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Aus der Stadt Ein Drittel der Lehrlinge macht Überstunden 
Hannover Aus der Stadt Ein Drittel der Lehrlinge macht Überstunden 
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00:16 07.12.2017
Präsentieren den DGB-Ausbildungsreport:  Ruben Eick, Laura Pooth und Hartmut Tölle.
Präsentieren den DGB-Ausbildungsreport:  Ruben Eick, Laura Pooth und Hartmut Tölle. Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

 Ein Drittel der Auszubildenden leistet laut Ausbildungsreport des Deutsche Gewerkschaftsbundes (DBG) regelmäßig Überstunden, knapp zehn Prozent davon erhalten dafür weder Ausgleich noch Freizeit. Ruben Eick, Leiter der Abteilung Jugend beim DGB Niedersachsen,  nannte dies bei der Vorstellung des diesjährigen Reports skandalös. „Die Azubis befinden sich in einem Lern-, nicht in einem Ausbildungsverhältnis. Überstunden sollten da gar nicht anfallen.“ Auch Auszubildende unter 18 Jahren müssten teils mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten. Dies hatten 11,1 Prozent angegeben.

Für den Report waren zwischen September 2016 und Mai 2017 insgesamt 1211 Azubis von 18 der 25 beliebtesten Ausbildungsberufe an Berufsbildenden Schulen in Niedersachsen befragt worden. 28,3 Prozent sagten, es gebe gar keinen betrieblichen Ausbildungsplan. Das mache es den jungen Menschen nahezu unmöglich, ihre Ausbildungsinhalte zu überprüfen, kritisierte Eick. 12,1 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig ausbildungsfremde Tätigkeiten zu übernehmen. Die Abstimmung zwischen Betrieben und Berufsschulen sei schlecht.  Ein Viertel der Azubis sei nicht zufrieden mit der Qualität ihrer Ausbildung.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sagte: „Wir nehmen die Hinweise aus der Umfrage ernst und werden diese im Bündnis Duale Berufsausbildung entsprechend erörtern. Dies ist ein gutes Forum, da alle an der dualen Berufsausbildung Beteiligten hier an einem Tisch sitzen.“ 

DGB wirbt für umlagefinanzierte Ausbildungen

Die Kammern würden gemeldeten Qualitätsverstößen oft nicht konsequent nachgehen, weil sie sich eher als Vertreter der Arbeitgeber denn als Anwalt der Azubis verstünden, bemängelte DGB-Landesvorsitzender Hartmut Tölle. Er forderte umlagenfinanzierte Lösungen. Größere Betriebe könnten mehr ausbilden Jugendliche ausbildeten als sie benötigten, dafür würden alle Unternehmen in einen Topf einzahlen. Die ausgebildeten Kräfte kämen dann auch den kleineren und mittelständischen Firmen zugute. Mittelständische Betriebe gerade in der Gastronomie würden bald überhaupt keine Nachwuchskräfte mehr finden. Auch für die Metallindustrie könnte dies eine gute Idee sein. Tölle verwies auf die Verbundausbildung, die es bereits in der Baubranche gebe. Dies könne gerade für ländliche Regionen von Vorteil sein.

Bei der Handwerkskammer Hannover stößt Tölles Vorstoß auf wenig Gegenliebe: „Das ist eine uralte Forderung ohne Zukunft“, meint Geschäftsführer Carl-Michael Vogt. Es sei Sozialromantik zu glauben, dass die in größeren Betrieben ausgebildeten Nachwuchskräfte tatsächlich in den mittelständischen Unternehmen landeten. Pfiffige Firmen, die den Azubis etwas zu bieten hätten, würden auch Azubis finden: „Tarif war gestern“, sagt Vogt, „das ist der Mindestansatz, Betriebe müssen mehr bieten.“ Dass Lehrlinge im Handwerk Tausende unbezahlte Überstunden machen sollen, hält Vogt für eine Mär. „Das sind vielleicht gefühlte Überstunden“, sagt er und nennt als Beispiel, dass Azubis eine Werkstatt aufräumen sollen und dafür statt einer halben Stunde sich anderthalb Stunden Zeit lassen, weil sie trödelten.

Handwerkskammer hält von „uralter Forderung ohne Zukunft“ nichts

Auch Kay Uplegger, Vorsitzender des Verbandes „Die Familienunternehmer“, hält nicht viel davon, das Nachwuchsproblem von außen zu regeln: „Jeder, der schlau ist, bildet aus.“ Schulabsolventen würden am liebsten im öffentlichen Dienst oder bei Banken und Sparkassen sowie Großunternehmen anheuern. Was in den kleineren Betrieben ankomme, seien nicht unbedingt die besten Schüler, aber: „Die Jugendlichen, die da sind, müssen untergebracht  werden, wir können uns keine anderen Bewerber backen.“ Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage sei gut. Wirtschaft komme in der Schule zu wenig vor, viele 16- oder 18-Jährigen hätten gar keine Vorstellung von Wirtschaft. 

Laura Pooth, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, bezeichnete die Ausstattung der Berufsbildenden Schulen als miserabel. Das Unterrichtsmaterial fehle, Bücher seien häufig nicht vorhanden, geschweige denn eine technische Ausstattung etwa mit Breitband. Die Gebäude seien marode, die Lehrer überlastet. Die Unterrichtsversorgung liege unter 90 Prozent, viele Pädagogen müssten fachfremd unterrichten, es gebe eine hohe Fluktutation, viele Lehrer hätten nur befristete Verträge. Das Lernklima in den Schulen, aber auch die Stimmung in den Kollegien sei schlecht, was mitunter auch an autoritären Schulleitungen liege, sagte Pooth.

Masterplan für Berufsschulen gefordert

Auch Günter Hirth von der Industrie- und Handelskammer Hannover  bemängelt die fehlenden qualizierten Berufsschullehrer. Das lasse sich aber nicht im Hauruckverfahren lösen, sondern dauere Jahre. Den Vorwurf, Qualitätsprobleme nicht azugehen, wies er von sich: „Unsere gesetzliche Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass Ausbildung gelingt, wir sind nicht Partei.“ Die Ausbildungsberater würden mehr als 1000-mal im Jahr ausrücken, um Beschwerden nachzugehen. Und das bei 26.000 Ausbildungsverhältnissen im Kammergebiet.

Vogt von der Handwerkskammer forderte vom Land einen Masterplan für die Berufsschulen. Darauf müsse auch die Lehrerausbildung an den Hochschulen abgestimmt sein. 

 Minister Tonne sagte, die große Mehrheit der Azubis bewerte die Arbeit der berufsbildenden Schulen positiv, das sei ein erfreuliches Ergebnis. Wichtig sei es, mehr Berufsschullehrer zu gewinnen. Das Land werde wieder mehr Einstellungsmöglichkeiten schaffen und hierzu Stellensperrungen im Haushalt zurücknehmen. Jährlich sollen 120 zusätzliche Stellen zur Verfügung gestellt werden. Mit einem Mix aus kurz- und mittelfristig wirkenden Maßnahmen will Tonne geeignete Bewerber finden. Zum einen durch mehr qualifizierte Quereinsteiger, zum anderen durch den Ausbau von Studienplatzkapazitäten. 

Von Saskia Döhner