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Aus der Stadt Bahn zahlt 200.000 Euro für Phantom-Personal
Hannover Aus der Stadt Bahn zahlt 200.000 Euro für Phantom-Personal
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07:33 03.05.2013
Von Michael Zgoll
Wo sind die 200.000 Euro geblieben? Nach Ansicht des Gerichts muss es irgendwo im Sicherheitsunternehmen „versickert“ sein.
Wo sind die 200.000 Euro geblieben? Nach Ansicht des Gerichts muss es irgendwo im Sicherheitsunternehmen „versickert“ sein. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Hannover

Doch förderte das Verfahren vor der 5. Großen Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Hildesheim so manchen Aberwitz zutage, und der Verurteilte trat eher als tragische Figur denn als ausgebuffter Krimineller in Erscheinung. Von dem Geld hat Jens D. wohl nie einen Cent gesehen, und inzwischen ist er so schwer krank und mittellos, dass die Kammer einem Antrag der Staatsanwaltschaft auf das zusätzliche Verhängen einer Geldstrafe nicht folgen mochte.

D. arbeitete nach der Jahrtausendwende bei einer Firma, die für die Absicherung von Arbeitern an Bahnbaustellen in Norddeutschland zuständig war. Er leitete ein Baubüro, teilte die Sicherungsposten im Gleisbereich ein und rechnete die Stundenlohnzettel ab. Sein Problem, so Richter Helmut Blaschek: D. leistete die Arbeit eines Sicherungsleiters, doch offiziell bekleidete er diesen Posten gar nicht. D. machte also die Arbeit eines anderen, wurde aber nicht entsprechend bezahlt.

Um sich bei seinen Vorgesetzten lieb Kind zu machen, vielleicht auch ermuntert von seinen Chefs, schrieb Jens D. der in Hannover angesiedelten DB Netz AG Überstunden auf, die gar nicht angefallen waren. Zunächst vermerkte er nur wenige, dann kam eine Lawine ins Rollen. In den Jahren 2003 und 2004 wurden der Bahn viele Tausend Arbeitsstunden für Phantom-Personal in Rechnung gestellt. Der Einsatzleiter notierte fleißig Namen von Sicherungsposten, die in Wirklichkeit in Urlaub waren, sich krankgemeldet hatten, auf anderen Baustellen beschäftigt waren oder schon gar nicht mehr bei der Firma arbeiteten. Im Zuge einer Mammut­recherche, die schließlich mehr als 50 Aktenordner füllte, spürten Staatsanwaltschaft und Wirtschaftsstrafkammer über viele Monate den Verästelungen des Betrugs nach. Der Vorsitzende Richter sprach von einem „weit über dem Durchschnitt liegenden Aufwand, um die Schadenshöhe zu ermitteln“.

Begünstigt wurden die falschen Abrechnungen durch erhebliche Mängel bei der Überprüfung der Stundenlohnzettel. „Hier hat das Kontrollsystem der Bahn versagt“, stellte Helmut Blaschek trocken fest. Ein Bahnmitarbeiter hatte im Zuge des Prozesses ausgesagt, dass er die ihm vorgelegten Zettel in gutem Glauben abgezeichnet hatte - für eine Überprüfung, ob tatsächlich jemand zu den angegebenen Zeiten an den Schienen auf Posten stand, war offenbar keine Zeit. Erst ein Hinweis von außen brachte die Revisionsabteilung der Bahn aufs Gleis.

Doch wo ist das viele Geld geblieben? Nach Ansicht des Gerichts muss es irgendwo im Sicherheitsunternehmen „versickert“ sein. Für eine Strafverfolgung anderer Firmenmitarbeiter ist es jedoch zu spät - die Taten sind verjährt. Genutzt hat die unfreiwillige Subventionierung vonseiten der Bahn dem Betrieb auch nicht nachhaltig: Er ging 2007 pleite.

Das Gericht hielt D. zugute, dass er ein Geständnis ablegte - sonst hätte sich die Beweisaufnahme um weitere Wochen verlängert. Die Gefahr, dass sich der gelernten Metallwerker noch einmal als Betrüger versucht, sah die Kammer nicht. Der korpulente Mann lebt derzeit von 906 Euro Erwerbslosenrente, ist gezeichnet von einer Krankheit - und plagt sich mit ganz anderen Sorgen als vor zehn Jahren.

Andreas Schinkel 02.05.2013