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Aus der Stadt Auf Jobsuche nach der Schlecker-Insolvenz
Hannover Aus der Stadt Auf Jobsuche nach der Schlecker-Insolvenz
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18:59 13.04.2012
Angelika Wichmann im Gespräch mit Berater Eduard Isinger von der Arbeitsagentur. Quelle: Thomas
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Hannover

Es ist ein Termin zum Kennenlernen, heißt es. Angelika Wichmann sitzt in einem Büro in der 4. Etage der Arbeitsagentur mit Blick auf die Innenstadt. Einziger Wandschmuck ist ein Jahreskalender, in dem freie und Urlaubstage bunt markiert sind. Neben der Tür steht ein Aktenschrank in Buchenfurnier, am Fenster freut sich eine Zimmerpalme über den Sonnenschein dieses Freitagmittags. Wichmann, bis vor zwei Wochen Filialleiterin bei Schlecker, sitzt auf der Gästeseite des Schreibtischs. Ihr gegenüber der Mann, der ihr helfen soll mit dem Leben nach Schlecker.

Eduard Isinger beugt sich nach vorne. „Wir wollen eine Arbeit für Sie finden“, sagt der junge Arbeitsvermittler mit dem glatt rasierten Kopf. Und dann beginnt das dreigeteilte Gespräch. Erst erstellt Isinger ein sogenanntes Profil, schaut dann gemeinsam mit Wichmann nach offenen Stellen und plant schließlich mit ihr die nächsten Schritte. Isinger wolle insbesondere schauen, wie er Wichmann unterstützen kann. Und die nimmt das gerne an.

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Die vergangenen knapp 15 Jahre hat Angelika Wichmann für Schlecker gearbeitet. Die gelernte Konditoreifachverkäuferin begann 1997 in der Filiale in der Limmerstraße, wurde später Filialleiterin und arbeitete zuletzt als Chefin in Kirchrode. Ende März wurde sie von der insolventen Drogeriekette gekündigt, so wie bundesweit 11000 Kolleginnen auch.

Die Bewerbung, das ist ein Thema, das Wichmann Herzklopfen bereitet. „Fünf Stunden habe ich für das hier gebraucht“, sagt Wichmann und zeigt auf den tabellarischen Lebenslauf, den sie dabei hat. Es hat sich viel geändert seit ihrer letzten Bewerbung. Um das zu verdeutlichen zeigt sie ein Anschreiben aus den neunziger Jahren. „Hier, das ist noch handschriftlich“, sagt sie. Mit blauer Kugelschreibertinte hatte Wichmann damals aufgeschrieben, dass sie sich eine Arbeit bei Kaufhof in Hannover vorstellen könnte.

Eine handschriftliche Bewerbung, das ist heute die absolute Ausnahme, sagt Berater Isinger. Aber Wichmann, keine Computerexpertin, solle sich keine Sorgen machen: „Wir haben alle mit einem Finger angefangen.“ Dann gleiten seine Finger über die schwarze Tastatur, mit der rechten Hand führt er die Maus im Eiltempo durch die Programmoberfläche.

Isinger erstellt mithilfe eines Programms ein Profil von Wichmann, das sich Arbeitgeber anschauen können. Hier sehen sie, was Angelika Wichmann alles kann. Urlaubsplanung, Warenkontrolle, Mitarbeitergespräche, Inventurvorbereitung. „Ich wusste gar nicht, dass ich so viele Fähigkeiten habe“, sagt Wichmann. Sie lächelt, vorsichtig, nicht so, als hätte sie gerade einen Witz gemacht.

Wichmann erzählt viel von sich, auch, dass sie gerade schüchterner ist als sonst, immer noch ein wenig unter Schock steht. Isinger bleibt in der Rolle des Fragenden. Es ist ein einseitiges Kennenlerngespräch, was so gewollt ist. Es ist eben hilfreich, wenn ein Berater viel weiß über die Arbeitssuchenden, die hier Kunden heißen.

Berater Eduard Isinger gibt sich optimistisch: „Sie zeigen sich hier ja sehr flexibel“, sagt Isinger. Und rät Wichmann, sich persönlich bei eventuellen Arbeitgebern vorzustellen. Sie könne sie so von sich überzeugen. Ein weiteres Kompliment. Die 49-Jährige redet zwar über ihre Ängste und den Schock nach der Schlecker-Kündigung. Aber noch mehr richtet sie den Blick nach vorne. Sie will arbeiten, sie will unter Menschen, mit Kunden arbeiten, was ihr so viel Spaß macht. Isinger bietet ihr ein Bewerbungstraining an, das auch eine Fortbildung am Computer beinhaltet. Noch bevor er ausgeredet hat, sagt Wichmann: „Das mach’ ich doch.“ Das Training bei einem privaten Anbieter kann schon bald beginnen.

Erste Stellenangebote gibt es für sie auch schon, sogar als Filialleitung und in Vollzeit, im Einzelhandel und auch noch in Hannover. Die Angebote gibt ihr Isinger mit nach Hause. Ganz unverbindlich. „Bewerbungsmappen hab’ ich schon gekauft“, sagt Wichmann. Später, sollte sie nicht gleich einen neuen Job finden, wird sie sich auf mindestens fünf Stellenangebote pro Monat bewerben müssen, sonst drohen Leistungskürzungen. Auch diese Pflichten notiert der Berater. So steht am Ende des Gesprächs auch so etwas wie ein Vetrag zwischen Kundin Wichmann und Berater Isinger.

„Jetzt ist der Kopf voll“, sagt Wichmann. Aber sie wirkt auch erleichtert. In der Tasche stecken die Adressen von möglichen Arbeitgebern. Und im Kopf reift die Erkenntnis, dass es vielleicht doch ein Arbeitsleben nach Schlecker gibt.

13.04.2012
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