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Aus der Stadt Ausstellung zeigt alte Schellack-Platten
Hannover Aus der Stadt Ausstellung zeigt alte Schellack-Platten
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00:18 27.10.2017
Von Simon Benne
Klänge aus der Vergangenheit: Andor Izsák und Miriam Beschoten von der Villa Seligmann mit einem Grammophon von 1925. Quelle: Benne
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Hannover

Die Werbung versprach nicht zuviel: "In dem Moment, wo Sie die Nadel behutsam aufsetzen, haben Sie die Oper oder den Konzertsaal im eigenen Heim", hieß es in einem der ersten Schallplattenkataloge. Tatsächlich machte die Erfindung der Schallplatte es vor 130 Jahren möglich, Augenblicke einzufrieren. Die Klangkonserven demokratisierten ein Stück Kultur; die Stimmen von Weltstars konnten nun in jedem gutbürgerlichen Wohnzimmer erklingen.

"Ohne ein aufstrebendes, selbstbewusstes Judentum aus Hannover hätte es das in dieser Form nicht gegeben", sagt Andor Izsák, Hausherr der Villa Seligmann. In dem Haus für jüdische Musik ist jetzt die Ausstellung "Die Welt auf einer Scheibe" zu sehen, die ganz um die Geschichte der Schellack-Platte kreist. Die Schau, konzipiert in Kooperation mit dem Museum für Energiegeschichte(n), hat hohen Nostalgiefaktor; sie zeigt Grammophone und Platten, Fotos und Plakate, Nadeln und Noten. Und sie erinnert an ein Stück jüdische Geschichte der Stadt.

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Ein junger Jude aus Hannover, Emil Berliner, meldete 1887 in den USA sein Grammophon als Patent an. Seine Erfindung setzte sich gegen Edisons Phonographen durch, bei dem Wachswalzen als Tonträger dienten. Berliners Schallplatten wurden anfangs aus Celluloid oder Hartgummi und von 1897 an dann aus Schellack hergestellt. Im Jahr darauf gründeten die Brüder Emil, Joseph und Jacob Berliner in Hannovers Nordstadt die erste Schallplattenfabrik auf dem europäischen Kontinent, die legendäre Deutsche Grammophon.

Anfangs wurden hier zehn Platten pro Stunde produziert; 1904 waren es schon 25 000 Stück im Jahr. Die Berliners gehörten zu Hannovers High Society; sie waren als Mäzene und Wohltäter bekannt und zeigten auch ein "warmes Herz für die Interessen des Judentums", wie Chordirigent Alfred Rose 1914 dankbar notierte. Etliche Schallplattenstars wie die Sänger Richard Tauber oder Joseph Schmidt waren zugleich Kantoren in Synagogen oder hatten - wie die Comedian Harmonists - jüdische Wurzeln.

Die Platten - von 1912 an liefen sie mit 78 Umdrehungen pro Minute - hatten eine Spielzeit von rund vier Minuten pro Seite. In einer Vitrine liegt ein dickes Plattenalbum von 1927: Beethovens Neunte, gepresst auf sieben Scheiben. Erst Anfang der Fünfziger löste Vinyl die zerbrechlichen Schellack-Platten ab. Auch die Deutsche Grammophon gibt es nicht mehr. Doch ihr Logo, der berühmte Hund Nipper, hat einen Ehrenplatz in Hannovers Kulturgeschichte.

Für Besucher geöffnet: Die Ausstellung ist in der Villa Seligmann, Hohenzollernstraße 39, am Rande von Veranstaltungen in der Reihe "Herbsttage jüdischer Musik" zu sehen oder nach Anmeldung unter (0511) 844887200 zu besichtigen.

Fotostrecke Hannover Aus der Stadt: Ausstellung zeigt alte Schellack-Platten
Bärbel Hilbig 27.10.2017
24.10.2017