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Aus der Stadt So sehen Wohnungslose Hannover
Hannover Aus der Stadt So sehen Wohnungslose Hannover
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00:16 23.11.2017
"Mein Hannover - Menschen ohne Wohnung fotografieren ihre Stadt". 
"Mein Hannover - Menschen ohne Wohnung fotografieren ihre Stadt".  Quelle: Rainer Droese
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Hannover

 Zwei Männer spielen Schach. Sie sind arm, das ist unübersehbar. Das wettergegerbte Gesicht, die langen weißen Haare, die ausgemergelte Statur des einen Schachspielers stechen ins Auge. Die schäbige Bank, das  Graffiti im Hintergrund – all das sorgt auf der großformatigen Fotografie in der neuen Ausstellung im Bürgersaal  im Neuen Rathaus in Hannover für zusätzliche Tristess.

Geprägt wird das Bild aber vom Lachen des zweiten Schachspielers. Man meint fast, es zu hören, so raumgreifend wirkt es. Umso überraschender ist: Gemacht hat das Bild ein Obdachloser aus Hannover. Überbordende Lebensfreude, das ist ein Gefühl, das man nicht mit seiner Lebenssituation, mit Wohnungslosigkeit verbindet. 

Hemmschwellen werden abgebaut

„Mein Hannover – Menschen ohne Wohnung fotografieren ihre Stadt“, heißt die Ausstellung, die Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski am Montag eröffnet hat. Rund 100 von Wohnungslosigkeit bedrohte und wohnungslose Menschen haben  im Mai 2017 für rund acht Wochen mit einer Einwegkamera ihren Alltag und ihre Sicht auf die Stadt und ihre unmittelbare Umgebung dokumentiert. 1716 Fotos sind dabei entstanden. 350 wurden jetzt für die Austellung, die noch bis zum 30. November im Bürgersaal zu sehen ist, ausgewählt. „Mein Hannover - Menschen ohne Wohnung fotografieren ihre Stadt“ ist ein Kooperationsprojekt der Ricarda und Udo Niedergerke Stiftung, des Diakonischen Werks und der Landeshauptstadt Hannover.

350 Fotos geben in der neuen Ausstellung im Neuen Rathaus in Hannover Einblick in „Mein Hannover –Menschen ohne Wohnung fotografieren ihre Stadt“

Jeder Fotograf erzähle mit seinen Bildern seine ganz eigene Geschichte, sagte Rzyski zur Eröffnung. Die Fotos rüttelten auf, sie gewährten einen ungewöhnlichen Einblick.“ Das stimmt nicht nur für das Foto der beiden Schachspieler. Es ist die Stärke dieses Ausstellungsprojekts, dass es die Welt der Wohnungslosen aus ihrer ganz eigenen Sicht zeigt  und den Betrachtern dadurch neue Perspektiven eröffnet. Eindrucksvolle Porträts findet man da, wie man sie von Obdachlosen, die oft so fotoscheu sind, selten sieht. Eine ältere blonde Frau mit wettergegerbtem Gesicht beispielsweise schaut melancholisch, aber zugleich entwaffnend offen in die Kamera. 

Andere, wie Jörg V. (alle Fotografen-Nachnamen sind abgekürzt), illustrieren den Unterschied zwischen arm und reich. Dem Nobelhotel stellt V. ein Wohnheim gegenüber, dem Nobelchampagner billigen Fusel. Menschen fotografiert Jörg V. bewusst nicht, weil der Mensch, wie der Obdachlose in einem Text zu seinen Bildern schreibt, „nicht mehr interessiert“.

„Wir wollten die zeigen, die sonst aus Scham lieber unsichtbar bleiben und so Hemmschwellen abbauen“, sagten die Initiatoren der Ausstellung, Ricarda und Udo Niedergerke von der gleichnamigen Stiftung, am Montag. „So wollen wir dazu beitragen, dass Hemmschwellen abgetragen werden“.

Das ist wunderbar geglückt.

Von Jutta Rinas