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Hannover Aus der Stadt Ein sicheres Plätzchen
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21:46 11.07.2013
Foto: Ab heute ist der Bahlsenkeks wieder am Stammhaus an der Podbielskistraße zu sehen.
Ab heute ist der Bahlsenkeks wieder am Stammhaus an der Podbielskistraße zu sehen. Quelle: Rainer Surrey
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Rund zweihundert Schaulustige wollten sich das Schauspiel seiner Heimkehr nicht entgehen lassen, auch Fernseh- und Radiosender berichteten von dem Ereignis und drängten sich um Konzernchef Werner Bahlsen, der stolz und erleichtert vor dem Leibniz-Keks posierte. „Selbst ein Fernsehsender aus Japan hatte sich angekündigt“, sagte Unternehmenssprecher Christian Bahlmann gestern. Gekommen sind die Berichterstatter aus Fernost indes am Ende nicht.

Dabei ist die Geschichte vom gestohlenen, mit Blattgold verzierten Bronzekeks im vergangenen Winter einmal um die Welt gegangen. Unbekannte hatten ihn in luftiger Höhe abgeschraubt und mitgenommen, verkleidet als Krümelmonster der beliebten US-Kinderserie „Sesamstraße“ schickten sie hernach Bekennerschreiben an Bahlsen und die HAZ – allerdings erst Wochen später. So lange dauerte es, bis der Diebstahl auffiel. Die Forderung der pelzigen Erpresser: Bahlsen solle 52 000 Butterkekse an soziale Einrichtungen spenden. Bahlsen kam dieser nach, und eines schönen Tages hing der Keks am Hals des Pferdestandbilds vor dem Welfenschloss.

Sie haben ihn wieder: Der vergoldete Leibnizkeks schmückt wieder die Fassade des Bahlsenstammhauses.

Gegenwert der Medienberichte liegt bei mindestens 1,7 Millionen Euro

Nach einer Berechnung des Fachmagazins „Markt und Mittelstand“ („FAZ“-Verlagsgruppe) und der Landau Media AG hat sich der Keks-Krimi für die Gebäckfabrik kräftig rentiert. Rund 600 Mal sei Bahlsen in den Tagen des Keks-Kidnappings Ende Januar und Anfang Februar in den redaktionellen Teilen der deutschen Zeitungen aufgetaucht. Im Vorjahr seien es im gleichen Zeitraum nur 22 Fundstellen gewesen. Den Gegenwert der Medienberichte beziffert die Studie mit mindestens 1,7 Millionen Euro. Und die zahlreichen Berichte aus dem Ausland oder die Welle in den Online-Medien sind darin noch gar nicht enthalten.

Die Geschichte um den Keks-Klau ist auch ein Paradebeispiel für die Reflexe der Medien. Ein Betrieb mit bekannten Produkten, eine ratlose Polizei und obendrein auch noch die plüschige Sympathieträgerfigur aus den Kindertagen mit der Sesamstraße – ein gefundenes Fressen für die Journaille.

dpa

Am Donnerstag also kehrte der Keks zurück an die Fassade des Firmensitzes. Mit einer Hebebühne wurde er samt Bronzegießer Lothar Rieke und seinem Kollegen hinaufgefahren. Medienwirksam hielt Rieke ihn fest in beiden Händen, bis er sich ans Anbringen machte. Keine fünf Minuten vergingen, bis der Keks hing. Dafür gab es Applaus von den Menschen, die ihre Hälse reckten und den Moment mit ihren Handykameras festhielten. Von der gegenüberliegenden Straßenseite erklang aus einem offenen Wohnungsfenster sogar ein kurzes Trompetensolo.

Richtig zufrieden waren Rieke und Konzernchef Bahlsen jedoch zunächst nicht. Der Keks hing schief, linksseitig wenige Zentimeter zu tief. So fuhren die Bronzegießer erneut hinauf und justierten nach. Davon indes bekamen die meisten Schaulustigen nichts mehr mit. Eine Polizeibeamtin fuhr noch einmal für Videoaufnahmen hinauf. Zu welchem Zweck, ließen sich die Beamten nicht entlocken.

Das "Krümelmonster" stahl im Januar 2013 den Keks vom Bahlsen-Stammhaus. Die ganze Affäre zum Nachlesen.

