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Aus der Stadt Warum in Hannover so oft sonntags gebaut wird
Hannover Aus der Stadt Warum in Hannover so oft sonntags gebaut wird
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00:15 01.04.2015
Von Simon Benne
Auch am Lister Platz waren am Wochenende Bauarbeiter im Einsatz.
Auch am Lister Platz waren am Wochenende Bauarbeiter im Einsatz. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Wärme steigt vom frischen Asphalt auf. Die Hitze und der Geruch wirken fast wie Vorboten eines heißen Sommers. Doch lauschig geht es am Lister Platz nicht zu: Der Presslufthammer rattert, und Henning Oelze sitzt in seiner orangen Warnweste am Steuer des Asphaltfertigers, der die neue Straßendecke glattzieht. Der 31-Jährige arbeitet an diesem Wochenende: „Natürlich könnte man den Sonntag auch netter verbringen“, sagt er, während seine Maschine vibriert und stampft. „Aber was muss, das muss.“

An der Baustelle am Lister Platz wird auch am Sonntag gearbeitet: „An stark befahrenen Straßen ist es sinnvoll, den Verkehr so wenig wie möglich zu beeinträchtigen“, sagt Stadtsprecher Alexis Demos: „Dort wird dann auch sonntags, nachts oder in der Ferienzeit gearbeitet – wir wollen die Belastung für die Bürger so gering wie möglich halten.“

Über das Wochenende wurde an der Haltestelle Lister Platz kräftig gebaut.

Die Anwohner reagieren auf die Ruhestörung meist gelassen: „Den Lärm nehmen wir in Kauf, wenn es dafür schneller geht“, sagt Nina Riedel. Für sie haben die Sonntagsbaustellen noch einen angenehmen Nebeneffekt: Ihr kleiner Sohn kann stundenlang staunend den Walzen zusehen: „An Wochenenden verpassen wir wenigstens nichts.“

In der Baubranche sehen viele die wachsende Zahl der Sonntagseinsätze indes mit gemischten Gefühlen: „Natürlich sind sie nötig – aber ich wäre auch nicht böse, wenn sie uns erspart blieben“, sagt Stefan Fessel. Der Chef der Baufirma, die am Lister Platz arbeitet, hat 40 Mitarbeiter, packt aber auch selbst noch mit an. Sogar am Wochenende. „Mit der Logistik ist es am Wochenende nicht so einfach“, sagt der 39-Jährige: „Lastwagen brauchen spezielle Fahrgenehmigungen, und damit wir unsere Asphaltlieferungen bekommen, müssen dann auch die Kollegen im Mischwerk in Anderten ran.“ Außerdem muss er seinen Mitarbeitern Sonn- und Feiertagszuschläge zahlen.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Wochenendarbeit bei Stefan Fessels Angestellten gar nicht so unbeliebt ist: „Ich habe mich sofort gemeldet, als der Chef gefragt hat, wer am Wochenende arbeiten kann“, sagt Dilaver Sengül. Der 51-Jährige stützt sich auf die Schaufel, mit der er den heißen Asphalt verteilt: „Es gibt ja auch mehr Geld.“ Das sieht sein Kollege Celal Cömlek ähnlich: „Und zum Ausgleich habe ich nächste Woche zwei Tage frei.“

Nach Angaben der IG Bauen, Agrar, Umwelt bekommen Bauarbeiter, die an einem Sonntag im Einsatz sind, zusätzlich 75 Prozent Lohn. Für Arbeit an gesetzlichen Feiertagen gibt es gar 200 Prozent zusätzlich. Die Strategie, Staus an Werktagen zu vermeiden, hat ihren Preis: Die Bauarbeiten sind zwar schneller erledigt, wenn an Wochenenden gewerkelt wird, doch sie sind auch teurer.

Aufgrund von Baumfällarbeiten ist der Messeschnellweg am Sonntag für Autos gesperrt worden. Zwischen Mittelfeld und Seelhorster Kreuz wurden etwa 150 Bäume gefällt.

Die Straßenbauer sind nicht die Einzigen, die um des fließenden Verkehrs willen gelegentlich am Sonntag raus müssen. „Es gibt aber niemanden, der bei uns darüber klagen würde“, sagt Thomas Giese. Der Leiter des Forst-
reviers Süd steht an der Leitplanke des Messeschnellwegs. Im Stadtwald vor ihm knattert eine Kettensäge, dann fällt eine gewaltige Eiche krachend durchs Gehölz. Heute ist autofreier Sonntag auf dem Messeschnellweg: Zwischen Mittelfeld und Seelhorster Kreuz ist er gesperrt, etwa 150 Bäume werden gefällt.

Eigentlich war der Einsatz schon für einen Sonntag im Februar geplant gewesen, doch Ministerpräsident Stephan Weil hatte interveniert, um den Schnellweg für Besucher des „Klasse! Wir singen“-Liederfestes in der Tui-Arena freizuhalten. Es gibt eben auch Sonntage, an denen mehr los ist als an Werktagen. Für Forstwirt Patrick Neumann, der neben der Eiche die Kettensäge sinken lässt, ist das alles kein Problem: „Die Überstunden, die wir sonntags sammeln, können wir gut abbummeln, wenn mal was mit den Kindern ist“, sagt er. „Nur zum Regelfall sollten die Wochenendeinsätze nicht werden.“

„Teurer für den Steuerzahler“

Nachgefragt bei bei Eckhard Stoermer von der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt.

Herr Stoermer, immer mehr Bauarbeiter müssen am Wochenende arbeiten ...
... weil immer mehr Auftraggeber darauf bestehen. Städte und Gemeinden – besonders in Ballungsgebieten – wollen den Verkehr nicht unnötig mit Baustellen belasten. Im Grunde ein bürgerfreundlicher Gedanke.

Das klingt aber, als würden Sie da auch Gefahren sehen.
Mittlerweile wird die Wochenendarbeit vom Auftraggeber praktisch diktiert: Wenn eine Baufirma bei der Ausschreibung den Zuschlag bekommen will, muss sie diese Bedingung erfüllen. Da gilt das Prinzip: Friss, Vogel, oder stirb!

Was Sie als Gewerkschafter nicht gern sehen.
Natürlich halten wir Sonntagsarbeit selten für eine glückliche Lösung. Wo es sie gibt, muss sie auch angemessen bezahlt werden. Und es ist wichtig, dass es ein Rotationsverfahren in den Betrieben gibt; dass der einzelne Bauarbeiter also nicht wochenlang durcharbeitet, sondern auch Erholungszeiten hat. Es muss auch die Mitbestimmung des Betriebsrats beachtet werden.

Die Bürger profitieren aber davon, wenn Straßen am Sonntag ausgebessert werden und es keine Staus an Wochentagen gibt.
Das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Für den Steuerzahler wird es nämlich teurer, wenn auf den Baustellen am Wochenende Betrieb ist. Im Baugewerbe bekommen Arbeitnehmer am Wochenende 75 Prozent Zuschlag. Natürlich fließt das in die Kalkulation der Baufirmen mit ein, sie holen sich das Geld vom Auftraggeber wieder. Und wenn Bauarbeiter ran müssen, müssen oft auch Zulieferer arbeiten – zum Beispiel Firmen, die den Asphalt für Straßen liefern. Am Ende wird eine ganze Industrie am Sonntag in die Pflicht genommen. Es wird erwartet, dass die Mitarbeiter am Wochenende bereitstehen – und ihre Familien sind die Leidtragenden.

Simon Benne 29.03.2015
31.03.2015
29.03.2015