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Aus der Stadt Bedingte Orientierung durch Pflege-Beratung
Hannover Aus der Stadt Bedingte Orientierung durch Pflege-Beratung
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00:23 18.02.2015
Von Gabi Stief
Kornelia Riechers berät im Wunstorfer Pflegestützpunkt zum Thema Pflege. Quelle: Marta Krajinović
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Hannover

Die Geschichte mit dem Hund wird  Heike Orthmann wohl nicht so schnell vergessen. Sie lacht. Heute. Damals, als sie der unbekannte Anrufer eindringlich aufforderte, endlich den Hund von seiner Decke zu nehmen, war ihr schon seltsam zumute.

Geübt im Umgang mit leicht verwirrten Gesprächspartnern, erbat sie die Adresse, machte sich auf den Weg und landete schließlich in einem verdunkelten Schlafzimmer auf einem abgelegenen Bauernhof. Im Bett lag ein kranker Mann, etwa 80 Jahre alt, der sie anflehte, ihm die Flasche Eckes Edelkirsch vom Tisch zu reichen. Er selbst konnte sich nicht bewegen, da auf der Bettdecke sein gerade verstorbener Jagdhund ruhte. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass der Sohn in den Urlaub gefahren war, ohne für eine zuverlässige Betreuung des Alten zu sorgen. Heike Orthmann informierte einen Pflegedienst. Damit kennt sie sich aus. In der Regel ist ihr Arbeitsalltag allerdings weniger aufregend.

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Heike Orthmann weiß, wie man Pflegestufe I beantragt und was man beachten sollte, bevor man bei der Pflegekasse anfragt. Sie kann in einfachen Worten erklären, was eine Patientenverfügung ist, und wenn man sich um die 90-jährige Mutter sorgt, weil die sich nicht mehr erinnert, wo der Kaffee im Schrank steht, hilft sie mit den Adressen von Demenz-Gruppen weiter.

„Woher soll ich wissen, wie es um die Qualität bestellt ist?“

Orthmann ist Mitarbeiterin im Wunstorfer Pflegestützpunkt, die einzige Vollzeitkraft neben zwei Teilzeitbeschäftigten; sie berät, kostenlos und neutral. Eine Auskunft über schlechte Heime oder eine Empfehlung für vorbildliche Pflegedienste wird man von ihr nicht bekommen. Die Geschäftsordnung verlangt ausdrücklich Unabhängigkeit. „Woher“, sagt sie, „soll ich überhaupt wissen, wie es um die Qualität des Anbieters bestellt ist?“

30 Stunden in der Woche wartet sie auf Kundschaft. Manchmal vergeblich. Es gibt Tage, da wirkt die helle Büroetage im Wunstorfer Ärztehaus wie eine Oase der Stille. Keine Ratsuchenden vor der Tür; selbst das Telefon schweigt über Stunden. Überraschend ist dies schon. Schließlich wird immer wieder beklagt, dass viele überfordert sind, wenn es plötzlich darum geht, die Pflege eines Angehörigen zu organisieren.

Die Große Koalition, die 2008 in Berlin regierte, hielt das Problem jedenfalls für gravierend und machte individuelle Pflegeberatung zur Pflicht. Weil man diese Aufgabe nicht allein den Pflegekassen überlassen wollte, wurde die Idee einer unabhängigen Beratungsstelle geboren, an der sich Kassen, Kommunen und Pflegeanbieter beteiligen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt träumte von 4000 Pflegestützpunkten, die einen Rundum-Service bieten – von der Vermittlung einer Haushaltshilfe, über eine Liste der Pflegeheime im Stadtteil bis zum Pflegegeld-Antrag.

Statt 4000 gibt es sieben Jahre später rund 500 Anlaufstellen. Zwei Länder – Sachsen und Sachsen-Anhalt – haben sich gar nicht erst beteiligt und verfolgen ein eigenes Beratungskonzept. Die Region Hannover ging in den vergangenen drei Jahren mit fünf Stützpunkten an den Start. Zwei davon organisiert die Stadt Hannover in Eigenregie. Das Prinzip „alles unter einem Dach“ ist ein Traum geblieben.

Kassen beharren auf festen Öffnungszeiten

Hätten die Planer im Regionshaus freie Hand gehabt, sähe das Angebot ohnehin ganz anders aus. Nach den Erfahrungen mit einem Modellstützpunkt in Langenhagen war Tanja Krug vom Team „Hilfe zur Pflege“ überzeugt, dass feste Beratungstermine in jeder der 21 Kommunen der sinnvollere Weg wären. Doch die Kassen, die jährlich 50.000 Euro an jeden Stützpunkt überweisen, beharrten vertraglich auf festen Öffnungszeiten an einem Standort, 30 Stunden wöchentlich, einmal in der Woche bis 18 Uhr. Alles andere wäre die „Atomisierung einer Idee“, hieß es.

