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Aus der Stadt Autofreier Sonntag in Hannover
Hannover Aus der Stadt Autofreier Sonntag in Hannover
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12:39 14.05.2010
Von Bernd Haase
HAZ-Redakteur Bernd Haase erkundet Hannover-Sehenswürdigkeiten im Fahrradtaxi von Marcus Petrasch. Quelle: Daniel Marcus Kunzfeld
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Autofreier Sonntag in der City heißt Zeit für alternative 
Bewegungsformen.
 Wir haben uns mal
 fahren lassen.

Als wir auf dem Ernst-August-Platz das Velix-Fahrradtaxi von Marcus Petrasch entern und auf dem Rücksitz Platz nehmen, beschleicht Fotograf Daniel Kunzfeld ein gewisses Unwohlsein: „Ich komme mir vor wie ein Snob, der einen armen Schlucker für sich strampeln lässt.“ Petrasch kennt das schon von anderen Fahrgästen, wischt die Bedenken aber umgehend beiseite. „Das ist unser Job, wir werden dafür bezahlt und machen ihn gern. Wäre es anders, wäre ich nicht hier“, sagt der 36-Jährige, der Tischler gelernt hat und nun lieber Menschen durch Hannover kutschiert. Also machen wir unsere Ausflugsfahrt. Wir wollen zum Kaffeetrinken auf den Lindener Marktplatz und wieder zurück.

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Unser Fahrradtaxi surrt, als Petrasch es in Bewegung setzt. Eine elektrische Tretkraftunterstützung hilft ihm dabei; immerhin müssen 150 Kilo Fahrzeuggewicht sowie das, was drei Insassen auf die Waage bringen, vom Fleck bewegt werden. „Man merkt sofort, ob da hinten eher zwei Schwer- oder zwei Leichtgewichte sitzen“, erzählt Petrasch. Wir blicken an uns herunter und halten uns für soliden Mittelstand. Durch die Bahnhofstraße und die Grupenstraße geht es Richtung Altstadt. Meister Luther auf seinem Sockel vor der Marktkirche sieht mit seinem erhobenen Arm ein wenig so aus, als wolle er uns hinterherwinken. Touristen, die an einer Stadtführung teilnehmen, sehen nicht nur so aus. Sie winken wirklich, wir dann auch. Die Geste gerät uns zu huldvoll, so ähnlich muss weiland der alte König Ernst-August ausgesehen haben, wenn er mit der Kutsche durch die Stadt fuhr und die Untertanen grüßte.

Über den Holzmarkt und die Schlossstraße fahren wir Richtung Calenberger Neustadt. Als Petrasch das Velix zwischen zwei Pollern durchsteuert, stockt uns kurz der Atem. Mancher wäre mit normalen Fahrrädern hängen geblieben. „Uns macht das nichts, wir sind daran gewöhnt“, sagt unser Chauffeur. Außerdem hilft ihm, dass die Fahrradtaxis mit Differentialen ausgestattet sind, die es erlauben, sie einmal längs um die Hinterachse und damit gleichsam auf der Stelle zu drehen. So plump sie wirken, so wendig sind sie, diese Dinger.

Während wir durch die Calenberger Straße fahren, schiebt sich Klotz 2 des Ihme-Zentrums in den Blick. Bevor wir ihn rammen, fährt Petrasch lieber zum Ihme-Ufer hinunter. Wir passieren das Heizkraftwerk und die Üstra-Werkstatt, wo Mitarbeiter uns aus den Fenstern hinterhersehen. Sie sind neidisch – jedenfalls bilden wir uns das ein.

Am Weddigenufer überqueren wir die Ihme und halten in Linden Einzug. Auf der Nedderfeldstraße liegt noch Kopfsteinpflaster. Das leichte Schaukeln, dass uns schon die ganze Fahrt über begleitet hat, verstärkt sich. „Manche mögen das, manche nicht“, sagt Petrasch. Als wir über die Limmerstraße Richtung Küchengarten zuckeln, rufen uns Kindergartenkinder hinterher. In diesem Teil der Stadt sind Fahrradtaxis noch nicht so häufig zu sehen wie in der City. Mit einem Mal übertönt das Fahrgeräusch der sich von hinten nähernden Stadtbahn die Kinderstimmen. „Oh, oh“, sagt Petrasch und tritt mächtig in die Pedale. Die Limmerstraße ist eng, und damit wir der Bahn nicht vor der Front herumgondeln, muss er das Fahrradtaxi auf mehr als die üblichen acht bis zwölf Stundenkilometer bringen. Alles geht gut. Wir erreichen vor der Bahn den Küchengarten und dann bald den Lindener Marktplatz zur Kaffeepause.

Das Heißgetränk hat Petrasch offensichtlich gut getan. Auf dem Rückweg Richtung Schwarzer Bär liefert er sich ein Rennen mit einem Kleinfahrzeug der Fußwegreinigung. Andererseits: Es geht abwärts, und so, wie die Velix-Fahrer an jeder noch so kleinen Steigung richtig arbeiten müssen, können sie die Beine fast hochnehmen, wenn das Fahrzeug vom eigenen Gewicht die Straße hinuntergezogen wird.

