Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Baut auf diese Stadt!
Hannover Aus der Stadt Baut auf diese Stadt!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:37 21.08.2009
Auch bei Nacht ein Blickfang: das Opernhaus Quelle: Rainer Dröse

Majestät reagierten gereizt: Irgendeiner von diesen Künstlern hatte bei König Ernst August von Hannover vorgesprochen mit der Bitte um Entlassung, da er es „in dieser langweiligen Stadt nicht aushalte“. Der Monarch, so berichtet die Anekdote, tadelte den Bohemien – doch nicht etwa für diese Despektierlichkeit, sondern für seinen Mangel an Leidensfähigkeit: „Glauben denn diese Luders, dass ich mich hier amüsiere?“

Die Komplimente großer Geister über Hannover fallen meist pflichtschuldig aus, die Liste der Lästerer dafür umso länger: Brahms fragte einen Freund einst: „Wie hältst du so lange aus in Hannover?“ Mark Twain besuchte das hiesige Opernhaus und befand danach, die Stimme des Tenors gleiche dem „Klageschrei einer Hyäne“. Gottfried Benn lamentierte, dass ihn „das heulende Elend packt, wenn ich mir diese trostlose Stadt besehe“. Und Karl Marx irrte 1867 einmal mehr, als er glaubte befinden zu müssen, Hannover sei „zum Bersten langweilig“. Wenn da mal nicht versehentlich das Bewusstsein das Sein bestimmte!

Fast alle, die irgendwann einmal kurz hier waren, fielen ein in den Chor der Lästerer. Umgekehrt besteht der Chor der Lästerer fast ausschließlich aus Leuten, die irgendwann einmal nur kurz hier waren. Gerade daran liegt es, dass Kritik fast immer auf die angebliche Mittelmäßigkeit der Stadt abzielt. Hannovers Kultur sei lauwarm, noch nicht einmal grandios gescheitert – diese Aussage durchzieht fast alle Schmähschriften, die gegen die Stadt verfasst wurden. Das liegt daran, dass viele, die Hannover nicht auf den ersten Blick liebten, für den zweiten schon keine Zeit mehr hatten. Flüchtige Betrachter verwechseln Unaufdringlichkeit oft mit Mittelmaß.

Hannover krakeelt nicht. Und nirgends pflegt die Stadt ihr Understatement so liebevoll wie auf dem Feld der Kultur. Wir machen eben nicht viel Aufhebens davon, dass Staatsschauspiel und Oper in der Bundesliga spielen, dass unsere Tanz- und Theaterfestivals, unsere Choreografen- und Violinwettbewerbe exquisit sind. Wir sonnen uns nicht im Glanze von Kurt Schwitters und Hannah Arendt, von Mousse T. und den Scorpions – obwohl wir das natürlich könnten. Wir posaunen nicht überall herum, dass wir in Gestalt von Emil Berliner 1887 die Schallplatte erfunden haben. Oder dass Kinokönig Hans-Joachim Flebbe – auch einer von uns, aber das nur am Rande – hier 1991 das erste Cinemaxx gründete. Imponiergehabe ist uns fremd. Weil wir es nicht nötig haben.

Hannovers Kulturleben ist von jener Souveränität, die nicht auf Effekte angewiesen ist. Sie braucht nicht jene zur Schau getragene Weltmännischkeit, die der sicherste Indikator für Provinzialität ist. „Der Hannoveraner“, schrieb Karl Jakob Hirsch in seinem Roman „Kaiserwetter“, sei „voll Sinn für das Praktische und auch für das Schöne“. Der Hannoveraner ist eben so einer wie Georg Ludwig Friedrich Laves. Der oberste Baubeamte der Stadt war einer der glanzvollsten Architekten seiner Zeit. Und er bewohnte selbst nur den zweiten Stock seines Hauses. Die unteren Geschosse wurden vermietet, um eine Hypothek abzubezahlen.

Das ist Hannover.

Die Stadt pflegte immer einen pragmatischen Umgang mit der Kultur. Die erste Oper wurde hier 1689 gespielt, um Geld zu sparen. Angeblich reiste Herzog Ernst August gerne zu kulturellen Lustbarkeiten nach Venedig, immer mit großem Gefolge. 1684 blieb er gleich für zwei Jahre dort; so ein Karneval konnte sich eben hinziehen. Also bauten die Stände dem Landesherrn kurzerhand ein Schlosstheater an der Leine – um seine kostspieligen Eskapaden im Zaum zu halten.

Das ist Hannover.

In jener Zeit begann Hannovers Tradition als Karrieresprungbrett für Künstler. Händel trat hier 1710 seine erste Kapellmeisterstelle an, ehe er nach England ging. Schauspieler wie Dieter Borsche und Theo Lingen, Theaterintendant Ulrich Khuon, Pianist Lars Vogt, sogar die Magazine „Spiegel“ und „stern“ – sie alle sind auf ihre Art hannoversche Gewächse. Sie erfanden sich hier, um sich anderswo teuer zu verkaufen. Weil Hannover groß genug ist, um keine Provinz, und klein genug ist, um nicht schon selbst Weltstadt zu sein. Die Theater und Kulturzentren wie „Eisfabrik“, „Sprengel“ oder „Faust“ sind innovativ, experimentierfreudig – und finden ihr Publikum. Es ist, wie Count Basie bei seinem Besuch 1975 sagte: „Hier ist Leben, hier bewegt sich etwas. Das gefällt mir.“

Das ist Hannover.

