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Aus der Stadt Politik im Provisorium
Hannover Aus der Stadt Politik im Provisorium
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19:05 02.02.2014
Von Juliane Kaune
Foto: Ein Ort, der beeindruckt: 
In fast 15 Metern Höhe wird die neue Deckenkonstruktion über den Köpfen der Landtagsabgeordneten schweben.
Ein Ort, der beeindruckt: 
In fast 15 Metern Höhe wird die neue Deckenkonstruktion über den Köpfen der Landtagsabgeordneten schweben. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Noch braucht es eine gehörige Portion Fantasie, um sich vorzustellen, wie in diesem Raum einmal hitzige, politische Debatten geführt werden. Überall stehen Metallgerüste, hängen Kabel aus den Wänden oder liegen Säcke mit Baumaterial herum. Doch die Deckenkonstruktion, die künftig in fast 15 Metern Höhe über den Köpfen der 137 Parlamentarier des Niedersächsischen Landtages schweben wird, ist schon zu großen Teilen fertig. Seit August vergangenen Jahres wird hinter der schmucken Fassade des Georg-von-Cölln-Hauses gegenüber der Marktkirche alles vorbereitet für das Ausweichquartier, das die Abgeordneten im Zuge des anstehenden Landtagsumbaus benötigen.

Die Bauarbeiter rüsten die als „Forum des Landesmuseums“ bekannte Halle in dem 1911 erbauten Altstadthaus so her, dass die Volksvertreter dort vom 24. September an ihrer Arbeit nachgehen können – der Termin für die erste Landtagssitzung im neuen Zuhause auf Zeit steht bereits fest. Gleiches gilt für die letzte Sitzung im alten Saal: Es ist der 25. Juli. Kurz danach beginnt auch schon der Umbau des Plenargebäudes am Leineufer.

„Der Zeitplan ist eng gesteckt“, gibt Landtagssprecher Kai Sommer zu, der routiniert durch die Baustelle führt. Als Kommunikationschef findet er vielsagende Formulierungen für die anspruchsvolle Aufgabe, die Planer, Bauarbeiter und Techniker lösen müssen: „Es ist schon eine facettenreiche Herausforderung, das ehemalige Georg-von-Cölln-Haus als modernen Tagungsort für die Landtagssitzungen und den Parlamentsbetrieb herzurichten.“

Trotz des Umbauambientes ist der typische Charme der denkmalgeschützten, ehemaligen Werkhalle der Eisenwarenhandlung von Cölln noch zu erkennen. Zu beiden Seiten ist sie eingerahmt von zwei Galerien mit kunstvoll verzierten, gusseisernen Gittern. In der ersten Etage werden hinter diesen Schmuckstücken im Jugendstil künftig die Pressevertreter Platz nehmen, die über die Landtagsdebatten im direkt darunterliegenden Erdgeschoss berichten.

„Dort wird das Präsidium platziert“, sagt Sommer und deutet auf die südliche Wand der Halle. Ausgestattet mit einem Lageplan läuft er über den braun gekachelten Hallenboden, der irgendwann in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verlegt wurde. Von den Fliesen, alles in allem keine Schönheiten, wird bald nichts mehr zu sehen sein. Ein knapp 40 Zentimeter hohes, begehbares Plateau, aller Voraussicht nach bezogen mit Teppichboden, wird in die gesamte Halle eingebaut – so entsteht quasi eine zweite Schicht Fußboden. Darunter wird sich eine ganz eigene Welt auftun: Kilometer von Kabeln verlaufen dort später, Versorgungsleitungen für Licht, Klimaanlage und alle anderen technischen Einrichtungen, die für einen reibungslosen Ablauf den Plenarbetriebs nötig sind.

„Und hier sollen die Abgeordneten im Halbkreis sitzen“, erklärt Sommer mit einer ausholenden Handbewegung. Allerdings werden die Parlamentarier weniger Beinfreiheit haben: Bisher nehmen die Politiker auf Sesseln hinter Schreibtischen Platz, im provisorischen Plenum gibt es nur noch eine Kombination aus Tisch und Sitzbank. Diese ist immerhin gepolstert. Ob sich mehrstündige Debatten darauf komfortabel verfolgen lassen, wird sich zeigen müssen.