„Überflüssiger Bürokratismus“, schimpft dagegen Tanja Krug. Mit dem Bedarf habe das von den Kassen durchgesetzte Konzept wenig zu tun. Schließlich gehe es um ältere Menschen, die häufig nicht mehr so fit sind, um für eine Beratung weite Wege nach Wunstorf, Empelde oder Burgdorf in Kauf zu nehmen. Heike Orthmann versucht, nebenbei noch Zeit zu finden, Ratsuchende auf Wunsch zu Hause zu besuchen oder sogenannte Außensprechstunden anzubieten. Knapp 1000 „Kundenkontakte“ hat Tanja Krug im vergangenen Jahr an allen drei Standorten registriert. Die Hälfte waren Telefonanfragen, weitere 10 Prozent Hausbesuche. Jeder Dritte wünschte sich Hilfe bei der häuslichen Pflege.

Altersarmut ist bei uns seit Jahren das große Thema“

In den Pflegestützpunkten der Stadt Hannover dreht sich dagegen fast alles ums Geld. „Altersarmut ist bei uns seit Jahren das große Thema“, erzählt Manuela Mayen vom kommunalen Seniorenservice. Viele Rentner, die vor dem Beratungszimmer im Ihme-Zentrum warten, kommen mit finanziellen Sorgen. „Die einen können die Stromrechnung nicht mehr bezahlen, andere hoffen auf einen Zuschuss zur neuen Brille.“ Mayens Mitarbeiterinnen versuchen, mit Spenden zu helfen. 2100 Gespräche hat sie 2014 gezählt. Manchmal springen Ehrenamtliche ein, die auf Vermittlung des Stützpunkts kostenlos Reparaturen im Haushalt übernehmen oder sich als Begleiter beim Spaziergang anbieten. Wenn es darum geht, die eigene Wohnung umzubauen und den Ansprüchen des Alters anzupassen, stehen zudem geschulte Wohnberater bereit.

In Hannover zahlt sich die seit Jahren praktizierte Schulung von Freiwilligen im Seniorenservice-Büro aus. Das Thema Pflege ist in den beiden Stützpunkten nur eines von vielen. Ein Konzept, das vom niedersächsischen Sozialministerium ausdrücklich erwünscht ist.

Dort übt man sich in Selbstkritik; bereut „unübersichtliche Angebote“ und „Doppelstrukturen“ und hat vor einem Jahr eine neue Beratungsstellen-Generation ausgerufen. Alle Pflegestützpunkte im Land werden nun in „Senioren- und Pflegestützpunkt Niedersachsen“ (SPN) umgetauft und mit jährlich 40 000 Euro gefördert – zusätzlich zu den 50.000 der Kassen. Der neue Auftrag lautet: Neben der Pflegeberatung lokale Netzwerke für ältere Menschen knüpfen. „Impulsgeber“ und „Schnittstelle“ sollen sie sein; mehr als 40 gibt es mittlerweile landesweit.

Heike Orthmann ist schon lange dabei. Bereits vor zehn Jahren beantwortete sie Fragen zur Pflege am Beratungstelefon der Region. Sie hat in den vielen Jahren gelernt, Probleme im Gespräch zu erspüren. Das zentrale Problem alter Menschen sei die Einsamkeit, sagt sie. Und die schleichende Verwahrlosung. Viele trauten sich leider nicht, um Hilfe zu bitten. Wie der Mann, der eines Tages anrief, um unbedingt jemandem mitzuteilen, dass nach 14 Jahren sein Hund gestorben ist.

Beratungsstellen in der Region

Fünf Pflegestützpunkte bieten kostenlos Rat:    
Senioren Service Zentrum, Ihmepassage 5, Telefon (0511) 16 84 23 45, mit Nebenstellen im Stadtbezirksbüro Ricklingen und der Begegnungsstätte Herrenhausen
Seniorenwohnanlage Luise-Blume-Stiftung, Luise-Blume-Straße 1, Telefon (0511) 16 84 23 45, mit Nebenstellen im Stadtbezirksbüro Rathaus Misburg und Rathaus Bemerode
Pflegestützpunkt Burgdorfer Land, Marktstraße 55, Burgdorf, Telefon (0511) 70 02 01-16, -17
Pflegestützpunkt Calenberger Land, Am Rathaus 14a, Ronnenberg, Telefon (0511) 70 02 01-18, -19
Senioren- und Pflegestützpunkt Unteres Leinetal, Am Stadtgraben 28a, Wunstorf, Telefon (0511) 70 02 01-14, -15

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