An der Benno-Ohnesorg-Brücke schlängelt Petrasch unser Gefährt auf den wenigen freien Spuren, die das Gewirr von Baustellenabsperrungen noch lässt, wieder zur Ihme hinunter. Eine Gruppe von Fahrradausflüglern lächelt uns milde an, wir lächeln ebenso milde zurück. Wir wollen gar nicht tauschen für den Moment. Als hinter der Calenberger Esplanade die Altstadt mit der Marktkirche wieder in Sicht kommt, überlegen wir kurz, ob wir nicht noch eine Zusatzrunde drehen sollen. Es wird dann nur eine kleine, über den Ballhofplatz. Von dort aus geht es durch das Steintorviertel zurück zum Hauptbahnhof. Recht so: Eine der größten Künste ist es, den geeigneten Moment zum Aufhören zu finden, weiß der Volksmund.

Fahrradtaxis gibt es in Hannover seit 2005, derzeit sind zwölf Stück unterwegs. Haupteinnahmequelle des Unternehmens Velix sind die Gebühren für die Werbung an den Fahrzeugen. Die Fahrtarife kommen dagegen in erster Linie den Fahrern zugute. Wer spontan einsteigt, zahlt zwei Euro pro Kilometer und Person. Kinder sind zum halben Preis dabei. Reservierte Fahrten, beispielsweise Stadtrundfahrten auf dem Roten Faden, kosten 11,25 Euro pro Viertelstunde. Näheres unter Telefon (05 11) 3 53 24 30 oder im Internet.

Das Auto bleibt außen vor

Eine Veranstaltung beginnt, sich in Hannover zu etablieren: Zum dritten Mal begeht die Stadt ihren autofreien Sonntag. Von 11 bis 18 Uhr gehört die Innenstadt Fußgängern, Radfahrern, Skatern – und natürlich all denen, die das Programm gestalten. Insgesamt 120 Vereine, Verbände, Künstler und Gastronomen sind dabei. Wenn es gut läuft und vor allem das Wetter mitspielt, könnten 100.000 Menschen in die City pilgern.

Klassiker: Die Fahrradmeile am Leibnizufer, die alternative Automobilausstellung, Skate- und Streetsport, Pflastermalaktionen, die Wohlfühloase und Kinderspiele sowie das große Solarfest am Opernplatz gehören zu den festen Programmbestandteilen. Es gibt sie auch in diesem Jahr – ebenso wie die Hauptbühne in der Schmiedestraße, deren Programm die HAZ präsentiert.

Neuheiten sind:

Tauschmarkt: Die Marktstraße wird zur Kleidertauschmeile. Wer etwas aus seinem Fundus mitbringt, darf sich dafür andere Stücke aussuchen und es bei Bedarf vor Ort von Redesignern verändern lassen.

Artistik und Zirkus: Die Osterstraße gehört Trapezkünstlern, Clowns, Akrobaten, Jongleuren und Straßenkünstlern. Wer will, kann mitmachen oder sich in Hannovers größte Einradkette einreihen, die um 15 Uhr am Hauptbahnhof startet und zur Osterstraße führt.

Fahrraddemo: Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) ruft zur Fahrraddemonstration unter dem Motto „Ohne Auto mobil – Hannover fährt Rad". Sie beginnt um 12.30 Uhr vor dem Nordeingang der AWD-Arena und führt dann einmal um den Cityring zur Fahrradbühne am Leibnizufer.

Dichtung: Auf der Bühne am Aegi können Freunde schräger Unterhaltung zwischen 16 und 17,45 Uhr einen Poetry Slam, zu Deutsch also einen Dichterwettstreit, mit dem Titel „Verkehrt im Verkehr!?“ zuhören.

Polo und große Sprünge: Auf der Kreuzung Friedrichswall/Osterstraße spielen zehn Teams aus zehn Städten ein Fahrradpoloturnier. Ebenfalls am Friedrichswall zeigen BMX-Fahrer und Mountainbiker allerhand spektakuläre Flüge, die man mit Fahrrädern bewerkstelligen kann. Jump Jam heißt das Ganze. Gemeinsam Sprünge improvisieren wäre die Übersetzung, aber das klingt weniger cool (kühl).

Picknick im Park: Die Georgstraße ist zwar kein Park, wird aber von der Region Hannover mit Rollrasen und Pflanzkübeln in einen solchen verwandelt. Zum Amüsement beim Picknick werden Kleinkunst, Jazz und Straßenkunst geboten.

Verkehrstipps: Die autofreie Zone wird von Aegi, Schiffgraben, Prinzenstraße, Georgsplatz, Rathenaustraße, Georgstraße, Marstall, Hohes Ufer, Goethestraße, Leibnizufer und Friedrichswall umschlossen. Gesperrt für Autos ist sie von 8 bis 20 Uhr. Ausnahmen gelten für Anwohner. Teile der Karmarsch- und der Schmiedestraße können schon von 4.30 Uhr nicht mehr befahren werden. Für Busse und Bahnen im Nahverkehr gilt den gesamten Tag über ein Sonderangebot. Einzel-, Sammel- und Ermäßigungsfahrscheine können in der gewählten Zone wie ein Tagesticket benutzt werden.

Dany Schrader 13.05.2010
Andreas Schinkel 13.05.2010
Andreas Schinkel 13.05.2010