Bei alledem kommt hier die Weltläufigkeit oft sehr bodenständig daher und das Bodenständige sehr weltläufig. Hannover ist ein schlechter Ort für Bussikultur und ein guter Ort für kulturellen Bürgersinn. Museen gehen hier auf Mäzene wie August Kestner und Bernhard Sprengel zurück. Unternehmer wie der Verleger August Madsack und Conti-Direktor Siegmund Seligmann gründeten 1916 die Kestnergesellschaft. „Was immer hier an Überdurchschnittlichem, Modernem oder gar Provokantem geschieht, es entsteht aus einer privaten Initiative heraus“, schrieb Joachim Ringelnatz, der in den Zwanzigern oft dort las.

Dass sich gerade hier so viel kultureller Bürgersinn entwickelte, liegt auch daran, dass Hannover über Jahrzehnte ein Königreich ohne König war: Die Welfen regierten in London; anders als in anderen Residenzstädten gab es keinen Hof, der Künstler anzog. Die Bürger mussten sich kulturellen Glanz auf eigene Faust in die Stadt holen, ganz ohne Obrigkeit. So hoben sie Einrichtungen wie 1832 den Kunstverein aus der Taufe. Der Tuchfabrikant David Conrad Bernhard Hausmann eröffnete 1812 eine öffentliche Galerie, der Flohmarkt sorgt bundesweit für Furore. Heute haben wir für kleine Feste große Gärten und für Spaziergänge rote, grüne und blaue Fäden. Jazz gibt es hier nicht nur im Jazz-Club, sondern auch vorm Neuen Rathaus. Und Lichtkunst nicht nur in Galerien, sondern dank des Galeristen Robert Simon auch auf der Georgstraße. Hannover ist die Stadt, in der selbst Bushaltestellen von den Mendinis entworfen worden.

Nike de Saint Phalle, jene Künstlerin, die mit Hannover in einer Art symbiotischer Beziehung lebte, schuf 1974 ihre Nanas. Damit kam nicht nur die Kunst auf die Straße, sondern zugleich die Kunstkritik: Heute gehört es zum Ehrenkodex selbst abgebrühter Graffitisprayer, dass die Nanas tabu sind – doch damals gab es heftige Debatten um sie.

Auch das gehört zum kulturellen Bürgersinn der Hannoveraner: Sie akzeptieren nichts widerspruchlos, nur weil es anderswo als Hochkultur sakrosankt wäre. Wenn der Regisseur Calixto Bieito eine blutrünstige Operninszenierung abliefert, wenn der Künstler Santiago Sierra 320 Kubikmeter Schlamm in die Kestnergesellschaft pumpt oder der Bildhauer Alfred Hrdlicka einen „Haarmann-Fries“ schafft, geht die halbe Stadt auf die Barrikaden. Das hat wenig mit Provinzialität zu tun und viel mit Partizipation. Und damit, dass Hannover eine Kulturstadt ist. Eine, die selbstbewusst genug ist, um keinen Beifall zu benötigen.

Mehr zum Thema

Unter Schmerzen hat der Hannoveraner sich daran gewöhnt, dass diese Stadt ein Durchlauferhitzer oder ein Sprungbrett ist.

Rainer Wagner 24.08.2009
Aus der Stadt Schöne Grüsse... - vom Leibniztempel

Mit ihren Denkmälern verfahren die Hannoveraner traditionell eher pragmatisch: Wenn es ihnen angebracht erscheint, versetzen sie sie kurzerhand.

24.08.2009
Aus der Stadt Schöne Grüße... - ...von der Markthalle

Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wie der Bombenkrieg Hannover verändert hat, braucht sich nur mit dieser um 1930 aufgenommenen Postkarte vor die heutige Markthalle zu stellen.

24.08.2009
Aus der Stadt Unser Hannover - Typisches Essen

Was ist typisch hannoversch, wenn es ums Essen geht?

21.08.2009
Aus der Stadt Serap Aydin über die Pastelaria Luis - Süßes gegen Fernweh

Serap Aydin (26), Studentin aus Linden: "Wenn bei mir Fernweh aufkommt, dann gehe ich in die ,Pastelaria Luis‘ in der Deisterstraße. 

24.08.2009
Aus der Stadt Eva Lompa über nette Lokale - Plaudern mit der halben Welt

Eva Lompa (46), Diplom-Betriebswirtin: "In entspannter Atmosphäre draußen sitzen – das ist genau das Richtige für mich. Sehr gut geht dies im ,Castillo‘, einer gemütlichen Tapas-Bar in der List.

21.08.2009