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Aus der Stadt Auch Niesen will gelernt sein
Hannover Aus der Stadt Auch Niesen will gelernt sein
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22:30 06.08.2009
Quelle: Martin Steiner
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Auch für die Viertklässler Jason, Melissa und Lina in der Albert-Schweitzer-Schule dreht sich eine Stunde lang alles um das H1N1-Virus und die Influenza, die sich seit einigen Monaten in der ganzen Welt ausbreitet. Klassenlehrerin Bettina Liesen stellt gleich klar, welche Sprachregelung sie für angemessen hält: „Experten sprechen von der ,neuen Grippe‘ – und das klingt viel besser als der schreckliche Spitzname, den so viele Menschen benutzen.“ Die Pädagogin ist sich bewusst, dass sie einen Balanceakt zu vollbringen hat: Sie muss ihre Schüler umfassend über Ansteckungswege und Risiken informieren, will aber keines der Kinder unnötig in Angst versetzen.

Entsprechend spielerisch vollzieht sich die Aufklärungsstunde: Erst simulieren die Kinder pantomimisch seuchenhygienisch korrektes Händewaschen – dieses sollte 15, besser 20 Sekunden andauern, und auch zwischen den Fingern sollte geputzt werden –, dann erarbeitet die Klasse ein möglichst hygienisches Abschiedsritual. Statt sich, wie bislang üblich, am Ende eines jeden Schultages die Hände zu schütteln, werden sich die Kinder künftig zuwinken oder an die Schultern fassen. Die Viertklässler sehen den Sinn durchaus ein. Aber der Verzicht auf Rangeln und freundschaftliches Kuscheln fällt ihnen sichtlich schwer.

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Auch an der Integrierten Gesamtschule Mühlenberg startet Klassenlehrerin Nicole Kitzel gleich mit Grippevorbeugung in den Tag. „Ihr seht alle gut erholt und gesund aus“, stellt sie bei der Begrüßung ihrer Achtklässler zufrieden fest. Eine Schülerin berichtet, sie sei vor zwei Wochen mit ihrer Familie aus Mallorca zurückgekehrt, wo sich etliche deutsche Urlauber mit dem Virus infiziert hatten. „Aber uns geht es gut.“

Viele Schüler haben sich während der Ferien gut über die Pandemie informiert und kennen sich aus mit Infiziertenzahlen und Expertenprognosen. „Eigentlich ist das nicht viel schlimmer als eine normale Grippe. Aber man kann daran sterben“, sagt Mathilda. Lehrerin Kitzel staunt über so viel Faktenwissen. Doch mehr liegt ihr am Herzen, den Schülern einen Mittelweg zwischen Panik und Leichtsinn zu zeigen. „Wir machen keine Schweinegrippenparty, wo alle sich infizieren, um länger Ferien zu haben. Wir sind vorsichtig.“ Also Händewaschen, sich beim Niesen abwenden, nicht aus dem gleichen Becher trinken und auf Begrüßungküsse verzichten. „Es ist momentan nicht unhöflich, wenn wir nicht die Hand geben“, schärft Kitzel ihren Schützlingen ein. Der 13-jährige Darren erzählt, dass er sich häufiger die Hände wasche. „Und in der Bahn drehe ich mich weg, wenn jemand hustet.“ Nach Panik klingt das nicht, eher nach Augenmaß. Doch bei Darrens Mitschülerin Johanna ist auch Ärger zu spüren. „Ich finde es dreist, dass andere vielleicht zwei Wochen länger Ferien kriegen.“

Als Seife gibt es in der IGS sonst nur eine Art Trockenpulver. Der Hausmeister hat jetzt zusätzlich handelsübliche Flüssigseifespender in allen Schultoiletten verteilt. Die Nachfrage ist offenbar groß: Der Drogeriemarkt um die Ecke hatte die Flaschen nicht mehr vorrätig, im Großhandel war die günstigste Marke vergriffen. Außerdem liegen jetzt Atemschutzmasken für Sekretärinnen, Lehrer und Sanitäter griffbereit. Sie sollen sich damit schützen, wenn sie ein Kind mit Krankheitsanzeichen betreuen, bis die Eltern es abholen.

von Daniel Behrendt und Bärbel Hilbig