang der Neunzigerjahre waren die Zahlen höher, die Unterbringungsprobleme größer.

Der Vergleich sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stadtverwaltung vor großen Problemen steht. Die Kapazitäten in Wohnheimen und angemieteten Wohnungen sind längst erschöpft, inzwischen behilft sich die Stadt mit Notlösungen wie Turnhallen, einem ehemaligen Krankenhaus und einer heruntergekommenen Schule. Im September erwartet man eine Lieferung von Wohncontainern, sodass zumindest die vier belegten Sporthallen geräumt werden können - eine Notlösung ersetzt die andere. Die Stadt bemüht sich, wenigstens bei der Betreuung keine Abstriche zu machen. In Wohnheimen und Notunterkünften gilt ein Betreuungsschlüssel von 1,5 Sozialarbeiterstellen für 50 Bewohner. In gemeinschaftlichen Wohnprojekten kümmert sich eine Vollzeitkraft um 60 Flüchtlinge.

So lange ist es nicht her, da hat Ibrahim Hasso selbst noch in einem Wohnheim gelebt und zwar in dem, für das er jetzt arbeitet. Am 26. Juni 2011, an das Datum erinnert er sich genau, konnte er endlich eine von der Stadt vermittelte Wohnung beziehen. Da lag bereits eine jahrelange Odyssee hinter ihm, die ihn aus Syrien nach Deutschland und dann von Wohnheim zu Wohnheim führte. Sechs Tage rumpelte er zunächst in einem Lastwagen durch die Türkei bis nach Deutschland. Unterschlupf fand er in Oldenburg, dann folgten kurze Aufenthalte in Karlsruhe, Freiburg und Villingen-Schwenningen in Baden Württemberg. „2010 kam ich nach Hannover“, sagt Hasso.

Die Fluchtrouten damals und heute ähneln sich. Auch in diesen Tagen versuchen etliche Syrien-Flüchtlinge auf dem Landweg über die Türkei nach Griechenland und damit auf EU-Gebiet zu gelangen. „Da die Türkei derzeit die Grenze schließt, reisen viele Syrer nach Libyen und begeben sich auf die gefahrvolle Fahrt übers Mittelmeer“, berichtet Sigmar Wallbrecht vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Balkan-Flüchtlinge versuchen meist, über Ungarn auf EU-Territorium zu kommen, manchmal führt der Weg auch über die Adria nach Italien. „Flüchtlinge aus zentralafrikanischen Staaten schlagen sich bis zu den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla durch, oft mit geringem Erfolg“, sagt Wallbrecht.

Ibrahim Hasso hat es geschafft. Er hat in Deutschland geheiratet und eine Familie gegründet. Besonders stolz ist er, dass er seine Miete jetzt selbst bezahlen kann. „Es ist ein tolles Gefühl, nicht mehr vom Jobcenter abhängig zu sein“, sagt er. In Hannover hat der Syrer ein neues Zuhause gefunden, aber die Heimat vermisst er noch immer.

Das wird die Stadt wohl aushalten: Einen Kommentar zu dem Thema lesen Sie hier.

´Hilfsorganisationen fordern mehr Betreuer

Niedersachsens Flüchtlingshilfsorganisationen schlagen Alarm. Um traumatisierte Asylbewerber kontinuierlich betreuen zu können, fehlt es an Therapeuten und Dolmetschern. Ganz besonders prekär ist die Situation bei den traumatisierten Flüchtlingskindern. Das haben Experten des Kinderhilfswerks Terres des hommes, des Flüchtlingsrats, vom Netzwerk traumatisierter Flüchtlinge Niedersachsen und zahlreicher weiterer Organisationen bei einer Tagung am Freitag in Hannover erklärt. 40 Prozent der Flüchtlinge in Niedersachsen leiden nach Ansicht der Hilfsorganisationen unter traumatischen Störungen, unter anderem an Schlaflosigkeit und anderen Verhaltensauffälligkeiten. „Traumatisierung tritt stets erst dann ein, wenn Flüchtlinge vermeintlich in Sicherheit sind“, sagt Barbara Küppers von Terres des hommes.

Die Experten bemängelten, dass die Flüchtlinge nicht ausreichend auf die bestehenden Hilfsangebote hingewiesen würden. Zudem dauere es zu lange, bis eine psychologische Behandlung genehmigt werde. Handlungsbedarf sehen die Experten vor allem in der Koordination der vielen zum größten Teil privaten Flüchtlingsinitiativen. Die ehrenamtlichen Helfer seien derzeit noch zu wenig vernetzt. Die Landesregierung müsse in diesem Punkt ihrer Verantwortung mehr nachkommen. low

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