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Aus der Stadt „Ich könnte heulen, wenn ich an diese kranke Welt denke“
Hannover Aus der Stadt „Ich könnte heulen, wenn ich an diese kranke Welt denke“
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08:58 18.11.2015
Von Christian Purbs
„Bitte verlassen sie diesen Bereich und machen Sie sich auf den Weg nach Hause“: Ordner sperren mit einer Kette den Zugang zum Stadion (li.). Quelle: Peter Steffen
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Hannover

Es ist 19.20 Uhr, als die Polizistin auf die kleine Gruppe vor dem VIP-Eingang der HDI-Arena zugeht. Blonde Haare, Pferdeschwanz, komisch, woran man sich hinterher erinnert. Die kleine Gruppe, das sind die B-Junioren-Spieler des SV Ramlingen/Ehlershausen, darunter auch mein Sohn, für die der Besuch des Länderspiels ein ganz besonderes Erlebnis werden sollte.

Das Treffen war für 19.30 Uhr vereinbart, fast alle sind jedoch schon früher da. „Das Spiel wurde gerade abgesagt, bitte verlassen sie diesen Bereich und machen sich auf den Weg nach Hause“, sagt die Polizistin. Nur wenig später kommt ein Kollege von ihr auf uns zu, er bestätigt die Absage und auch er bittet uns zu gehen. Wer nimmt wen mit, wer bleibt noch hier, um den anderen, die noch fehlen, Bescheid zu sagen? Diese Frage sind schnell geklärt. Und dann: Schnell weg hier.

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Das Länderspiel Deutschland-Niederlande wurde im November 2015 abgesagt. Für die ganze Stadt Hannover wurden scharfe Sicherheitsmaßnahmen getroffen.

In der Chat-Gruppe der Mannschaft, in der sonst Trainingszeiten bekanntgegeben werden und über das letzte Spiel diskutiert wird, ist die Nachricht längst online. Die besorgten Eltern, die ihre Kinder mit den Trainern und Betreuern zum Fußball geschickt haben, haben auch von der Absage gehört und wollen wissen, wo ihre Kinder sind, ob alles in Ordnung ist. Alles okay, die Kinder sind mit den Erwachsenen unterwegs zum Auto. Um kurz vor 20 Uhr heißt es im Chat: „Alle sind auf dem Heimweg.“ Und: „Ich könnte heulen, wenn ich an diese kranke Welt denke.“

Alle sind schockiert, viele traurig und enttäuscht

Der Bereich vor der Osttribüne hat sich unterdessen immer mehr geleert, viele kleine Gruppe stehen noch am Maschsee vor dem Courtyard-Hotel, reden über die Absage und tauschen die neuesten Informationen aus. Alle sind schockiert, viele traurig und enttäuscht. „Es ist dunkel, überall Polizei, keiner weiß, was los ist. Man muss die Absage akzeptieren, wir wollen ja alle wieder gesund nach Hause kommen“, sagt Thorsten Milzer aus Hannover. Bei manchen mischt sich auch Wut in die Enttäuschung. „Es sickert jetzt langsam durch, dass die Absage einen ernsten Grund hat. Das macht mich umso betroffener und trauriger. Ich habe eine große Wut auf die Terroristen und ich hoffe, dass jede französische Bombe ihr Ziel trifft“, sagt Katharina Schmidt und hält ihre Laterne von der Lichterkette wie zum Trotz fest in der Hand.

Etwas weiter steht Sören Brase mit seinem Freund am Maschseeufer und schaut fassungslos zur Arena hinüber. „Das Gefühl ist nur schwer zu beschreiben, aber was hier gerade passiert, da fühlt man sich wie im Krieg“, sagt der Fußball-Fan. Um kurz nach 21 Uhr gibt es im Fußball-Chat des RSE die Nachricht, dass alle Jungen wieder zu Hause sind. Und noch einen Nachsatz: „Unser beschauliches Hannover! Unsere kleine Welt! Wer kann es verstehen?“