In Zukunft ist der Leibniz-Keks unter ständiger Beobachtung. Mit einer Überwachungskamera wird er rund um die Uhr gefilmt. Macht sich jemand an ihm zu schaffen, wird ein Alarm ausgelöst. Und auch die Aufhängung sei nun sicherer, erklärte Bahlmann. Seit gestern Abend werden die Bretzelmänner samt Keks auch angestrahlt.

Seitdem die Diebe den Keks am 5. Februar am Ross vor dem Welfenschloss aufgehängt haben, ist die Beute durch viele Hände gegangen. Zunächst wurde er bei der Polizei auf Spuren untersucht. Später konnte sich jeder den Goldkeks im Landesmuseum anschauen. In Worpswede wurde er restauriert. Denn nicht nur die Zeit und das Wetter hatten am Keks genagt. „Krumm und schief bekamen wir den Keks zurück“, sagte Bahlmann. Vermutlich sei er beim Diebstahl heruntergefallen. Bronzegießer Rieke walzte den 20 Kilo schweren Keks und ummantelte ihn mit Blattgold.

Vom Krümelmonster fehlte auch am Donnerstag wieder jede Spur. Nur die Monster-Fans Ingo und Regina, die die Weltpresse im Unklaren über ihre Nachnamen ließen, zeigten stolz ihre T-Shirts mit dem Star der Sesamstraße darauf und posierten im Partnerlook vor Fernsehkameras. „Das Krümelmonster hat niemanden verletzt“, sagten sie. Die Aktion sei doch insgesamt gut gewesen, fanden sie. Schließlich seien Kekse für Kinder dabei herausgesprungen.

Keks wieder da, Uhr noch weg

Sie sind so etwas wie stumme Zeugen der Vergangenheit. Nutzlos ragen die Metallanker aus der Fassade, als wollten sie daran erinnern, das hier etwas fehlt. Schon einmal ist kunstvoller Fassadenschmuck von einem historischen Bahlsen-Gebäude verschwunden. Doch anders als der Goldkeks ist die Uhr, die in der Lister Straße oberhalb des Eingangs zum heutigen Podbi-Park hing, nie wieder aufgetaucht. Seit rund 20 Jahren ist die historische Uhr, deren Zifferblätter an einem Fassadenvorsprung über Eck angeordnet waren, verschwunden.

Als Dieb der zwölf Ziffern käme statt des Krümelmonsters wohl eher Graf Zahl infrage. Doch wahrscheinlich ist, dass irgendjemand hier das Kunststück fertiggebracht hat, eine mehrere Kilo schwere Uhr mit einem Durchmesser von etwa einem Meter zu verbaseln, obwohl diese in luftiger Höhe fest an einer Mauer verankert war.

„Etwa im Jahr 1992 wurde sie abgebaut, weil Zeiger und Ziffern überarbeitet werden sollten“, sagt Rechtsanwalt Jens Wilhelm, der lange Zeit gerichtlich bestellter Verwalter im Podbi-Park war und die Historie des Geländes gut kennt. Angeblich wurde die Uhr damals an einen hannoverschen Goldschmied oder an eine Schlosserei geschickt. Doch was dann mit ihr passierte, ist völlig unklar: Vieles im Podbi-Park war damals im Umbruch, Zuständigkeiten wechselten, Gebäude wurden umgebaut, Personal ausgetauscht. Wer die Uhr bekam und ob sie je zurückkehrte, ließ sich später nicht mehr klären – das historische Kleinod aus den Jahren 1906 bis 1909 blieb verschwunden. „Alle Recherchen verliefen im Sand“, sagt Rechtsanwalt Wilhelm.

Die Uhr war ebenso wie der Keks vergoldet, und sie war auch in einem ganz ähnlichen Stil gehalten. Der Bildhauer Georg Herting, der den Goldkeks schuf, entwarf auch die Hexe, die den Fries über dem Podbi-Park-Eingang neben den Uhrankern ziert. Jens Wilhelm will die Hoffnung, dass sich die Uhr irgendwann doch noch anfindet, nicht ganz aufgeben: „Die Titanic“, sagt er, „war schließlich auch jahrzehntelang verschwunden.“

be

Felix Klabe

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