Das Provisorium kostet Geld: 3,5 Millionen Euro sind veranschlagt, um die Räumlichkeiten so umzubauen, dass sie gut zweieinhalb Jahre lang den Anforderungen genügen, die Landtagssitzungen mit sich bringen. Neben dem Mobiliar muss eine Tonanlage mit Mikrofonen installiert werden, um die Redebeiträge zu übertragen. „Die Akustik hier zu optimieren, ist ganz besonders anspruchsvoll“, sagt Sommer. Auch die Klimatisierung der historischen Halle stellt die Techniker noch vor eine schwierige Aufgabe. Gleichwohl sei man derzeit „voll im Zeit- und Kostenplan“, betont der Landtagssprecher. Dass die Umbaukosten 2012 noch mit 1,25 Millionen Euro angegeben wurden, erklärt er wie folgt: „Das waren nur erste Schätzungen.“ In diesem Betrag seien die Möbel, die Technik und die Ausstattung der Nebenräume als Büros und Besprechungszimmer noch nicht eingerechnet gewesen; auch ein barrierefreier Aufzug habe in der früheren Kalkulation gefehlt.

Moderne Multimediaanlagen sollen sicherstellen, dass die Debatten wie bisher live im Internet abrufbar sind. Direkt vor Ort können die Besucher die Wortgefechte im provisorischen Plenarsaal allerdings nicht mehr mitverfolgen. Derzeit kommen an Sitzungstagen im Schichtbetrieb täglich bis zu 1000 Besucher in Kontakt zu den Volksvertretern. Sie dürfen für eine bestimmte Zeit auch auf den Tribünen Platz nehmen. Wegen der Enge im Übergangsquartier ist dies nicht mehr möglich. „Wir ersetzen den Tribünenbesuch aber durch eine Liveübertragung in angrenzende Räume“, erklärt Sommer. In diesen Zimmern, in denen sich sonst Mitglieder der Ausschüsse treffen, können sich die Besucher während der Sitzungen aufhalten. Vermutlich werden es aber nur noch maximal 200 Gäste täglich sein. Die Möglichkeit, im Anschluss mit den Parlamentariern zu diskutieren, bleibe bestehen, versichert Sommer.

Die zweite Etage, ebenfalls ausgestattet mit einer Jugendstilgalerie, wird während des Plenarbetriebs nicht mehr zugänglich sein. Beim Baustellenbesuch ist von dort aus noch mal ein Blick nach ganz oben gestattet – auf das verglaste Spitzdach, das über der gesamten Halle thront. Dieses ist von unten aus bereits nicht mehr zu sehen. Eine neue, moderne Zwischendecke wurde eingezogen. Eine hochkomplexe Konstruktion, in die zahlreiche Scheinwerfer, Lautsprecher und andere Teile der ausgetüftelten Technik eingebaut werden.

Läuft alles nach Plan, können die Abgeordneten im Frühjahr 2017 in den dann fertig umgebauten Plenarsaal am Leineufer zurückkehren, also noch deutlich vor der Landtagswahl 2018. Die einst von Architekt Dieter Oesterlen vorgegebene äußere Form wird nun weitgehend erhalten bleiben. Die reinen Umbaukosten belaufen sich inzwischen auf stolze 52,8 Millionen Euro. Und zwar ohne die zunächst gewünschte Tiefgarage.

Ein Haus mit Geschichte

Als Eisenwarenhandlung mit Werkhalle, Büro- und Lagerflächen wurde das nach dem Eigentümer benannte Georg-von-Cölln-Haus 1911 errichtet. Im Zweiten Weltkreis wurde es zerstört und 1951 wieder aufgebaut. Später erwarb das Land Niedersachsen das Gebäude; von 1979 bis 1982 wurde es bereits für den Landtag genutzt – allerdings nicht als Plenarsaal. Danach wurden die zentral gelegenen Räume gegenüber der Marktkirche zum „Forum des Landesmuseums“, bis 2007 fanden dort Sonderschauen statt.

Es gab schon viele Ideen, wie das Forum genutzt werden könnte, nachdem der Ausstellungsbetrieb aufgegeben worden war. Mal sollte Leibniz zu Ehren kommen, mal die Welfen-Münzsammlung präsentiert werden, auch ein Auktionshaus hatte Interesse. Doch mit dem 2010 gefällten Beschluss, die Landtagspolitiker befristet umzusiedeln, waren diese Pläne obsolet. Was mit dem Forum im Herzen der Altstadt passieren soll, wenn die Parlamentarier wieder ausgezogen sind, ist noch offen. Im Gespräch ist, dort eine Begegnungsstätte für Bürger und Politiker einzurichten. Denkbar ist auch, wieder Ausstellungen zu zeigen. Marketingexperten bezweifeln, ob dies langfristig die ideale Nutzung für die historische Halle mit dem beeindruckenden Ambiente ist.

Bärbel Hilbig 02.02.2014
03.02.2014
Juliane Kaune 05.02.2014