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Aus der Stadt Ausstellung zeigt vor der Progromnacht gerettete Dokumente
Hannover Aus der Stadt Ausstellung zeigt vor der Progromnacht gerettete Dokumente
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14:42 09.11.2012
Von Simon Benne
„Die Nazis hatten diese Noten zur Vernichtung bestimmt“: EZJM-Gründer Andor Izsák. Quelle: Körner
Hannover

Die Synagoge brannte bereits, doch der Oberkantor Nathan Saretzki versuchte zu retten, was zu retten war. Er lief in die Frankfurter Hauptsynagoge und raffte schnell ein paar Notenbände und Handschriften zusammen. So überstanden die Dokumente die Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Jetzt, auf den Tag genau 74 Jahre darauf, sind sie erstmals öffentlich zu sehen: Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) präsentiert sie in seiner ersten Ausstellung in der Villa Seligmann.

„Heben Sie das gut auf!“ ist der Titel der Ausstellung, die nicht nur die historischen Noten zeigt, sondern auch von ihrer bewegenden Geschichte erzählt. Nach der Pogromnacht feierten Frankfurter Juden ihre Gottesdienste im Philantropin, einer jüdischen Schule. Dabei waren die geretteten Noten in Gebrauch - auch in der „Weihestunde“ wurde daraus gesungen, dem letzten großen musikalischen Gottesdienst am 8. Juni 1941, ehe die Nazis viele Juden deportierten.

„Heute treten wir unsere große Reise an und möchten es nicht versäumen Ihnen Allen Lebewohl zu sagen“, schrieb Emmy Saretzki, die Frau des Oberkantors, im August an ihre Haushälterin Hermine Baumeister. Bald darauf wurden die Saretzkis verschleppt und 1944 in Auschwitz ermordet. Zuvor vertraute der Kantor der katholischen Familie Baumeister die geretteten Noten an. Über Jahrzehnte verwahrte Hermann Baumeister, der Sohn der Haushälterin, die Dokumente im Keller - bis er 1997 zufällig Edgar Sarton-Saretzki kennenlernte, den Sohn des ermordeten Oberkantors, und sie ihm übergab. Dieser sorgte später dafür, dass sie ins EZJM kamen.

„Die Nazis hatten diese Noten zur Vernichtung bestimmt“, sagt Andor Izsák, der Gründer des EZJM. „Sie überlebten, weil es einen mutigen Mann wie Nathan Saretzki gab - und eine christliche Familie, die Zivilcourage zeigte.“ Schautafeln in der sehenswerten Ausstellung rekonstruieren die Geschichte der jüdischen Musik, der zerstörten Synagogen in Frankfurt und Hannover und des Lebens von Komponisten wie Siegfried Würzburger. Handschriften des Organisten, die zu den 1938 geretteten Noten gehören, sind in der Ausstellung zu sehen, ebenso wie ein Grundriss der Straßburger Synagogenorgel, die 1940 zerstört wurde. Neben Noten von Klassikern der Synagogalmusik wie Louis Lewandowski oder Salomon Sulzer sind unter den Dokumenten der „Sammlung Saretzki“ auch echte Raritäten - etwa Partituren und ein Brief des Königsberger Kantors Hirsch Weintraub. Die Sammlung wurde ja nicht planvoll zusammengestellt - sie umfasst das, was der Oberkantor in der Pogromnacht zufällig zusammenklauben konnte.

Im letzten Raum der Ausstellung können Besucher einen Koffer anheben, der exakt das Gewicht der 16 geretteten Notenbände hat. Er wiegt sehr schwer. Daneben hängt eine Tafel: „Was würden Sie aus den Flammen retten?“ Besucher können hier selbst Zettel ankleben: „Fotoalben der Familie“ ist dort zu lesen oder „Meine Gitarre und meinen Hund“. Oberkantor Saretzki rettete ein Stück Kultur, einen Zipfel jüdischer Identität - und bewahrte damit ein paar Mosaiksteine aus einer Welt, die es heute nicht mehr gibt.

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