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Aus der Stadt Auf der Wortwalz
Hannover Aus der Stadt Auf der Wortwalz
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00:26 07.09.2014
Von Hannah Suppa
Jessica Schober (links) macht auf ihrer Wortwalz Station bei der HAZ. Hannah Suppa, stellvertretende Chefredakteurin, zeigt der Bloggerin die Redaktion.
Jessica Schober (links) macht auf ihrer Wortwalz Station bei der HAZ. Hannah Suppa, stellvertretende Chefredakteurin, zeigt der Bloggerin die Redaktion. Quelle: Hagemann
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Hannover

Von Burgdorf nach Hannover sind es in etwa 22 Kilometer. Das ist nicht weit. Doch wenn man äußerst strenge Regeln befolgen muss, bedarf so ein Weg doch genauerer Planung. Jessica Schober hat sich viele Regeln gestellt in diesem Sommer: Die 26-Jährige ist auf der Walz. Dabei ist sie gar keine Handwerkerin, sondern Journalistin. Und sie ist nicht auf Baustellen unterwegs, sondern fragt in Lokalredaktionen nach Arbeit. Um Geschichten zu finden und mehr über den Lokaljournalismus im Jahr 2014 zu erfahren.

„Journalismus ist auch ein Handwerk - und das Fragenstellen mein Werkzeug“, sagt die Burgdorferin. Mehr als einen Stift, Block, die Neugier und ihr herzliches Lachen hat Schober auch gar nicht dabei: „Arbeite, um zu reisen. Reise, um zu arbeiten“ - das Sprichwort der Handwerksgesellen ist nun auch ihres. „Ich will machen, lernen, ausprobieren“, sagt die freie Journalistin, die in München für den „Focus“ und die „Süddeutsche Zeitung“ arbeitet. Und Schober hält sich streng an die Regeln des Brauchtums: kein Handy, kein Laptop, kein Geld für Züge oder Hotels.

Und so kann sie eben nicht einfach von Burgdorf in die HAZ-Redaktion nach Hannover fahren. Trampen oder auf die Fahrt eingeladen werden, nur so geht es. In dieser Woche machte Schober Halt in der Redaktion des Anzeigers, der Lokalausgabe für Burgdorf, Lehrte und Sehnde, die der HAZ beiliegt. Am Donnerstag arbeitete sie im Newsroom der HAZ mit - redigierte Texte und schrieb Meldungen für HAZ.de. Es ist für sie ein Heimspiel: Beim Anzeiger schrieb sie einen ihrer erste Texte - über Kaninchenzüchter aus Otze -, in Hannover forschte sie vor acht Jahren für die ZiSH-Jugendredaktion der HAZ nach guten Geschichten. „Da hatte ich damals Raum, viel journalistisch auszuprobieren.“

Nur mit Rucksack, zwei Hemden, Wanderschuhen und einem schwarzen Hütchen marschierte die Frau im blauen Flanellhemd vor vier Wochen los. Von ihrer Wohnung in München, um die sie jetzt ganz nach der Tradition einen 50 Kilometer großen Bannkreis gezogen hat, ging es quer durch Bayern hoch in den Norden - von einer Ein-Mann-Lokalzeitung in Harburg verschlug es sie zurück nach Burgdorf. Immer dorthin, wo jemand sie mitnehmen wollte. „Ich bin geplättet, wie freundlich und herzlich die Menschen überall sind. Mir wurde sogar ein Fahrrad geschenkt“, sagt sie. Sie schlief in fremden Wohnzimmern, auf einem Spielplatz, im Wald - und unter einer Hamburger Brücke. „Ich habe da mit drei Verkäufern des Obdachlosenmagazins Platte gemacht“, erzählt sie. Und dabei gelernt: Pizzabringdienste liefern auch unter Brücken.

Nah bei den Menschen, erfahren, was sie bewegt. Was Jessica Schober auf ihrer Walz erlebt, ist auch der Grund, warum sie sich für Lokaljournalismus begeistert: „Ich will raus zu den Leuten - und fragen: Was haben die großen Dinge mit den Lesern hier zu tun.“ Und das heißt für sie auch: „Ich will zu den Kaninchenzüchtern!“ Wie damals in Otze.

Etwa 400 Handwerksgesellen sind bundesweit derzeit auf Tippelei. „Einige haben mich als Trittbrettfahrerin bezeichnet“, erzählt Jessica. „Dabei finde ich einfach toll, was die machen.“ Dass sich die 26-Jährige der Tradition und des Namens bedient, stieß auf Kritik. „Ich habe mit vielen Gesellen diskutiert und vor allem deutlich gemacht, wie ehrbar ich diesen Brauch finde“, sagt Schober. Kluft trägt sie nicht, auch als Wandergesellin gibt sie sich nicht aus. Auf einer Sommerbaustelle bei Lübeck tauchte sie tiefer ein in die Welt der Handwerkerwalz. Als Mensch jedoch, nicht als Journalistin, wie sie lachend erzählt. Denn Schreiben durfte sie nichts über die Freireisenden. Den Stift und den Block tauschte sie gegen Beil und Besen.

Am Freitag tingelt Schober noch einmal als Journalistin durch Burgdorf: Trifft zwei Jesiden, die ihr von einem Hilfsprojekt für den Irak berichten. Für den Anzeiger. Und sie genießt ein letztes Mal das Bett bei den Eltern. Dann packt die 26-Jährige wieder ihren Rucksack und hält den Daumen raus. Wohin es geht? Sie zuckt mit den Schultern. „Wo ich Geschichten finden kann.“

Jessica Schober bloggt unter www.wortwalz.de über Ihre Erfahrungen auf Wanderschaft durch den Lokaljournalismus.

Die Regeln der Wandergesellen

 „Mit Gunst und Verlaub“, so stellen sich Wandergesellen seit Jahrhunderten vor. Schon seit dem Mittelalter können Handwerker mit Gesellenbrief für drei Jahre und einen Tag auf die Walz gehen. Ein Bündel ist alles, was sie bei sich haben, den sogenannten Charlottenburger. Sie tragen Hut, Stock und eine Kluft, an deren Farbe man ihr Gewerk erkennen kann: Schwarz sind die Zimmerleute, grau gekleidet wandern Steinmetze, Rot tragen farbgebende Gewerke wie Schneider. Rund 400 bis 500 deutsche Gesellen sind derzeit auf der Straße unterwegs, darunter etwa 50 Frauen. Organisiert sind einige von ihnen in Schächten, wie zum Beispiel den Rechtschaffenen Fremden, die man am schwarzen Schlips erkennt. Sie alle reisen ohne Geld, Handy und Laptop mit dem Ziel, ihr Handwerk zu verfeinern. Die Welt der Walz ist voller Traditionen und Geheimnisse. Eines der schönsten: Zum Abschied sagen Gesellen nicht auf Wiedersehen, sondern stets „Bis gleich!“. js

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