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Aus der Stadt Bahn-Streik regt niemanden auf
Hannover Aus der Stadt Bahn-Streik regt niemanden auf
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00:15 26.04.2015
Von Jörn Kießler
Foto: Keine Wartenden am Hauptbahnhof: Die meisten Reisenden hatten sich frühzeitig auf den gestrigen Streik bei der Bahn eingestellt.
Kaum Wartende am Hauptbahnhof: Die meisten Reisenden hatten sich frühzeitig auf den gestrigen Streik bei der Bahn eingestellt. Quelle: dpa
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Hannover

Die Hannoveraner haben inzwischen Routine in Sachen Bahnstreiks. So zumindest wirkte es am Mittwoch am Hauptbahnhof, an dem es selbst während der Stoßzeiten zum Berufsverkehr relativ ruhig blieb. Viele von ihnen waren offenbar auf das eigene Auto ausgewichen oder hatten sich eine Mitfahrgelegenheit organisiert. Denn während sich die Fahrgäste in den Regiobussen, die einige der ausgefallenen S- und Regionalbahnstrecken bedienen, nicht drängen mussten, bemerkte die Verkehrsmanagementzentrale (VMZ) der Region ein erhöhtes Verkehrsaufkommen auf den Schnellwegen rund um Hannover.

„Der Berufsverkehr setzte statt wie gewöhnlich um 8 Uhr schon gegen 7.15 Uhr ein“, sagt Thomas Seidel von der VMZ. „Zudem war die Belastung stärker.“ Vor allem Autofahrer auf dem Messeschnellweg zwischen Pferdeturm und Weidetorkreisel in Richtung Norden sowie zwischen Pferdeturm und Seelhorster Kreuz in Richtung Süden mussten Verkehrsbehinderungen hinnehmen.

Hannover hat Routine im Bahnstreik. So zumindest wirkt es am Morgen am Hauptbahnhof, der trotz Berufsverkehrszeit ziemlich leer ist.

Darüber hinaus staute es sich bis zum Abebben des Berufsverkehrs auch auf dem Westschnellweg und an der teilgesperrten Brücke des Südschnellwegs in Döhren. „Zudem haben wir eine erhöhte Verkehrsbelastung am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer festgestellt“, sagt Seidel.

„Im Fernverkehr für ein Drittel der Züge“

Beim Verkehrsunternehmen Regiobus hingegen führte der Ausstand der Lokführer nicht zu merklich mehr Betrieb. „Natürlich kann es sein, dass ein paar Menschen mehr mit uns gefahren sind“, sagt Regiobus-Sprecher Tolga Otkun. Dieses Phänomen sei bei Bahnstreiks immer wieder zu beobachten. „Ich denke aber, dass sich viele Pendler mittlerweile bereits im Vorfeld um eine alternative Fahrmöglichkeit gekümmert hatten“, sagt Otkun.

Den gleichen Eindruck hatte man auch am ersten Personenverkehr-Streiktag bei der Bahn. „Viele Reisende haben sich über unsere Internetseite frühzeitig informiert, ob ihre Züge fahren oder nicht“, sagt ein Unternehmenssprecher. „Natürlich waren die Züge, die gefahren sind, voller, wir hatten aber nicht den Eindruck, dass die Stimmung der Bahn gegenüber sehr schlecht ist.“

Nach Angaben des Unternehmens konnte der Ersatzfahrplan stabil bedient werden. „Im Fernverkehr für ein Drittel der Züge“, so der Bahnsprecher. „Leider haben wir es in Hannover nicht wie in anderen Städten geschafft, dass im Regionalverkehr die Hälfte alle Züge fuhr.“ Nur 40 Prozent der S- und Regionalbahnen waren planmäßig unterwegs.

Diese Tatsache freute wiederum den Vorsitzenden des GDL-Ortsverbandes, Jan Manfras. „Ich bin mit dem Streik sehr zufrieden“, sagte er bereits am Vormittag. Viele der 400 aktiven Mitglieder seines Ortsverbandes waren dem Streikaufruf gefolgt, auch wenn ihnen das teilweise logistische Probleme bereitete. Einige der Lokführer befanden sich in Süddeutschland, als sie in der Nacht zu Mittwoch die Arbeit niederlegten. Die Rückreise nach Hannover gestaltete sich daraufhin schwierig für sie. „Während des Streiks dürfen sie nicht nur selbst keinen Zug steuern“, erklärt Manfras. „Sie dürfen auch nicht beruflich damit reisen.“ Das bedeutete, dass die GDL-Lokführer zwar mit einem Zug, den ein verbeamteter Kollege fährt, reisen durften. Allerdings müssen sie dafür wie jeder andere Bahnreisende eine Fahrkarte lösen.

Weil der Zug nicht fährt: Mit dem HAZ-Taxi zum Zahnarzt

Die meisten Menschen würden jede Möglichkeit nutzen, um einem Termin beim Zahnarzt zu entgehen. Jakub Zakrzewski ist da anders. Als er am Dienstagabend feststellte, dass es am kommenden Tag wegen des Bahnstreiks schwierig werden würde, zu seinem Dentisten nach Lehrte zu kommen, versuchte er, eine Alternative zu organisieren. Dabei stieß er auf haz.de auf das Angebot, sich von einem Reporter fahren zu lassen – und meldete sich. „Den Termin in Lehrte hatte ich schon vor Wochen ausgemacht, den wollte ich nicht ausfallen lassen“, sagt Zakrzewski.

9.30 Uhr ist Starttermin vor dem Studentenwohnheim in Herrenhausen, HAZ-Reporter Jörn Kießler holt ihn ab. Während der Fahrt erzählt der 29-Jährige, der ursprünglich aus Polen stammt: „Ich hatte bis vor einem Jahr einen Zahnarzt in Hannover – mit dem war ich aber nicht zufrieden.“ Seit er aber in die Praxis in Lehrte gewechselt habe, lasse er keinen Vorsorgetermin mehr ausfallen. Auch, weil die Anreise trotz der Strecke von knapp 35 Kilometern recht einfach zu bewältigen ist. „Normalerweise fahre ich einfach mit dem Zug“, sagt der Informatikstudent. „Mit meinem Semesterticket muss ich auch nichts zusätzlich bezahlen.“

Dadurch, dass er sonst aber nur in Hannover mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist und selten auf die Bahn angewiesen ist, erwischte ihn der GDL-Streik kalt: „Ich habe von dem Streik in der Zeitung gelesen, aber irgendwie nicht geschaltet.“ Macht nichts – mit dem HAZ-Shuttle ging es über weitgehend freie Straßen nach Lehrte.

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